Brexit-Tagebuch 41: Der Traum vom Brexit ist tot | Europa | DW | 10.07.2018
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Brexit-Tagebuch

Brexit-Tagebuch 41: Der Traum vom Brexit ist tot

Boris Johnsons Brexit-Traum ist gestorben, für David Davis gibt es keine Tränen und Theresa May könnte noch über ihren Chequers-Plan stolpern. Doch in England kommt Fußball vor Politik.

Was für ein hektischer Montag, als die Minister in London fielen wie die Kegel. Der Höhepunkt war jedenfalls der Rücktritt von Boris Johnson. Er glaubte auch, das sei ein historischer Augenblick und hatte extra einen Fotografen dafür bestellt. Schade, dass niemand Bilder von seinen Mitarbeitern im Außenministerium machte, die die Champagnerkorken knallen ließen.

Sein Rücktrittsbrief gehört jedenfalls gleich neben die großen Monologe Shakespeares. Er ist viel zu lang und schlägt allerhand Haken quer durchs Gelände. Aber es gibt ein paar großartige Bilder: "Es ist, als ob wir unsere Vorhut ins Gefecht schicken, mit den weißen Fahnen über ihren Köpfen flattern", schreibt Boris Johnson über Theresa Mays neues Brexit-Angebot. Er ist ein unrettbarer Romantiker und fest im 19. Jahrhundert verwurzelt. Dieser Tage ist Krieg der stille Tod aus den Drohnen am Himmel. Und nirgendwo sind Fahnen.

Boris Johnson wird weiter schießen

Aber "BoJo" hält sich an vergangener Glorie fest, der Zeit imperialer Größe, als Großbritannien noch die Wellen und die Welt beherrschte. Man würde zur "Kolonie" werden, jammerte er über Mays aufgeweichte Brexit-Pläne. Für einen Kolonialisten ohne Reue wie ihn muss das wirklich schrecklich sein.

UK Brexit | Kabinettsitzung - Außenminister Boris Johnson (picture-alliance/NurPhoto/A. Pezzali)

Die rote Ministermappe hat er inzwischen unter Klagen abgegeben

Und dann gibt es die falschen Behauptungen über Europa, denen er einfach nicht widerstehen kann. Schon früher, in seiner Zeit als Journalist, waren sie seine Spezialität. Die EU habe die Briten daran gehindert, das Sicherheitsdesign an Lastwagen zu verbessern, um Radfahrern das Leben zu retten, behauptet er in seinem Rücktrittsbrief. Tatsächlich hatte das EU-Parlament schon 2014 für diese Änderungen gestimmt, und sie treten nächstes Jahr in Kraft. Und leider war es gerade die britische Regierung, die damals im Rat dagegen war. Diese Geschichte ist typisch für die giftige Mischung aus Vorurteil, Halbwissen und Lüge, die Boris Johnsons Wirken bestimmt. Er tut alles für einen billigen Lacher und einen Tritt gegen die EU. 

Und schließlich der Höhepunkt des Briefes: "Der Traum (vom Brexit) ist gestorben." Wenn es denn so wäre. Die Erfahrung zeigt, dass Boris Johnson nicht unterzukriegen ist und von draußen weiter schießen wird. Theresa May sollte sich lieber eine extra-starke Schutzweste anschaffen.

Niemand weint um David Davis

Der verrückte Montag hatte damit begonnen, dass David Davis seinen Hut nahm. Nichts, was in Brüssel ein Aufreger war, weil er seine EU-Kollegen in diesem Jahr sowieso nur vier Stunden lang getroffen hatte. Und außerdem war seine besondere Mischung aus Kumpelhaftigkeit und Angebertum bei ihnen kein großer Erfolg. Sie vermuteten, dass hinter der Miene des Biedermanns die intellektuelle Leere lauere. Mitarbeiter in London hatten früher schon der Presse erzählt, er sei kein Detailkenner. Das kann bei Verhandlungen über Tausende von Einzelheiten durchaus ein Nachteil sein.

England Brexit David Davis (picture-alliance/AP Photo/L. Neal)

Die Zukunft von David Davis nach dem Brexit sieht anders aus als die der Premierministerin

Gottseidank war der Rücktrittsbrief von Davis kürzer und kam schneller zum Punkt. Er stimme einfach nicht mit Theresa Mays jüngsten Brexit-Plänen überein: "Mir scheint, dass es im nationalen Interesse ist, wenn ein Brexit-Minister ein enthusiastischer Anhänger Ihres Ansatzes ist, und nicht nur ein widerwilliger Rekrut." Man sieht "DD" förmlich in den Dienst gezwungen und unter der Last ächzend.

Die Reaktionen der EU waren eher kühl. Die Gespräche würden weitergehen, wen auch immer London entsenden werde. Und es könne nicht die Rede sein von Gefühlen wie Bedauern oder Enttäuschung. Außerdem hatte sowie Ollie Robbins, Sherpa der Premierministerin, seit längerem bereits selbst die Verhandlungen in Brüssel geführt. Sie hatte Davis an den Rand geschoben angesichts seines sehr eigenen Stils von Polit-Poker: Unbewegliche Miene bis zuletzt, dann alles auf eine Karte setzen und beten. 

Ein Freund wurde jetzt gefragt, was "DD" denn nun mit sich anfangen würde: "Er wird rausgehen und ein bisschen Spaß haben." Es tut uns leid, dass es in Brüssel für ihn so öde war. 

Wenn Theresa May und Angela Merkel von Frau zu Frau reden 

Angela Merkel Theresa May (Reuters/A. Schmidt)

Theresa May und Angela Merkel können sich über Ministerrücktritte austauschen

Am Rande des West-Balkan-Gipfels in London trafen sich auch die britische Premierministerin und die Bundeskanzlerin. Die beiden verbindet an diesen Tagen einiges: Sie haben Attacken ihrer eigenen Minister überlebt und können nicht sicher sein, ob die Feindseligkeiten zu Ende sind. Theresa May scheint es momentan etwas besser zu gehen als Angela Merkel, weil zwei ihrer schlimmsten Peiniger auf ihr Schwert gefallen sind. Ein Dialog könnte so aussehen: 

TM: "Hi Angela, hast du gesehen, dass Boris und David Davis weg sind? Wie ist es denn bei dir mit diesem Seehofer?"

AM: "Es ist unerfreulich, wenn Minister zurücktreten. Aber wenn sie bleiben, ist das auch keine Lösung".

TM: "Sollen wir kurz über meinen Chequers-Vorschlag reden?"

AM: "Ist das nicht die Katze Larry, die da hinten durch den Flur läuft…?"

Und schließlich die Klausur in Chequers  

Theresa May hatte auf ihren Landsitz eingeladen und alle mussten antreten. Sie wurden mit der Warnung begrüßt, dass Rücktrittslustige sofort ihr Ministerauto verlieren würden und mit dem Taxi zurückfahren müssten nach London. Das örtliche Taxiunternehmen hatte aber leider dicht gemacht. Ein guter Grund für die Meuterer, um bis Montag zu warten. 

Großbritannien Theresa May bespricht Brexit Pläne mit dem Kabinett (Reuters/MOD/J. Rouse)

Die großartige Kulisse von Chequers konnte den Brexit-Frieden nicht retten

Die Premierministerin erklärte dann ihren aufgeweichten Brexit-Plan, der aus etwas High-Tech-Phantasie besteht, einem Teil Zollunion unter anderem Namen und einem Stückchen Binnenmarkt. Jeder, der das nicht unterstützen wolle, sei frei zu gehen. Boris Johnson murmelte etwas von einem "Scheißhaufen, den man zum Glänzen bringen" müsse. Aber das schien schon zu detailliert und man widerspricht der Lehrerin nicht ins Gesicht hinein. Theresa May konnte also feststellen, dass die kollektive Verantwortung des Kabinetts wiederhergestellt sei und alle schienen erleichtert. Der Frieden hielt dann nur bis Montag.

Am Donnerstag will die Premierministerin nun der EU die Einzelheiten des Chequers-Plans vorlegen. Und ihr Ex-Brexit-Minister hatte in einem Punkt Recht: Brüssel würde weitere Zugeständnisse verlangen, denn der Vorschlag ist die reine Rosinenpickerei. Was aber passiert, wenn May zu ihrer Partei zurückgeht und weiter nachgeben will? Das Spiel ist noch nicht vorbei.

Fußball WM 2018 Kolumbien vs England (Reuters/K. Pfaffenbach)

Gareth Southgate hat schon viel gewonnen, Theresa May hat noch viel zu verlieren

Er kommt nach Hause - vielleicht

Tatsächlich gibt es nur ein Spiel, das den Briten gerade wirklich etwas bedeutet - und das ist das Treffen England - Kroatien im Halbfinale der WM. Zum ersten Mal seit 28 Jahren kommt die Mannschaft einem Erfolg wieder so nahe und das ist Grund für anhaltende Begeisterung. Schon nach dem Sieg über Schweden hatten Fans ein bisschen randaliert und überall "Er kommt nach Hause, er kommt nach Hause" gegrölt. Der Song meint die WM-Trophäe, die in die geistige Heimat des Fußballs zurückkehren soll.

Ein paar kühne Kommentatoren hatten Theresa May vorige Woche empfohlen, sie solle doch vom neu entdeckten Star-Trainer Gareth Southgate lernen. Mit seiner Art von Beharrlichkeit würde sie am Ende auch gewinnen. Ein weiterer Sieg auf dem Rasen in Russland wäre sicher ein enormer Schub für das Selbstbewusstsein der Briten. Aber leider enden alle Parallelen zwischen Fußball und Politik an diesem Punkt. Brexit ist ein Spiel, das von einer Premierministerin und ihrem gespaltenen Team gespielt wird und in dem am Ende alle verlieren.   

Das Brexit-Bild der Woche 

Screenshot BBC Brexit Thailand (BBC/Foto: DW)

Da drinnen warten noch ein paar, die sich nicht raustrauen

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