Braunkohleausstieg bis 2025 im Rheinischen Revier? | Wissen & Umwelt | DW | 18.12.2018
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Kohle und Klima

Braunkohleausstieg bis 2025 im Rheinischen Revier?

Die Erderwärmung steigt, die Zeit wird knapp, der CO2-Ausstoß muss schnell sinken. Ein Schritt ist der Kohleausstieg. Für das Rheinische Revier gibt es jetzt ein Konzept mit grüner Bürgerenergie. Chance oder Utopie?

Die Klimaschäden von Braunkohle sind immens. Laut Daten vom Umweltbundesamt verursachen die Braunkohlekraftwerke allein in diesem Jahr im Rheinland Schäden von über 44 Milliarden Euro. Das sind vor allem Klimaschäden, die innerhalb der nächsten hundert Jahre entstehen. Ertragen und bezahlt werden diese Schäden vor allem von jungen Menschen und nachfolgenden Generationen.

Ein schneller Kohleausstieg entlastet zukünftige Generationen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, die Klimaziele einhalten zu können. Die sogenannte Kohlekommission der Bundesregierung arbeitet derzeit an Vorschlägen, wie ein solcher Ausstieg aussehen kann. Ein Abschlussbericht sollte eigentlich im November vorliegen, nun wird es wohl doch erst Februar.

Deutschland Tagebau Hambach | Protest gegen Braunkohle in Kuckum und Keyenberg (DW/G. Rueter)

Die Bürger von Kuckum und Keyenberg wollen ihre Dörfer nicht für Kohle opfern und fordern eine zukunftsweisende Politik

Die Energiegenossenschaft Greenpeace Energy hat jetzt ein Konzept für den Braunkohleausstieg im rheinischen Revier vorgelegt. Dieses sieht vor, dass eine noch zu gründende kommunale Gesellschaft die Tagebaue und Braunkohlekraftwerke übernimmt und dann zwischen 2020 und 2025 still legt. RWE als Eigentümer würde für die Gewinneinbußen entsprechend entschädigt.

Auf den Tagebauflächen würden dann im Gegenzug Wind- und Solarkraftanlagen von einer Bürgergenossenschaft installiert. Eigentümer sollten hier in erster Linie Bürger und Unternehmen aus der Region sein. Ein Teil der Erlöse würde dann an die kommunale Gesellschaft als eine Flächenpacht gezahlt und damit der Kaufpreis refinanziert.

"Was wir vorschlagen, ist eine Riesenchance für das Rheinische Revier – und bringt uns beim Klimaschutz einen großen Schritt voran", sagt Sönke Tangermann, Vorstandsmitglied bei Greenpeace Energy. "Unser Konzept ist finanziell fair für alle Seiten und so angelegt, dass betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden können."

Für das Gelingen sei eine Einigung mit RWE sowie staatliche Unterstützung des Strukturwandels wichtig, betont Tangermann. Greenpeace Energy hat RWE und weiteren Beteiligten von der kommunalen Ebene bis hin zur Bundesregierung Gespräche zur Umsetzung des Plans angeboten.

Braunkohletagebau Garzweiler (DW/G. Rueter )

Blick in die Grube: Nach RWE-Plänen soll die Kohle noch bis Mitte des Jahrhunderts gefördert werden

Chance oder Utopie?

"Grundsätzlich ist es ein interessantes und ernst zu nehmendes Angebot, da es verschiedene Aspekte der Energiewende berücksichtigen will", sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Energieökonomie. "Der Kohleausstieg samt Rückbau der Kohlekraftwerke und Renaturierung soll strukturiert umgesetzt werden, zudem werden Möglichkeiten und Chancen für Beschäftigte erarbeitet sowie eine mögliche Beteiligung der Kommunen vorgeschlagen", sagt Kemfert gegenüber der DW.

Das Konzept sieht vor, bis 2030 Wind- und Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 8,2 Gigawatt auf den rheinischen Tagebauflächen zu errichten. Damit könnten ab diesem Zeitpunkt jährlich gut 15 Terrawattstunden Strom produziert werden - rund ein Viertel dessen, was die Braunkohlekraft derzeit liefert. Der klimafreundliche Kraftwerkspark würde rund sieben Milliarden Euro kosten, bräuchte keine zusätzliche Förderung und könnte viel CO2 einsparen.

Simulation von erneuerbaren Energien im rheinischen Braunkohletagebau (Greenpeace Energy eG)

Zukunftsvision: Ökoenergie statt Kohle. In der Grube und am Rand würden die neuen Anlagen stehen

Welcher Kaufpreis wäre für Kohlekraftwerke angemessen?

Hinter dem Konzept steckt die Expertise von Greenpeace Energy als zweitgrößte Energiegenossenschaft in Deutschland und mit viel Erfahrung beim Aufbau von Wind- und Solarparks in Bürgerhand.

Untermauert wird die Idee aber auch von vielen Studien: Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministerium wurde gerade eine Studie zum Potential von erneuerbaren Energien in Deutschlands Tagebauregionen veröffentlicht und lieferte wichtige Daten für die Entwicklung des Konzepts.

Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) betont in diesem Zusammenhang, dass durch den Ansatz der Bürgerenergie eine höhere Wertschöpfung in der Region erzielt werden könne. So entstehen auch mehr Arbeitsplätze vor Ort. "Das Projekt kann wie eine Initialzündung wirken für die Transformation dieser traditionellen Energie-Region in eine Energiewende-Modellregion", sagt Prof. Bernd Hirschl von IÖW.

Das Analyseinstitut Energy Brainpool ermittelte im Auftrag von Greenpeace Energy einen marktgerechten Kaufpreis für die Kraftwerke von RWE. Würden am Tagebau Hambach die sechs ältesten Kraftwerksblöcke 2020 abgekauft und stillgelegt, 2022 sechs Kraftwerksblöcke am Tagebau Inden und die letzten drei 2025 am Tagebau Garzweiler, dann "beläuft sich der Preis dafür auf rund 384 Millionen Euro", sagt Fabian Huneke vom Energy Brainpool. Dies ergebe sich aus den Gewinnen, die mit den Kraftwerken noch am Strommarkt erzielt werden könnten, bis sie wegen steigender CO2-Preise unrentabel würden.

Energieökonomin Kemfert bezeichnet diese Analyse für einen Kaufpreis als "Hilfe für eine erste Einschätzung". "Weitere Gutachten könnten mehr Transparenz über den Marktwert bringen", sagt sie. Der Verkauf der Kohlesparte von Vattenfall zeige aber auch "wie der Marktwert von Kohlekraftwerken kontinuierlich mit verstärktem Klimaschutz und der Umsetzung der Energiewende sinkt", so Kemfert. "RWE wäre gut beraten, Optionen und Kaufangebote genau zu prüfen, die durchaus Lösungen vorschlagen für eine zukunftsweisende Energiewende."

RWE sieht das in der offiziellen Stellungnahme anders und weist den Vorschlag des Ökostromanbieters als "kaum ernst zu nehmen" zurück. Eine genaue Begründung dieser Einschätzung lieferte RWE aber trotz Nachfragen nicht -  auch die weiteren DW-Fragen blieben unbeantwortet.

UN-Klimakonferenz 2017 in Bonn Proteste (DW/K. Wecker)

In Deutschland wächst die Klimabewegung: Für den schnellen Kohleausstieg und eine weitsichtige Politik

Breiter Konsens hilft Transformation

"Für die Braunkohlenreviere stellt der Ausbau erneuerbarer Energien mit Sicherheit eine Möglichkeit dar, aber nicht die einzige", sagt Manfred Fischedick, Vizepräsident vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Er hat mit anderen Forschungsinstituten Lösungsoptionen für den Kohleausstieg erstellt.

Er empfiehlt, zunächst die Ergebnisse der derzeitig arbeitenden Kohlekommission abzuwarten. "Wenn es gelingt, über diese einen breiten gesellschaftlichen Konsens über den sukzessiven Ausstieg aus der Kohleverstromung herzustellen, dann wäre das ein großer Erfolg", so Fischedick.

Auch die Landesregierung von NRW, Politiker aus der Region und der Energieexperte Reinhard Klopfleisch von der Gewerkschaft ver.di wollen auf den Bericht der Kohlekommission warten. Ein Ausstiegsdatum für die Braunkohle im Rheinland halte Klopfleisch "allerdings 2025 für deutlich verfrüht".

Grevenbroich - Greenpeace Protestaktion zum Kohlekraftwerk Neurath (Imago/Coverspot/Berndlauter.com/B. Lauter)

Projektion von Greenpeace auf Kohlekraftwerk. Bei der Klimapolitik hat die Regierung Merkel bislang versagt.

Freude über Konzept mit Perspektive

"Der Charme des Konzepts von Greenpeace Energy liegt darin, dass letztendlich die Bürgerinnen und Bürger und Kommunen Träger und Nutznießer einer zukunftsfähigen Entwicklung würden", sagt Dirk Jansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Dieses Modell würde die regionale Wertschöpfung dauerhaft erhöhen und durch den Ausbau von Wind- und Photovoltaik würden "endlich die regionalen Potenziale im Einklang mit den Klimaschutzzielen gehoben werden, anstatt die Region für einen Energieträger weiter zu verheizen".

David Dresen von der Bürgerinitiaitve "Alle Dörfer bleiben" stimmt Jansen zu. Gehe der Braunkohletagebau wie geplant weiter, so würde auch sein Dorf Kuckum für immer verschwinden.

"Das ist das erste realisierbare Projekt, das alle Seiten miteinander versöhnt: Die Bewohner der betroffenen Dörfer, die Mitarbeiter von RWE, den Naturschutz und die Strategie für die Renaturierung. Das Konzept ist sehr durchdacht und bedeutet konkret, dass ein Großteil der Dörfer stehen bleibt", so Dresen. "Für uns ist das perfekt. Wir fühlen uns ziemlich ernst genommen."

"Greenpeace Energy hat als erster Akteur ein fundiertes und lösungsorientiertes Konzept vorgelegt", freut sich Antje Grothuss, Vertreterin der vom Tagebau betroffenen Bürger in der Kohlekommission.

Es biete gute Ansatzpunkte für einen sozialverträglichen und zukunftsweisenden Strukturwandel im Rheinischen Revier und "setzt einen wohltuenden Kontrapunkt gegenüber der von der fossilen Lobby geprägten Kultur der scheinbaren Perspektivlosigkeit jenseits der Braunkohle." 

 

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