Deutscher Einsatz in chinesischer Privatklinik | Europa | DW | 24.02.2021
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Bundeswehr in Portugal

Deutscher Einsatz in chinesischer Privatklinik

Seit drei Wochen helfen deutsche Ärzte bei der COVID-Bekämpfung in Portugal. Vor Ort werden sie gefeiert. Doch es gibt auch Kritik: Die Privatklinik, in der sie arbeiten, ist in der Hand eines chinesischen Großinvestors.

Portugal Lissabon | Corona-Nothilfe der Bundeswehr | Luftwaffe gelandet

26 Bundeswehr-Ärzte sind Anfang Februar nach Portugal eingeflogen worden, um dort bei den Bekämpfung der Corona-Pandemie zu helfen

Der schlimmste Tag in Dinora Januários Leben ist keine vier Wochen her. Die junge Krankenschwester hatte gerade ihren Dienst auf der Intensivstation der Klinik Santa Maria angetreten, dem größten öffentlichen Krankenhaus in Portugals Hauptstadt Lissabon. Als koordinierende Krankenschwester war sie an dem Tag für die Betreuung der Neuaufnahmen zuständig. Eine unmögliche Aufgabe, denn mit jeder Stunde wurde die Schlange der Rettungswagen vor dem Krankenhaus länger. Irgendwann warteten 41 Fahrzeuge vor der Notaufnahme.

"Ich fühlte mich plötzlich wie in einem Kriegsgebiet", erinnert sich Januário. "Ich musste an der Eingangstür mitentscheiden, welche Personen wir noch aufnehmen können und welche nicht. Die Menschen lagen ohne ausreichend Sauerstoff in den Rettungswagen, sie konnten kaum noch atmen. Es war alles unerträglich."

Portugal | Coronavirus

Bilder von sich stauenden Rettungswagen vor Portugals Notfallambulanzen gingen Anfang des Jahres um die Welt.

Gefeiert wie Superstars

Die Bilder der Rettungswagen-Staus gingen um die Welt - und Portugals Regierung bat seine europäischen Partner um Hilfe. Die Deutschen waren die ersten, die reagierten. Anfang Februar schickte das deutsche Militär medizinisches Personal und Hilfsgüter auf den Weg. Seitdem helfen 26 Bundeswehr-Ärzte und Pfleger bei der Behandlung der portugiesischen COVID-Patienten. Und die Portugiesen zeigen sich überaus dankbar. An der Ampel würden ihnen Fremde in anderen Autos zuwinken und mit ihren Daumen nach oben zeigen, berichtet das Bundeswehr-Team.

Doch es gibt auch Kritik an dem Einsatz, denn die portugiesische Regierung schickte die Deutschen nicht etwa in eine der völlig überlasteten öffentlichen Kliniken oder in eines der provisorisch errichteten Feldkrankenhäuser. Die deutschen Mediziner arbeiten im Hospital da Luz, einer von Portugals renommiertesten – und teuersten – Privatkliniken. Zwar beeilten sich alle Beteiligten hervorzuheben, dass die deutschen Ärztinnen und Ärzte dort natürlich trotzdem Patienten aus dem öffentlichen Gesundheitssystem behandelten. Dennoch führte die Regierungsentscheidung zu einer neuen Debatte in der portugiesischen Gesellschaft, ob sich die privaten Krankenhäuser, die sich zumeist über teure Zusatzversicherungen finanzieren, genug an der Bekämpfung der dramatischen Corona-Situation im Land beteiligen.

Portugal Corona-Pandemie | Bundeswehr hilft | Einarbeitung

Deutsche Ärzte bei ihrer Einarbeitung in der Lissabonner Privatklinik Hospital da Luz.

Profit trotz Corona

Im aktuellen Geschäftsbericht von Luz Saúde, dem Betreiber des Krankenhauses, heißt es, man wolle sich trotz der "außergewöhnlichen Zeiten" auf Umsatzsteigerung und Rentabilität konzentrieren. Auf der Website der Klinik wird hervorgehoben, dass trotz der Pandemie alle regulären Leistungen des Hauses aufrechterhalten werden können. Diese Leistungen reichen von Krebsbehandlungen bis zu Schönheits-OPs. Auf DW-Nachfrage bestätigt Joao Gouveia, Leiter des Notärztlichen Anti-COVID-Beobachtungskomitees des Gesundheitsministeriums, dass das Privatkrankenhaus sich auch "die Nutzung ihrer Infrastruktur" von der Regierung zahlen lasse. Konkret: Portugals Regierung muss zahlen, damit die deutschen Helfer auf der dortigen Intensivstation arbeiten können. Luz Saúde war zu keinem Interview zum Thema bereit, teilte allerdings schriftlich mit, dass sich das Unternehmen "in der kritischen Phase, durch die Portugal geht, nicht finanziell an der Situation bereichern" wolle.

Besondere Brisanz erhält die Angelegenheit in den Augen vieler Portugiesen, da Luz Saúde seit rund zwei Jahren vom chinesischen Großkonzern Fosun kontrolliert wird. In den vergangenen Jahren haben chinesische Investoren im großen Stil portugiesische Gesundheitsanbieter und andere Dienstleistungsunternehmen des Landes aufgekauft - ein Trend, der viele Beobachter zunehmend besorgt. Investigativjournalist Rui Barros konnte in einem umfangreichen Datenprojekt nachweisen, dass Luz Saúde allein in den ersten sieben Monaten der Pandemie Aufträge zur COVID-Bekämpfung in Höhe von rund 40 Millionen Euro von der portugiesischen Regierung erhalten hat. "Es ist schon interessant, dass die drei Unternehmen, die die meisten Gelder in dem Zusammenhang bekommen haben, allesamt enge Beziehungen nach China haben", so der Journalist. Er vermisst in Portugal - und im Rest des Kontinents - eine Debatte darüber, was das mittel- und langfristig für den politischen Einfluss Chinas in Europa bedeutet.

Portugal | Krankenschwester Hospital Santa Maria in Lissabon

Krankenschwester Dinora Januário ist froh über die deutsche Hilfe in ihrem Heimatland.

Kein Grund zur Entwarnung

Auch Krankenschwester Dinora Januário war anfangs verwundert, dass die deutschen Pfleger und Ärzte ausgerechnet ins Hospital da Luz geschickt wurden. Doch sie ist froh, dass überhaupt medizinische Unterstützung aus dem Ausland kommt. Inzwischen haben sich die Rettungswagen-Schlangen vor ihrem Krankenhaus aufgelöst, seit gut einer Woche gehen die Neuansteckungs-Zahlen in Portugal deutlich zurück. Trotzdem ist das für die Krankenschwester noch kein Grund zur Entwarnung. "Vor allem die psychologischen Folgen werden bei uns allen noch lange nachwirken, sehr lange sogar."