Brexit: Was ändert sich für Afrika? | Afrika | DW | 08.01.2021
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Internationale Handelsbeziehungen

Brexit: Was ändert sich für Afrika?

Großbritannien lockt Afrika mit besseren Handelsbedingungen als die in der Europäischen Union, doch oft werden Verträge lediglich umgeschrieben. Und: Werden die ehemaligen britischen Kolonien bevorzugt?

Investitionen in Höhe von über sieben Milliarden Euro wurden angekündigt, als Großbritannien vor einem knappen Jahr zum "UK-Africa Investment Summit" empfing. Die alte Kolonialmacht sucht nach dem Brexit nach einer neuen Rolle im Gefüge der Welt - und streckt dafür ihre Fühler auch nach Afrika aus.

Doch angesichts der Corona-Krise und den noch nicht absehbaren Folgen nach dem Ende der Brexit-Übergangsphase ist die Investitionsstimmung momentan im Keller, sagt Dirk Kohnert, der am GIGA-Institut für Afrika-Studien zu den Auswirkungen des Brexit forscht. "Meine Vermutung: Großbritannien wird, unter den gegenwärtigen Corona-Bedingungen, die großzügigen Investitionsversprechungen für Afrika nicht einhalten können."

Auch Rolf Langhammer, Handelsexperte und Professor am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, glaubt nicht an nennenswerte britische Investitions- und Handelsschübe für Afrika als Folge des Brexits: "Handel und Direktinvestitionen hängen von wirtschaftlichen Bedingungen ab. Das Vereinigte Königreich wird aber aller Voraussicht nach große Einbußen wegen des Verlassens der EU hinnehmen müssen. Die Importnachfrage wird negativ und das wird sich auch auf die Nachfrage nach afrikanischen Produkten negativ auswirken."

Zwei Afrikaner mit einem Regenschirm in den Farben des Union Jack

Werden afrikanische Staaten von bilateralen Handelsabkommen mit Großbritannien profitieren?

Gleichberechtigte Partnerschaft?

Für einige der afrikanischen Commonwealth-Länder, zu denen 19 von 54 Staaten auf dem Kontinent gehören, zählt Großbritannien zu den wichtigsten Märkten für ihre Exporte. London behauptet derzeit, dass man mit seiner neuen Post-Brexit-Handelspolitik die Interessen aller afrikanischen Länder besser schützen werde. Die britische Handelspolitik mit Afrika solle partnerschaftlicher und gerechter werden als die der Europäischen Union.

Tatsächlich könnten die Briten durch den Austritt aus der EU eigene Freihandelsabkommen abschließen und damit theoretisch tiefgründiger auf die Interessen des jeweiligen Partnerlands eingehen, erläutert Melanie Hoffmann, Zollexpertin der deutschen Außenwirtschaftsagentur GTAI. Einige dieser britisch-afrikanischen Handelsabkommen seien auch bereits am 1. Januar in Kraft getreten.

Dabei handele es sich aber keineswegs um neu ausgehandelte Verträge mit völlig anderen Regeln. Im Gegenteil: Die Briten hätten für bestimmte afrikanische Ländergruppen die bestehenden Abkommen mit der EU für sich übernommen, indem diese in bilaterale Abkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und den jeweiligen afrikanischen Staaten umgewandelt worden seien.

Drei Kinder spielen an einem Fußballkicker in den Farben des Union Jack

Wie werden künftig die neuen Spielregeln zwischen Großbritannien und Afrika gestaltet sein?

"Ein Beispiel ist das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen mit einigen Ländern im östlichen und südlichen Afrika - also explizit mit Madagaskar, Mauritius, Seychellen und Simbabwe - das war eine Art 'Roll-over'. Man hat also dieses EU- Wirtschaftspartnerschaftsabkommen mit diesen vier Partnerstaaten genommen und auf das Vereinigte Königreich übertragen."

Diese sogenannten Roll-over-Abkommen mit den afrikanischen Ländern sehen Zollfreiheit für afrikanische Exporte nach Großbritannien vor und geben den afrikanischen Ländern gleichzeitig die Möglichkeit, ihre Märkte nur teilweise für britische Produkte zu öffnen und von langen Übergangsfristen zu profitieren. 

Auch mit den Mitgliedsstaaten der südafrikanischen Zollunion und Mosambik (Botswana, Eswatini, Namibia, Lesotho, Südafrika und Mosambik) seien die bereits geltenden Regelungen mit der EU auf Großbritannien übertragen worden. Über ein gemeinsames Abkommen mit Ghana verhandele Großbritannien noch, so Hoffmann weiter.

Commonwealth first?

"Die Länder, mit denen Großbritannien bereits Roll-over-Abkommen abgeschlossen hat, sind fast ausnahmslos anglophon. Mit den großen französischsprachigen Ländern in Westafrika haben die Briten bisher kaum Abkommen geschlossen", kritisiert Handelsexperte Langhammer. "Es sieht so aus, als ob die Briten ihre alten kolonialen Beziehungen jetzt stärken und keine Rücksicht auf zum Beispiel die französisch- oder portugiesisch-sprachigen Länder nehmen."

Die Flagge Großbritanniens weht auf einem Boot

Experten warnen, dass Großbritannien bislang vor allem ehemalige Kolonien mit Handelsverträgen bedacht hat

Nach dem Brexit würden die alten Kolonialpräferenzen wieder sichtbarer, so Langhammer. "Man spaltet den Kontinent wieder in die alten Sprachzonen, die es früher auch gegeben hat zu Kolonialzeiten."

Problemfall Nigeria

Ein Problemfall im Zusammenhang mit dem Brexit sei derzeit Nigeria, ebenfalls ein anglophones Land und eine ehemalige britische Kolonie sowie das mit Abstand bevölkerungsreichste Land auf dem Kontinent. Doch ausgerechnet mit Nigeria sei bislang kein neues Handelsabkommen oder Roll-over zustande gekommen, sagt Afrikaexperte Kohnert.

Das werde sich vermutlich sehr negativ auf die Wirtschaft des afrikanischen Landes auswirken. Nigeria werde bis auf weiteres nach den Regeln der Welthandelsorganisation behandelt und habe damit keine privilegierte Partnerschaft mehr mit Großbritannien.

Nigeria sei ein "dicker Brocken", sagt auch Handelsexperte Langhammer: Die Wirtschaft des Landes sei abhängig von Erdölexporten und ansonsten international völlig konkurrenzunfähig. "Die Nigerianer weigern sich, selbst mit der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ein Freihandelsabkommen zu schließen, weil sie die Konkurrenz aus den Nachbarländern fürchten."

Die Angst vor ausländischer Konkurrenz sei vermutlich auch der Grund, warum noch kein Handelsabkommen mit Großbritannien zustande gekommen sei. Nigeria sei nicht gewillt, die alte Handelsaufteilung aufrechtzuerhalten, dass sie Erdöl und Agrarrohstoffe exportieren und Maschinen und Technologiegüter importieren, erklärt Kohnert. "Das Land bezieht seine Industriegüter zunehmend aus asiatischen Ländern, wie China oder Indien. Das globale Handelsgeschehen verlagert sich vom Atlantik in den Pazifik und da wird sich das Konzept des Global Britain nur schwer durchsetzen lassen."

Für Kohnert steht allerdings fest: "Früher oder später werden sich Großbritannien und Nigeria über ein bilaterales Handelsabkommen verständigen. Einige wenige Reiche werden vom Brexit sogar profitieren können. Die Armen dagegen werden herunterfallen."

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