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Breitner: "Verlogene Mentalität"

Stefan Nestler5. März 2015

Ex-Weltmeister Paul Breitner wirft den Verantwortlichen im Fußball vor, die Dopingvergangenheit zu verleugnen. Der VfB Stuttgart will die Untersuchungsergebnisse einsehen, darf es aber vorerst nicht.

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Paul Breitner. Foto: dpa-pa
Ex-Nationalspieler Paul Breitner, heute Markenbotschafter des FC Bayern MünchenBild: picture alliance/dpa/Revierfoto

"Fußball ist eine heilige Kuh, die nicht angekratzt werden darf", sagte Ex-Weltmeister Paul Breitner der Münchener Zeitung "tz" zu den neuen Erkenntnissen über Doping im Fußball in den späten 1970er und frühen 1980er-Jahren. Deshalb seien in der Vergangenheit nur vereinzelte Dopingfälle bekannt geworden. Der langjährige Profi des FC Bayern München attestiert dem Fußball eine "seit Jahren gelebte verlogene Mentalität. Ich habe als Aktiver und auch nach meiner Karriere immer gesagt, dass im Fußball gedopt wird." Zu seiner Zeit, so der 63-Jährige, habe man immer auf die Sportler im Osten gezeigt und gesagt: "Die sind voll wie eine Haubitze. Und wir nicht? Pustekuchen!" Er freue sich, dass jetzt herausgekommen sei, dass auch im West-Fußball gedopt worden sei. "Wir sollten zu dieser Dopingvergangenheit stehen und fertig." Eine Meinung, mit der Breitner nicht allein steht.

Verärgert äußerte sich Breitner darüber, dass auch sein Name in den Berichten über den verdächtigen Freiburger Mediziner Armin Klümper auftauche. Er sei nur einmal bei Klümper gewesen, um eine Meniskusverletzung behandeln zu lassen. Er habe als Spieler nie gedopt, verbotene Mittel seien ihm auch nicht angeboten worden, sagte Breitner. "In meiner Sturm-und-Drang-Phase wäre ich demjenigen an die Gurgel gesprungen."

„Unverantwortlicher Alleingang“

Andreas Singler, ein Mitglied der Kommission, die die Dopingvergangenheit der Universität Freiburg untersucht, hatte über Dokumente berichtet, die belegen sollen, dass Ende der -70er bis Anfang der 80er-Jahre beim Bundesligisten VfB Stuttgart "in größerem Umfang" und beim damaligen Zweitligisten SC Freiburg "punktuell" mit Anabolika gedopt wurde. Die Vorsitzende der Kommission, Letizia Paola, lehnte die Bitte des VfB Stuttgart ab, Einsicht in die Untersuchungsergebnisse zu erhalten. Diese müssten zunächst gründlich analysiert werden. Bei der Veröffentlichung handle es sich um einen Alleingang Singlers, von dem sie sich ausdrücklich distanziere, schrieb Paola an den VfB: "Ich nenne das gerade auch deswegen unverantwortlich, weil das mediale Interesse und die damit verbundenen Spekulationen gerade im Fall des SC Freiburg und VfB Stuttgart, die auf dem 17. respektive 18. Tabellenplatz stehen, deren Konzentration und Mobilisierung aller Kräfte zum Bundesligaklassenerhalt sicher nicht zuträglich sind." Singler hat seinen Rücktritt aus der Kommission angeboten.

Die VfB-Meisterelf von 1983/84. Foto: dpa-pa
Die VfB-Meisterelf von 1983/84Bild: picture-alliance/dpa/H. Rudel

Simon: „Eine Unverschämtheit“

Der Sportmediziner Perikles Simon, der gerade erst in die Kommission berufen wurde, sieht den Fußball in Sachen Dopingaufklärung in der Pflicht. "Der Fußball muss seine Selbstreinigungskräfte mobilisieren oder sich helfen lassen, denn ich glaube, dass das Maß irgendwann voll ist", sagte der Professor der Universität Mainz dem Berliner "Tagesspiegel". Schließlich gehe es auch um minderjährige Leistungssportler, "das absolut schwächste Rad in einem Millarden-Dollar-Business." Es werde nichts getan, "um den Missbrauch dieser Spieler und ihrer Körper zu stoppen", so Simon: "Das ist eine Unverschämtheit, nichts anderes." Paul Breitner gab sich bezüglich der Gegenwart des Fußballs zahmer: "Heute sind wir dopingfrei, das können wir so sagen."

sn/jw (sid, dpa, VFB Stuttgart)