Brand im brasilianischen Nationalmuseum ein ″riesiger Schock″ für die Wissenschaft | Kultur | DW | 03.09.2018
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Interview

Brand im brasilianischen Nationalmuseum ein "riesiger Schock" für die Wissenschaft

Das Museum hat in diesem Jahr sein 200. Jubiläum gefeiert. Jetzt ist ein Großteil seiner Sammlung vermutlich zerstört. Die Historikerin Debora Gerstenberger erklärt, was das bedeutet - für Brasilien und die ganze Welt.

Deutsche Welle: Frau Gerstenberger, was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass das brasilianische Nationalmuseum in Flammen aufgegangen ist?

Debora Gerstenberger: Es ist natürlich ein riesiger Schock. So ein Ereignis erschüttert im Prinzip die ganze wissenschaftliche Gemeinschaft. Mein Spezialgebiet ist Brasilien, ich war schon häufiger da und kenne das Museum gut. Was so tragisch ist, ist, dass um die 20 Millionen Gegenstände dort archiviert waren und das ist natürlich ein wahnsinnig großer Schatz.

Berichten zufolge wurde ein Großteil dieser Sammlung des Museums nun zerstört. Was sind das für Exponate?

Die Bandbreite an Gegenständen dort ist riesig. Dinge aus Ägypten, die der Kaiser (Dom Pedro II,  1831 bis 1889 Kaiser von Brasilien, Anmerkung d. Redaktion) erworben hat, auch zoologische Sammlungen, es gibt Dinosaurierfossilien und so weiter. Es ist wahnsinnig schockierend für Wissenschaftler, wenn so etwas unwiederbringlich verloren geht. Es ist noch völlig unklar, was jetzt alles zerstört ist, aber jedes zerstörte Teil ist ein Drama.

Brasilien Großbrand im Nationalmuseum in Rio de Janeiro (Reuters/R. Moraes)

Ein Feuerwehrmann rettet ein Tierexponat vor den Flammen

Wie wichtig ist das Museum für Brasilien? Hat es auch eine besondere Bedeutung für Lateinamerika oder sogar die Welt?

"Nationalmuseum" klingt ja so, als wäre es ein Museum für die brasilianische Nation und als wäre es besonders bedeutsam für die brasilianische Nation. Aber was man dort sehen kann, betrifft eben nicht nur die brasilianische Nation, sondern es ist sozusagen ein weltkulturelles Erbe.

Der Begriff der Nation ist ja sowieso etwas, was im 19. Jahrhundert erfunden wurde, und was heutzutage in der Geschichtswissenschaft auch gar nicht mehr so zentral ist. Was heute interessant ist, sind eher globalgeschichtliche Zugänge.Und dieses Museum hat ganz viele Gegenstände, die gerade auch aus globalhistorischer Perspektive interessant sind. Weil heutzutage in der Geschichtswissenschaft auch die Geschichte der Sammlungen selbst im Vordergrund steht: Wer hat wann zu welchem Zeitpunkt aus welchem Grund einen Gegenstand dort gekauft oder dorthin getragen, und warum wurde dieser Gegenstand dann wie, wann, in welchem Zusammenhang ausgestellt und so weiter. Diese Fragen betreffen dann eben nicht nur Brasilien, sondern die gesamte wissenschaftliche Welt. Und insofern ist es eben nicht nur für Brasilien dramatisch, sondern für ganz Lateinamerika und die ganze Welt.

Brasiliens Präsident hat gesagt, dass "200 Jahre Arbeit, Forschung und Wissen" verloren gegangen seien. Aber nur, weil viele der Gegenstände selbst zerstört sind, heißt das doch nicht, dass das Wissen, das damit verbunden ist, auch "verloren" ist, oder?

Es ist natürlich so, dass Menschen auch über Gegenstände schreiben, und das, was sie geschrieben haben, bleibt natürlich. Aber die Wissenschaft ändert sich ja und in der Regel ist es so, dass man für Neuinterpretationen am besten Originalgegenstände zur Hand hat. Die Schriften, die schon über Gegenstände verfasst sind, sind ja immer gefärbt und bereits eine Interpretation. Und es ist schwieriger, nur auf bereits bestehenden Interpretationen aufzubauen. Ich würde zwar auch ein bisschen relativieren, dass jetzt nicht alles zerstört ist und nicht alles "verloren". Aber es ist natürlich trotzdem der Fall, dass es schöner ist, die Originalgegenstände tatsächlich zu sehen. 

Brasilien Rio de Janeiro (Reuters/Social Media)

Feuer und Rauch über Rio de Janeiro

Außerdem gibt es immer Bestände, die noch nicht beschrieben sind oder noch nicht gut dokumentiert und nicht interpretiert sind. Bei 20 Millionen Gegenständen kann man davon ausgehen, dass ein ganz großer Teil einfach noch gar nicht ins Licht der Wissenschaft gerückt war. Und wenn das jetzt weg ist, dann kann es auch niemals mehr Gegenstand der Forschung sein.

Warum liegen solche wichtigen Bestände herum, ohne wirklich dokumentiert oder analysiert zu sein? Ist das immer nur eine Frage von Geld und Zeit?

Geld und Zeit, genau, und im Prinzip hängt es davon ab, was man für wichtig erachtet. Die Gegenstände, die in einer bestimmten Epoche als wichtig erachtet werden, werden natürlich restauriert. Ich kann mir gut vorstellen, dass es im brasilianischen Nationalmuseum ganz viele Bestände und Gegenstände gab, die nicht so augenscheinlich interessant sind oder offensichtlich wertvoll sind, aber wo sicherlich irgendwann noch eine Zeit gekommen wäre, in der sie vielleicht wertvoll geworden wären.

Wie wichtig sind Original-Ausstellungsstücke für das Publikum eines Museums?

Sehr wichtig. Diese Originale sind natürlich ein Publikumsmagnet - immer und überall. Wobei man sich fragen kann, ob ein Laie erkennen würde, ob da jetzt ein Original oder Replikat steht - höchstwahrscheinlich nicht. Aber Originalität, das Ursprüngliche, Echte ist immer noch etwas, das Menschen irgendwie beeindruckt und worauf sie fliegen, und deshalb lockt es auch Leute an.

Brasilien Rio de Janeiro - Brasilianisches Nationalmuseum brennt ab (Getty Images/B. Mendes)

Das Museum nach dem Brand

Das Museum in Rio hatte etwa 10.000 Besucher im Monat. Aber abgesehen von seiner Rolle als Schaufenster von historischen Artefakten - wie viel tun solche Museen für Forschung und Wissenschaft?

Sehr viel. Gerade die Einrichtungen, die eng an akademische Institutionen gekoppelt sind. Die Wissenschaftler in Rio arbeiten mit diesen Beständen; da findet auch gelebte Wissenschaft statt. Insofern sind sie extrem wichtig.

Das Museum hat sozusagen eine doppelte Funktion: Einerseits ist es ein Aushängeschild für die brasilianische Kultur, oder, wenn man so will, für die Nationalkultur, aber andererseits ist seine Bedeutung für die Wissenschaft enorm. Und auch nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern vor allem auch für Biologie oder Wissenschaftsgeschichte, Theologie und Anthropologie, möglicherweise auch Soziologie und andere geistes- und sozialwissenschaftliche Richtungen.

Es ist natürlich auch eine finanzielle Frage: Kann das Museum sich nach einer solchen Katastrophe überhaupt erholen?

Erst mal muss es darum gehen, eine Bestandsaufnahme zu machen und zu gucken, was ist noch da ist und was zerstört. Aber natürlich ist es sehr schwer, und Brasilien in der derzeitigen politischen Situation hat höchstwahrscheinlich etwas andere Prioritäten. Je nachdem, wer Präsident wird jetzt im September, hat möglicherweise andere Prioritäten als sehr viel Geld in die Restauration von beschädigten Objekten zu investieren.

Wenn es so etwas wie eine Wiederherstellung des Bestandes geben sollte, wäre das ein sehr langwieriges Projekt und extrem kostspielig. Was möglich wäre, wäre eine neue Ausstellung zu machen, aus den Beständen, die nicht zerstört sind. Das ist wahrscheinlich die pragmatischste Herangehensweise. Aber dazu muss natürlich auch das Gebäude wieder hergerichtet oder ein Ersatzgebäude gefunden werden. 

Debora Gerstenberger ist Juniorprofessorin der Geschichte Lateinamerikas an der Freien Universität Berlin.

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