Bundesliga und Co. aus China: Illegales TV-Streaming boomt weiter | Wirtschaft | DW | 20.09.2019
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Medien

Bundesliga und Co. aus China: Illegales TV-Streaming boomt weiter

Viel Geld bezahlen, um die neuesten Filme, Serien oder Fußballspiele zu sehen? Viele Internetnutzer streamen stattdessen illegal. Angebote gibt es viele - daran dürfte auch die jüngste Razzia in Europa wenig ändern.

Die Zahlen klingen beeindruckend: Über 200 illegale Server haben Ermittler in dieser Woche vom Netz genommen. Server, die illegal Programme aus dem Pay-TV angeboten haben. Die abgeschalteten und beschlagnahmten Computer waren in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden in Betrieb. Aber auch in Griechenland und Bulgarien wurde ermittelt. Nach Schätzungen der Behörden liegt der Schaden für die legalen Anbieter bei etwa 6,5 Millionen Euro. Von der europäischen Justizbehörde Eurojust hieß es, man könne daran erkennen, dass das organisierte Verbrechen mittlerweile seine Aktivitäten auf diesen Bereich ausgedehnt habe.

Was die Ermittler nicht sagen – aber sehr wohl wissen dürften – die stillgelegten 200 Server sind nur ein verschwindend kleiner Teil der Szene. Es gibt jede Menge Anbieter illegaler Streams. Dagegen tatsächlich anzukommen, ist alles andere als leicht. Das liegt unter anderem auch an der Technik, mit der Bezahl-Inhalte heute verbreitet werden. Die macht es den illegalen Anbieten oft noch zu leicht. "Die meisten Hacker setzen auf das ganz normale Fernsehsignal", erklärt Nico Jurran, Fachredakteuer der Computerzeitschrift c't. Zwei gängige Methoden gibt es zur Zeit.

Hacken oder sharen?

Häufig kaufen Hacker ganz regulär das Abo eines Pay-TV-Anbieters. Sie empfangen das Programm, das sie illegal streamen wollen, speichern das Fernsehsignal und entfernen daraus die Verschlüsselung. Danach kann dieses Programm illegal weiterverbreitet werden.

Die zweite Möglichkeit ist das so genannte "Card-Sharing". "Dabei wird eine echte Chipkarte in einem speziellen Receiver betrieben", so Jurran. Die Daten dieser Karte lassen sich dann teilen, so dass weitere Nutzer damit die Pay-TV-Inhalte gucken können." Der Pay-TV-Anbieter verkauft also ein normales Abo, dieses wird aber von Dutzenden wenn nicht Hunderten Zuschauern genutzt – auch da entgeht den Anbietern also eine Menge Geld.

Ein Inhalt ist bei Zuschauern illegaler TV-Streams dabei besonders beliebt: Fußball, speziell die Deutsche Bundesliga. Was einen nicht wundert, wenn man sich die Preislisten der legalen Anbieter anschaut. Denn wer alle Spiele seines Lieblingsvereins legal gucken möchte – neben den Bundesliga-Partien vielleicht auch noch die internationalen Spiele – muss 20 bis 30 Euro pro Monat dafür ausgeben. Das illegale Streaming scheint da attraktiver, zumal man per Internet-Suche schnell eine ganze Reihe dieser Angebote findet.

Bundesliga in China: Ein Einfallstor für Hacker

Dass es überhaupt so viele illegale Anbieter für Fußballspiele gibt, liegt dabei auch an der Vermarktungsstrategie der Deutschen Bundesliga. Seit einiger Zeit versuchen die Manager der Vereine, die Liga in China populär zu machen. Inzwischen gibt es auch chinesische Fernsehsender, die Bundesligaspiele übertragen. Während die Bundesliga in Deutschland allerdings als Premiumprodukt beworben wird, ist sie in China bei weitem noch nicht so populär – entsprechend können die Sender auch keine so hohen Preise verlangen.

Nico Jurran (Heise Medien/Melissa Ramson)

Nico Jurran ist c't Redakteur

Hinzu kommt: Die in China ausgestrahlten Programme sind häufig leichter zu knacken, so c't-Redakteur Nico Jurran: "Die Bundesliga läuft in China als fünftes oder sechstes Sportprogramm. Für die Hacker ist es deshalb interessant, weil sie zum einen wenig dafür bezahlen, um das empfangen zu können. Und oft ist auch die technische Sicherung dieser Programme nicht so hoch wie in Deutschland." Und ist das TV-Signal einmal entschlüsselt, kann es problemlos neu gestreamt werden – dank Internet auch rund um den Globus; auch zurück nach Deutschland.

Pay-TV-Anbieter können Verschlüsselung nur begrenzt verschärfen

Nico Jurran glaubt daher auch nicht, dass die aktuelle Razzia die Szene wirklich in Bedrängnis bringt: "Was wir gesehen haben, das war eine von vielen Aktionen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen; das es seit Jahren so geht." Und das, obwohl die Pay-TV-Anbieter ihre Sicherheitsvorkehrungen schon deutlich verschärft haben. Noch vor einigen Jahren war es sehr einfach, die Verschlüsselung zu knacken; inzwischen hat sich das geändert. Die Pay-TV-Anbieter schicken immer wieder neue Verschlüsselungsinformationen an ihre Codekarten, die sich dann entsprechend umstellen.

Sky Logo (picture-alliance/dpa/T. Hase)

Überträgt viele Bundesliga-Spiele: Pay-TV-Plattform Sky

Das geht jedoch nur bis zu einer bestimmten Grenze. "Die Sender können nicht aufs Ganze gehen, denn sie müssen ja sicher stellen, dass Leute, die das legal empfangen, auch ein störungsfreies Signal bekommen. Wenn jemand da veraltete Fernsehtechnik hat, mit der das auf einmal nicht mehr funktioniert, ist auch niemandem geholfen.", so Jurran. Um die illegalen Zuschauer auszusperren müssten die Pay-TV-Sender daher auf Dauer auf eine andere Technik umstellen. "Auf längere Sicht werden sie das wohl so machen, dass ich ständig einen Rückkanal per Internet haben muss."

Pay-TV-Receiver funkt nach Hause

In der Praxis heißt das: Der Receiver des Pay-TV-Anbieters muss mit dem Internet verbunden sein und meldet sich regelmäßig beim Anbieter. Nur so kann man sicherstellen, dass weder die Empfangskarte noch der Receiver manipuliert wurden. Für Hacker würde es das Geschäft deutlich schwerer machen. Ob es illegales Streaming komplett unterbinden kann, ist aber trotzdem fraglich. Die Razzia in dieser Woche hat nämlich auch gezeigt: In dem illegalen Geschäft steckt viel Geld; es wurden auch über 150 PayPal-Konten blockiert. Und da in der Regel nur gegen die Anbieter, nicht aber gegen die Nutzer illegaler Streaming-Angebote ermittelt wird, dürfte das Geschäft wohl weiter gehen. Wie so oft: Wo es eine Nachtfrage gibt, entsteht auch ein Angebot. Ob legal oder illegal ist vielen Menschen dabei egal.