Bruder eines ″Reina″-Türstehers: ″Kein Vertrauen in die Gerechtigkeit″ | Europa | DW | 31.12.2017
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Reportage

Bruder eines "Reina"-Türstehers: "Kein Vertrauen in die Gerechtigkeit"

Ein Jahr ist es her, dass der Türsteher Fatih Çakmak beim Terror-Anschlag auf den Istanbuler Nachtclub Reina erschossen wurde. Für seine Familie ist er ein Held, doch sie fühlt sich mit ihrer Trauer allein gelassen.

Türkei | 1. Jahrestag Anschlag Nachtclub Reina (Getty Images/AFP/Y. Akgul)

Gedenken an die Opfer am ersten Jahres des Attentats im Nachtclub Reina. Das Foto von Fatih Çakmak links im Bild

Ein Picknick wie es Tradition ist in der Familie Çakmak - und doch ist nichts wie früher. Denn eines der fünf Geschwister ist tot. Ermordet von einem islamistischen Attentäter. "Ich habe keine Ahnung, wie das letzte Jahr vorübergegangen ist", sagt Zafer Çakmak, "wir sind immer noch wie gelähmt."

Sein jüngerer Bruder, Fatih Çakmak, ist eines der 39 Todesopfer des Anschlags auf den Istanbuler Nachtclub Reina in der Silvesternacht 2016. Er arbeitete für die Firma, die das Sicherheitspersonal stellte. Für Angehörige und Freunde ist Fatih ein Held, denn er ist gestorben, weil er Menschen beschützen wollte. Doch sie fühlen sich allein gelassen. Scheinbar dankt ihnen niemand, was ihr Sohn und Bruder getan hat.

"Er hat seine Arbeit geliebt"

Familie Çakmak stammt aus Elazığ im Südosten der Türkei. Fatih und seine Geschwister wuchsen in Mersin an der türkischen Mittelmeerküste auf. Ein besonders guter Schüler war der mittlere Sohn nicht, höhere Bildung kam nicht in Betracht. Aber in der Sicherheitsbranche fand er eine Anstellung, einen Beruf, den er bald schätzen lernte. Sein älterer Bruder Zafer Çakmak erinnert sich nicht, dass Fatih je über seine Arbeit geklagt hätte, obwohl er teilweise sogar an Urlaubstagen gearbeitet habe.

Fatih habe seinen Beruf als Türsteher und Sicherheitsmann immer sehr ernst genommen, sagt der Bruder. Ein Draufgänger sei er nicht gewesen, sondern ein Streitschlichter. Und pflichtbewusst: Er machte seine Arbeit sogar weiter, nachdem er dabei in Lebensgefahr geraten war.

Anschläge in Beşiktaş

Am 10. Dezember 2016 war der 34-Jährige Fatih Çakmak im Stadion für das Fußballspiel des Erstligisten Beşiktaş Istanbul gegen Bursaspor eingeteilt. Für den Fußballfan waren Stadion-Einsätze die aufregendsten - auch wenn er noch lieber bei seinem Verein, dem Stadtrivalen Galatasaray, arbeitete. Am Ende des Einsatzes in Beşiktaş war Çakmak mit seinen Kollegen im Bus auf dem Rückweg vom Stadion.

Reina-Anschlag Opfer Fatih Cakmak und französischer Ex-Fußballspieler Zinedine Zidane (Privat)

Ein Privatfoto von Fatih Çakmak mit dem französischen Fußballstar Zinedine Zidane

Als der Bus in die Kreuzung vor dem Dolmabahçe Palast einbog, detonierte eine Autobombe. Kurz darauf sprengte sich ein Attentäter in einem nahegelegenen Park in die Luft. Bei den Anschlägen von Beşiktaş starben mindestens 44 Menschen, darunter 30 Polizisten. Familei Çakmak erzählt, sie seien in Panik geraten, als sie von dem Anschlag hörten. Aber Fatih überlebte.

Mit dem Attentäter gerungen

21 Tage nach dem Anschlag in Beşiktaş, in der Silvesternacht 2016, arbeitete Fatih Çakmak bereits wieder als Sicherheitsmann im Nachtclub Reina. Er war dort als Zeitarbeiter tätig, anfangs nur ein paar Tage pro Woche, später so gut wie jeden Tag. Nur wenn er auf Konzerten oder bei Fußballspielen im Einsatz war, kam er nicht.

Zafer Çakmak erzählt, er habe mit Augenzeugen der Silvesternacht gesprochen. Die hätten ihm erzählt, sein kleiner Bruder habe sich auf den Täter gestürzt, als der durch die Eingangstür gekommen war. Die beiden hatten miteinander gerungen. Fatih sei es gelungen, dem Täter die Waffe aus der Hand zu schlagen. Doch in dem Moment fielen Schüsse, von denen niemand weiß, woher sie kamen. Acht Kugeln trafen Çakmak.

Schwache Sicherheitsvorkehrungen

Seine Familie verklagte den Nachtclub Reina auf 1,2 Millionen Türkische Lira (ca. 265.000 Euro) Schmerzensgeld. Die Familie ist der Überzeugung, dass der Club eine Mitschuld daran trägt, dass es zu dem Massaker kommen konnte, weil keine adäquaten Maßnahmen im Vorfeld ergriffen worden seien.

Nach dem Angriff auf einen Istanbuler Nachtclub Renia Istanbul (picture alliance/dpa/E.Gurel)

Nach dem Angriff vor einem Jahr sicherten Spezialkräfte den Nachtclub Reina - zu spät für die Opfer

In ihrer Erklärung an das Gericht heißt es: "Die Geschäftsführung hat versäumt, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, obwohl sie gewarnt worden war, dass ein solcher Überfall möglich sein könnte. Damit hat sie sich mit verschuldet."

Tatsächlich hatte der Eigentümer angegeben, zehn Tage zuvor vor einem Anschlag gewarnt worden zu sein. Dennoch, berichteten Augenzeugen, sei das Polizei-Aufgebot - im Vergleich zu anderen Orten in der Stadt - sehr schwach gewesen.

"Ich habe keine Hoffnung auf Gerechtigkeit"

Für Fatihs Bruder Zafer Çakmak gibt es viele ungeklärte Fragen: "Reina ist wie eine Burg. Wie konnte diese Person mit einer Waffe dort hereinkommen? Wenn er in Kauf nahm, bei dem Anschlag selbst ums Leben zu kommen, hätte er sich eine Bombe umgebunden."

Die Verantwortung für den Anschlag hatte der IS übernommen. Aus Angst vor neuen Anschlägen wurden die Sicherheitsvorkehrungen für die Silvesterfeiern 2017/18 in Istanbul deutlich verschärft. In den Tagen zuvor waren in der Türkei laut Medienberichten hunderte mutmaßliche Dschihadisten festgenommen worden.

Der Prozess gegen den Hauptangeklagten vom Anschlag 2016 und seine 56 mutmaßlichen Komplizen hat am 11. Dezember begonnen. Dem geständigen 34-jährigen Usbeken droht wegen "Mordes" und "Versuchs zum Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung" bis zu 40 Mal lebenslänglich. 

Doch Zafer Çakmak hat wenig Vertrauen in die Justiz: Der Prozess im Fall Reina sei nichts als eine Farce. Man versuche, ihn irgendwie abzuschließen, so Çakmak: "Ich habe keine Hoffnung auf Gerechtigkeit in diesem Fall."

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Türkei trauert nach Anschlag auf Nachtclub

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