Burkini-Bilder aus Nizza: Was geschah wirklich? | Europa | DW | 25.08.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Burkini-Bilder aus Nizza: Was geschah wirklich?

Eine Frau soll wegen ihrer Kleidung am Strand von Nizza eine Strafe zahlen. Sie sei zum Ausziehen eines Burkinis gezwungen geworden, hieß es zunächst. Aber hat es sich tatsächlich so zugetragen? Lisa Louis berichtet.

Die Fotos sind zunächst Dienstag Abend auf der Seite der britischen Boulevardzeitung Daily Mail zu sehen. Doch sie breiten sich schnell in den Medien und im Internet aus. Zu sehen ist eine Frau, die am Steinstrand des südfranzösischen Nizzas liegt und schläft. Sie trägt schwarze Leggins, ein türkisfarbenes, langärmeliges Oberteil und ein türkisfarbenes Kopftuch. In weiteren Fotos sieht man wie dann vier Streifenpolizisten auf sie zulaufen. Sie setzt sich auf und unterhält sich mit ihnen und zieht ihr türkisfarbenes Oberteil aus. Darunter trägt sie ein schwarzes ärmelloses Shirt. Einer der Polizisten schreibt etwas in sein Notizbuch. Die Fotos, die diese Szene zeigten sorgten für einen Sturm der Empörung und sie haben die Debatte um das Verbot des sogenannten Burkinis an französischen Stränden erneut angeheizt.

Twitter-Benutzer reagieren auf die Fotos mit dem Hashtag #WTFFrance (Was zur Hölle, Frankreich). Ein User meint zum Beispiel: "Eine Frau, die ihren Kopf freiwillig für Allah mit einem Tuch bedeckt, ist unterdrückt, aber eine Frau, die von vier Polizisten gezwungen wird, sich auszuziehen, ist frei." Eine andere Nutzerin schreibt: "Lasst uns nicht länger so tun, als wäre Frankreich das Land von Freiheit und Gleichheit, wenn es so etwas zulässt." Wieder andere veröffentlichen Bilder von verhüllten Nonnen am Strand. "Und was ist mit denen?", fragt einer.

"Sie hat das Oberteil aus freien Stücken ausgezogen"

Taz Cover zu Burkini-Verbot in Frankreich (Foto: taz.die tageszeitung)

Die deutsche "tageszeitung" berichtete auf ihrer Titelseite über den Vorfall

Doch was genau ist an diesem Dienstag um circa elf Uhr morgens am Strand von Nizza passiert? Haben die Polizisten die Frau wirklich dazu gezwungen, ihr Oberteil auszuziehen? Nein, sagt zumindest die Stadtverwaltung. "Die Frau wollte zeigen, dass sie einen Badeanzug trägt - aber keiner hat sie dazu gezwungen, ihr Oberteil auszuziehen", sagt Erwann Le Hô, Sprecher der Stadt Nizza der Deutschen Welle. "Die Polizisten haben ihr gesagt, dass sie nur ohne die Tunika am Strand bleiben darf. Aber sie hat sie wieder angezogen. Also musste sie eine Strafe von 38 Euro zahlen. Kurze Zeit später hat sie den Strand verlassen - friedlich."

Ein Sprecher der Polizei stimmt dem zu. "Bei einem einfachen Erlass dürfen wir Menschen gar nicht zu irgendetwas zwingen - außer, um die Identität von jemandem zu kontrollieren. Sie hat das Oberteil aus freien Stücken ausgezogen", sagt Philippe Steeve von der Gewerkschaft der Streifenpolizisten SDPM zur Deutschen Welle. Es ist jedoch schwierig, diese offizielle Version zu überprüfen. Denn der Name der Frau ist bis heute nicht bekannt.

Waren die Fotos gestellt?

Die Bilder hat ein freier Fotograf der Agentur Bestimages gemacht. Manche - wie auch der Politologe Laurent Bouvet - vermuten, dass der Fotograf die Szene gestellt hat, um zu testen, ob das Verbot tatsächlich umgesetzt wird. "Es ist völlig angemessen, sich hier ein paar Fragen zu stellen", schreibt Bouvet auf seiner Facebook-Seite. Ihn wundere, dass die Frau sich ohne Badetasche zum Schlafen auf die harten Steine gelegt hat. Und dass die Fotoserie anfängt, noch bevor die Polizisten bei der Frau angekommen sind.

Vorwürfe, die Bestimages von sich weist. "Ich versichere Ihnen, an dieser Bilderserie ist nichts gestellt oder inszeniert", sagt ein Manager der Agentur zur französischen Tageszeitung Libération. Dennoch: Der Fotograf möchte lieber anonym bleiben.

Ob nun gestellt oder nicht, gezwungen oder freiwillig - die Fotos haben eine Debatte weiter befeuert, die seit nunmehr zwei Wochen ein vorherrschendes Thema in Frankreichs Medienlandschaft ist. Und sie zeigen, dass dieses Verbot sich nicht nur gegen Burkinis richtet - schließlich trug die Frau in Nizza Kopftuch, langes Oberteil und Hose. Mehr als 20 Gemeinden haben nach Cannes inzwischen ein solches Verbot erlassen. Die Nichtregierungsorganisationen Französische Liga für Menschenrechte (LDH) und das Kollektiv gegen Islamfeindlichkeit haben gegen die Erlasse geklagt und die Sache vor den Conseil d'Etat, das oberste französische Verwaltungsgericht, gebracht.

Ein Verbot, um die öffentliche Ordnung zu wahren

Video ansehen 01:45

My Picture of the Week | Bikini & Burkini

Die lokalen Politiker, die die Verbote erlassen haben, sagen, nur so könne die öffentliche Ordnung gewahrt werden. Denn Bürger könnten den Burkini mit Terrorismus assoziieren und dadurch könnten Auseinandersetzungen entstehen. Das Wort "Burkini" wird übrigens in den Erlassen nicht erwähnt. Man umschreibt ihn unter anderem als "unangemessene Kleidung, die gute Sitten und die Trennung von Kirche und Staat nicht respektiert".

Jean-Pierre Dubois, Jurist und Ehrenpräsident der LDH, hält das alles für einen Vorwand. Für ihn ist Frankreich dabei, den Verstand zu verlieren. "Es geht hier nur um Wählerstimmen - denn die Politiker wissen, dass solche Maßnahmen populär sind", sagt er der Deutschen Welle. Eine Umfrage diese Woche hat gezeigt, dass zwei Drittel der Franzosen gegen den Burkini sind. "Aber wir spielen doch damit den Terroristen in die Hände und spalten die Gesellschaft", sagt er mit Nachdruck. Schließlich würde das nur dazu beitragen, dass Muslime sich in Frankreich noch mehr stigmatisiert fühlten und so für Terroristen leichter zu rekrutieren seien.

Das französische Verwaltungsgericht sollte eigentlich am Donnerstagabend über die Sache entscheiden. Nun ist das Urteil auf Freitag verschoben. Wahrscheinlich sind sich auch die Richter darüber im Klaren, dass ihre Entscheidung Frankreichs weiteren Weg im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus beeinflussen wird.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema