Brasilien: Run auf Rios größte Favela Rocinha
Ein Drohnenvideo aus einer bekannten Community in Rio entfacht eine Debatte über Tourismus auf den Hügeln der Stadt. Während Kritiker die "Romantisierung von Armut" anprangern, wollen Bewohner vom Boom profitieren.

Sightseeing mit Social-Media
Die brasilianische Mode-Influencerin Ingrid Ohara steht inmitten der brasilianischen Community Rocinha in Rio de Janeiro auf einem Hausdach. Sie posiert für ein Video, das viral ging und Kontroversen auslöste. Sollten Touristen Favelas meiden, oder im Gegenteil durch ihre Besuche Einkommensquellen für die Bewohner schaffen?
Foto-Shooting auf dem Dach
Endlich in Dollar und Euro verdienen: In der berühmten Favela Rocinha in Rio haben Anwohner ihr eigenes Geschäftsmodell entwickelt. Sie vermieten ihre Dächer an geführte Touristengruppen – oft inklusive spektakulärer Drohnenaufnahmen für Social Media. Für die Besucher kostet das Erlebnis je nach Angebot etwa 20 bis 60 Euro pro Person.
Spieglein, Spieglein an der Wand.....
Ein kleiner Spiegel verdeckt einen Teil des Graffiti am berühmten Aussichtspunkt "Porta do Ceu" (Tor zum Himmel) in der Rocinha. Hier haben die Touristen die Möglichkeit, vor einem der Videos für Social Media noch einmal ihren Look zu checken oder ihr Make-up aufzufrischen - immerhin wartet so mancher zwei Stunden lang auf den großen Auftritt mit Ausblick.
Tanzen und verteidigen
Zur Tour gehören nicht nur die Videos, die mit modernen Beats unterlegt werden. Zum Programm gehören auch akrobatische Einlagen mit Capoeira-Tänzern. Der brasilianische Kampftanz Capoeira gehört mittlerweile zum Weltkulturerbe. Er steht für Kunst ehemaliger Sklaven, sich gegen ihre Besitzer zu verteidigen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen und ist Teil der kulturellen Identität des Landes.
Kritik an Drohnenvideos
In den Kommentarspalten zu den Touristen-Videos macht sich jedoch häufig Unmut breit. Dort werden die Touristen beschuldigt, die Armut und Kriminalität in einer einkommensschwachen Gemeinde, die vom Drogenhandel dominiert wird, zu verherrlichen. Tatsächlich starb im Jahr 2017 eine spanische Touristin bei einem Feuergefecht zwischen Polizei und Drogenhändlern.
Mit Anwohnern durchs Labyrinth
Nach diesem Vorfall wurde der organisierte Favela-Tourismus komplett eingestellt. Jahre später, nach der erneuten Öffnung für Besucher, entwickelte der Tour-Anbieter Renan Monteiro eine neue Strategie. In Zusammenarbeit mit einheimischen Gemeindevertretern schuf er festgelegte Touristenrouten, die von Anwohnern überwacht werden.
Eine App für bessere Koordination
Monteiro entwickelte außerdem eine App, um die Standorte der einheimischen Guides zu verfolgen und den Touristenfluss zu steuern. Bei geplanten Polizeiaktionen gegen Drogenhändler können so geplante Touren abgesagt oder verschoben werden. Das soll für mehr Sicherheit sorgen.
Neue Chancen für Favela-Bewohner?
Für viele Einheimische gehört das Leben in den Favelas zu ihrer Kultur. Sie möchten der Welt auch die guten Seiten ihres Viertels zeigen. Zudem birgt der Tourismus viele Chancen: Das Unternehmen von Renan Monteiro hat 300 lokale Guides und zehn Drohnenpiloten ausgebildet. Die Besitzer von 26 Dächern und Terrassen in Rocinha und Vidigal verdienen Geld, um Touristenbesuche zu ermöglichen.