Brasilien, Kuba und der Streit um gerechten Lohn | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 18.02.2014
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Amerika

Brasilien, Kuba und der Streit um gerechten Lohn

In Brasilien arbeiten viele kubanische Ärzte. Den Großteil ihres Gehalts behält deren Heimatland ein. Aus Protest hat eine Ärztin in Brasilien Asyl beantragt und die dortige Regierung in eine schwierige Lage gebracht.

Kubanische Ärzte werden in Brasilien in ihre Aufgaben eingewiesen (Foto: ABR)

Kubanische Ärzte in Brasilien

So hatte es sich Ramona Rodríguez nicht vorgestellt. Im Oktober 2013 war die kubanische Ärztin nach Brasilien gekommen. Im Bundesstaat Pará, ganz im Norden des Landes, direkt an der Grenze zu Surinam und Guayana, kümmerte sie sich um ihre Patienten. Die konnten die Hilfe sehr gut gebrauchen: Denn das entlegene Pará gehört zu jenen Bundesstaaten, in der sich nur wenige brasilianische Ärzte niederlassen: Auf 1000 Einwohner kommt dort statistisch nicht einmal ein Arzt - zum Vergleich: in Deutschland versorgt ein Arzt rund 233 Einwohner.

Rodríguez kam im Rahmen des Programms "Mais Médicos" ("Mehr Ärzte") nach Brasilien, das die brasilianische Regierung im Juli 2013 aufgelegt hatte, um den Ärztemangel zu bekämpfen. Das Programm sprach nicht nur brasilianische, sondern auch ausländische Ärzte an. Rund 10.000 Reais - umgerechnet rund 4.200 US-Dollar - sollen sie für ihre Arbeit in einer der unterversorgten Regionen im Monat erhalten. Rund 6500 Ärzte ließen sich auf das Angebot ein - 5400 von ihnen stammen aus Kuba. Anders als ihre Kollegen aus anderen Ländern wurden sie im Rahmen einer besonderen Vereinbarung zwischen der brasilianischen und der kubanischen Regierung angeworben. Brasília überweist für sie dieselbe Summe wie für die anderen Ärzte. Doch die kubanische Regierung zahlt ihnen nur 400 Dollar pro Monat aus. Weitere 600 Dollar pro Monat sollten die kubanischen Ärzte nach ihrer Rückkehr nach Hause erhalten. Der Rest, also über 3000 Dollar, geht in die Staatskasse.

Ramona Matos Rodriguez

Pocht auf ihre Rechte: Ramona Rodriguez

Das Program Mais Médicos kam bei den Brasilianern gut an. Zwar protestierten brasilianische Ärzte gegen die Billig-Konkurrenz. Doch nach Einschätzung brasilianischer Medien dürfte Präsidentin Rousseff mit dem Programm im Wahlkampfjahr 2014 punkten: Im Oktober finden die Präsidentschaftswahlen statt. Nun aber dürfte "Mais Médicos" der Regierung erheblich zu schaffen machen - sehr zur Freude der Opposition, die sich dankbar auf das Thema stürzte und den Skandal medienwirksam anprangerte.

Als "Verräterin" gebrandmarkt

Als nämlich Ramona Rodríguez nach Brasilien kam, kannte sie zwar die finanziellen Bedingungen, zu denen sie und ihre Kollegen arbeiten sollten - nicht aber die ihrer ausländischen Kollegen. Erst zu diesem Zeitpunkt erkannte sie, dass deren Gehalt das Zehnfache der kubanischen Ärzte betrug.

Rodriguez fühlte sich betrogen - und stellte in Brasília einen Antrag auf Asyl. In mehreren Interviews beschrieb sie die Lage der in Brasilien arbeitenden kubanischen Ärzte. Selbst in Brasilien fürchten sie die Überwachung durch die heimischen Behörden. So habe sie die Gehaltsfrage mit ihren kubanischen Kollegen nicht besprechen können, erklärte sie gegenüber der Zeitschrift Veja. Denn die hätten das ihrem kubanischen Vorgesetzten berichten können, der dann wohl eingeschritten wäre. Ihre Tochter, so Rodríguez, werde täglich von den Behörden kontaktiert und mit Fragen über ihre Mutter in Brasilien konfrontiert. Rodrigues Schwester, die während Rodríguez Abwesenheit in deren Wohnung gelebt hatte, wurde von den kubanischen Behörden von dort vertrieben.

Den Kontakt zu ihren kubanischen Kollegen habe sie abgebrochen, erklärte Rodríguez weiter. "Würde ich sie anrufen, bekämen sie Schwierigkeiten. Denn dann sprächen sie mit einer Deserteurin, einer Verräterin."

Wirtschaftliche Interessen versus humanitäre Erwägungen

Ärzte protestieren in Brasília gegen den Import von Medizinern aus dem Ausland (Foto: DW/Ericka de Sa)

Ärzte protestieren in Brasília gegen den "Import" von Medizinern aus dem Ausland

Nachdem nun ein weiterer kubanischer Arzt aus dem Programm ausgestiegen ist, steht die brasilianische Regierung vor der Frage, wie sie in der Sache Rodríguez entscheiden soll. Würde sie ihrem Asylantrag stattgeben, könnte sie weitere kubanische Ärzte zur Flucht animieren. Damit würde sie aber riskieren, das Verhältnis zu Kuba massiv zu belasten. Das ist umso heikler, als beide Staaten nicht nur ein sehr freundliches Verhältnis zueinander pflegen, sondern auch ihre Wirtschaftsbeziehungen massiv ausgebaut haben. So hatte die brasilianische Entwicklungsbank dem brasilianischen Konzern Odebrecht einen Kredit von knapp 700 Millionen US-Dollar bewilligt, die dieser in den knapp eine Milliarde US-Dollar teuren Bau des kubanischen Containerhafen Mariel investierte.

Wie schwer wiegen humanitäre Fragen, wenn es um handfeste wirtschaftliche Interessen geht? "Brasilien dürfte Rodríguez kaum Asyl gewähren", sagt Luiz Fernando Martins Kuyven, Professor für Internationales Recht an der Universität Mackenzie in São Paulo. "Eine solche Entscheidung würde nicht nur das Programm Mais Médicos, sondern die gesamten Beziehungen der beiden Länder gefährden."

Unklare Rechtslage

Unklar ist zudem, wie Rodríguez´ Antrag juristisch zu bewerten ist. Das brasilianische Gesetz erkennt als Flüchtling Personen an, die aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit, der Zugehörigkeit zu einer Ethnie, religiösen oder sozialen Gruppe oder aufgrund ihrer politischen Überzeugung mit Verfolgung rechnen müssen. Für Pietro Alarcon, Rechtsprofessor an der Katholischen Universität São Paulo (PUC-SP) treffen diese Umstände im Fall Rodríguez nicht zu. Darum könne das brasilianische Nationale Kommitee für Flüchtlinge (Conare) ihrem Antrag auch nicht stattgeben.

Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff im Gespräch mit dem kubanischen Präsidenten Raúl Castro, 27.1. 2014 (Foto: Reuetrs)

Beste Beziehungen: Dilma Rousseff und Raúl Castro

Allerdings könnte das Kommitee auch anders entscheiden, sagt Luiz Fernando Martins Kuyven von der Universität Mackenzie. Sollte es zu dem Schluss kommen, dass Rodríguez nach ihrer Rückkehr um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten müsse und politisch verfolgt werde, könnte man sie als Flüchtling anerkennen. "Meiner Einschätzung nach sollte Brasilien ihr Asyl gewähren, denn nach all dem werden sie und ihre Familie kein normales Leben mehr führen können."

Etwas hat der Fall Rodríguez bereits bewirkt: Brasilien strebt jetzt offenbar eine pragmatische Lösung an. Die Regierung will mit Kuba das Honorar der Ärzte neu aushandeln. Je höher das Gehalt, so das Kalkül, desto geringer die Lust auf Asyl. Rodríguez selbst arbeitet inzwischen für den brasilianischen Ärzteverband (AMB) - wenn auch nicht als Medizinerin. Die Approbation wurde ihr - vorerst - entzogen. Sie soll sie aber nach einigen Examen bald wiederbekommen. Und wäre dann eine freie kubanische Ärztin in Brasilien.

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