″Bucharest Pride″ 2018: Ein Siegeszug der Toleranz | Europa | DW | 10.06.2018
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Rumänien

"Bucharest Pride" 2018: Ein Siegeszug der Toleranz

Einen Steinwurf entfernt von der Massenkundgebung der sozialistischen Regierungspartei tanzten in der rumänischen Hauptstadt Bukarest Tausende - auf einem Fest der Vielfalt und der Freude.

Fast 10.000 Menschen haben am Samstag an der bereits 14. Schwulen- und Lesbenparade "Bucharest Pride" teilgenommen - ein Rekord in der Geschichte dieses Marsches in Rumänien. In diesem Jahr kam ein besonderer Anlass hinzu: Anfang der Woche hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) ein richtungweisendes Urteil für gleichgeschlechtliche Ehepaare gefällt. Das höchste EU-Gericht sprach einem schwulen rumänisch-amerikanischen Ehepaar dieselben Aufenthaltsrechte zu wie anderen verheirateten Paaren in der EU.

Sechs Jahre lang hatte der juristische Kampf des Rumänen Adrian Coman und seines US-amerikanischen Ehemanns Claibourn Robert Hamilton in Rumänien gedauert. Die beiden hatten 2010 in Belgien geheiratet.

Adrian Coman und Robert Claibourn Hamilton (DW/Cristian Ștefănescu)

Adrian Coman und Robert Clabourn Hamilton - die "Helden"

Mühlen der Justiz

Der EuGH befand, dass Mitgliedstaaten die Niederlassungsfreiheit und somit einem Partner in einer gleichgeschlechtlichen Ehe die Aufenthaltsgenehmigung nicht verweigern dürfen. Die EU-Staaten könnten allerdings weiterhin frei entscheiden, ob sie Ehen von Personen gleichen Geschlechts anerkennen oder nicht. Auf das Aufenthaltsrecht und die Niederlassungsfreiheit habe das jedoch keine Auswirkung.

Coman und Hamilton waren die Stars der diesjährigen Parade in der rumänischen Hauptstadt. Alle wollten Selfies mit ihren beiden "Helden", die ihre Erfahrungen mit den Mühlen der Justiz immer wieder erzählen mussten. "Letztendlich hatten wir 2012 Recht, als wir die Anerkennung unserer Rechte als Ehepartner von der rumänischen Regierung einforderten. Praktisch sind wir jetzt als Ehepartner hier in Bukarest", sagte Coman der DW in einer ruhigen Minute am Rande des Marsches.

Bucharest Pride 2018 (DW/Cristian Ștefănescu)

"Bucharest Pride" 2018 auf der "Calea Victoriei"

Ein Stück Normalität

Gendarmen in mehreren Reihen sicherten die Parade auf der Bukarester Prachtmeile "Calea Victoriei" ab. Wenige hundert Meter weiter hatte gerade die Massenkundgebung der regierenden Sozialisten und ihrer Anhänger gegen angebliche Übergriffe der rumänischen Justiz und einen vermeintlichen "Parallelstaat" begonnen.

Fand die Parade im letzten Jahr noch in einem Park statt, versteckt vor einer immer noch homophoben Mehrheit der rumänischen Gesellschaft, so marschierten die Teilnehmer jetzt durch das Bukarester Zentrum und hielten ihre Abschlussfeier auf dem Universitätsplatz ab. Ein realer Fortschritt, meint die Soziologin Mihaela Biolan: "Die Gesellschaft akzeptiert dies, stärker als vor zehn Jahren, stärker als letztes Jahr. Es ist ein exponentieller Prozess", sagte sie im DW-Gespräch. Auch die Anzahl der Menschen, die die Vielfalt unterstützten, sei gestiegen. "Denjenigen, die sich immer verbissener dagegen aussprechen, danken wir von Herzen. Sie haben unsere Verbündeten aktiviert", fügte die Soziologin hinzu.

Bucharest Pride 2018 (DW/Cristian Ștefănescu)

Mihaela Biolan (l.) sowie die Botschafter Paul Brummell und Cord Meier-Klodt (neben ihr) eröffnen die Parade

Toleranz und Vielfalt

"Die Unterschiede zwischen den Menschen sind ein Reichtum für jede Gesellschaft", erklärte der britische Botschafter in Bukarest, Paul Brummell. Er eröffnete den diesjährigen "Marsch des Stolzes" an der Seite der Leiterin der Vertretung der EU-Kommission, Angela Cristea, sowie des deutschen Botschafters Cord Meier-Klodt. Im Gespräch mit der DW betonte Meier-Klodt, dies sei kein Tag gegen die Interessen oder die Rechte anderer, sondern ein Tag dafür. Für Toleranz, Vielfalt und die europäischen Rechte. "Die Menschen haben unterschiedliche Lebensmodelle. Indem wir die Rechte der Minderheiten respektieren, respektieren wir unsere Rechte, die Rechte aller Bürger", sagte der deutsche Botschafter in Bukarest. 

"Es gibt Menschen, die verschiedenen sexuellen Gemeinschaften angehören", unterstrich der sozialdemokratische Abgeordnete Petre-Florin Manole. Man dürfe aber nicht vergessen, dass diese Menschen gleichberechtigte Staatsbürger seien. Der junge Abgeordnete hat sich, anders als seine Partei, gegen ein Referendum ausgesprochen, das ein Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen in der Verfassung forderte. Manole ist davon überzeugt, dass sich das rumänische Parlament noch vor den Europawahlen 2019 für ein Gesetz über die Zivilpartnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare entscheiden wird. 

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