Boykott gegen den Song Contest bleibt klein | Europa | DW | 18.05.2019
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Weltweit größter Pop-Wettbewerb

Boykott gegen den Song Contest bleibt klein

Am Samstagabend steigt das Finale des Eurovision Song Contest in Israel. Gleichzeitig läuft "Globalvision" als kleiner Protest der Palästinenser. Superstar Madonna lehnt einen Boykott ab. Bernd Riegert aus Tel Aviv.

Eurovision Song Contest 2019 | Proben | Island (AFP/Getty Images/J. Guez)

Auftritt der Isländer: "Hatari" kritisierte im Vorfeld das Gastgeberland Israel

Etwa 180 bis 200 Millionen Menschen werden in Europa und in vielen Teilen der Welt das Musikspektakel "Eurovision Song Contest" live am Fernseher verfolgen. Seit den 1950er Jahren ist der als Schlagerwettbewerb bescheiden in Westeuropa gestartete ESC unterwegs. Inzwischen nehmen 41 Staaten teil, darunter auch Australien. Zum dritten Mal bereits findet das bunte Pop-Festival in Israel statt, das seit 1973 teilnimmt. In diesem Jahr ist Israel, das die Westbank besetzt hält und den Gaza-Streifen abriegelt, als Austragungsort des fröhlichen Sängerwettstreits umstritten.

Die vom Bundestag erst am Freitag als antisemitisch gebrandmarkte Organisation "Boycott, Divestment, Sanctions" (BDS) hat in Bethlehem im Westjordanland, in Haifa, in London und Dublin einen Gegen-ESC organisiert. Ob dieser "Globalvision" getaufte Auftritt von pro-palästinensischen Bands dem "Eurovision" aber ernsthaft Konkurrenz machen kann bei der Wahrnehmung durch die Weltöffentlichkeit, ist eher fraglich. Die "European Broadcasting Union", ein Zusammenschluss der Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsender Europas und des Mittelmeerraums, buttert viele Millionen Euro in die Produktion der aufwändigen Show.

Musiker gegen den ESC

"Globalvision" nimmt sich da eher bescheiden aus. Anstatt auf große Namen und den Status quo konzentriere man sich auf einen "radikal integrierten" Ansatz, teilten die Veranstalter von "Globalvision" mit. Es treten einige internationale, israelische und palästinensische Künstler auf, zum Beispiel der Sänger Bashar Murad aus Ost-Jerusalem. "Das ist eine gewaltfreie Alternative, die auf Zusammenhalt und das Schaffen von Bewusstsein setzt", sagte einer Künstler der israelischen Tageszeitung Haaretz. Nach eigenen Angaben der Pro-Palästina-Aktivisten von "BDS" haben sich im letzten Jahr mehr als 100.000 Menschen, 100 Lesben- und Schwulenverbände, 100 palästinensische und 25 israelische Musiker für einen Boykott des Eurovision Song Contest in Tel Aviv ausgesprochen.

Palästinensicher Musiker Bashar Murad (DW/S. Shealy )

Bashar Murad: Der Palästinenser wirft Israel vor, es würde sich mit dem ESC "rosa schönfärben"

Der palästinensische Sänger Bashar Murad, der selbst schwul ist, lehnt den ESC ab, obwohl er gerade in der Lesbisch-schwulen-transsexuellen Gemeinschaft außerordentlich beliebt ist. Als Schwuler könne er in der konservativen palästinensischen Gesellschaft, die nicht jeden akzeptiere, "überleben", so Murad im Gespräch mit Haaretz.

Madonna will singen

Den Boykott-Organisatoren von BDS wirft der Bundestag vor, sie schürten anti-jüdische Vorurteile und sprächen Israel das Existenzrecht ab. Auch Superstar "Madonna", die beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv als Pausen-Act auftritt, distanzierte sich von irgendwelchen Boykottaufrufen. "Ich werde niemals aufhören Musik zu machen, nur um jemandes politischer Agenda zu entsprechen. Außerdem werde ich nicht aufhören, mich gegen die Verletzung von Menschenrechten auszusprechen, wo immer in der Welt das auch geschehen mag", teilte Madonna in einer Erklärung mit, die von US-Medien verbreitet wurde. Musiker-Kollegen, die bei BDS mitarbeiten, hatten die 60 Jahre alte "Queen of Pop" zuvor aufgefordert, ihren Auftritt in Tel Aviv zu streichen.

Madonna (Imago Images/PA Images/D. Peters)

Madonna will nicht schweigen und 1,15 Millionen Euro Gage verdienen

Die EBU als Veranstalterin des Pop-Spektakels hat stets erklärt, der ESC sei politisch völlig neutral, es gehe um Unterhaltung und nicht um die politische Lage im Austragungsland. Den Künstlern, die heute Nacht auf der aufwändigen Riesenbühne im Tel Aviver Messegelände stehen werden, ist es eigentlich untersagt, sich irgendwie politisch zu äußern. Ob sich auch die eigenwillige "Madonna" an diesen Maulkorb halten wird, wird mit Spannung erwartet. Eine teilnehmende Band hatte im Vorfeld des ESC das Schweigen bereits gebrochen. Die isländische Band Hatari gab in der letzten Woche ein Konzert in Hebron in der Westbank und kritisierte Israel als "Apartheitsstaat." Den gleichen Slogan benutzt die BDS-Organisation.

"Iron Dome" soll schützen

Israelische Medien rechnen damit, dass es trotz der politischen Kontroverse rund um den ESC ruhig bleiben wird. Die Palästinenser im Gaza-Streifen sagten bereits am Freitag die üblichen Proteste am Grenzzaun zu Israel ab. Bis zu 20.000 Polizisten sollen in Tel Aviv im Einsatz sein, um Ausschreitungen oder Anschläge auf den ESC und das Fan-Dorf am Strand zu verhindern. Für die Dauer des Musikwettbewerbs hat die israelische Armee ihre Anti-Raketen-Waffen in ganz Israel neu aufgestellt. Dieses "Iron Dome" genannte Netz aus Abwehrraketen soll möglicherweise aus Gaza abgefeuerte Raketen der Palästinenser abfangen. Die Armee habe sich selbst Zurückhaltung auferlegt, um keine Angriffe der Hamas oder extremistischer Islamisten zu provozieren, heißt es. Vor zwei Wochen hatten die Palästinenser fast 700 Geschosse abgefeuert. Vier israelische Zivilsten wurden in Ortschaften nicht weit von Tel Aviv getötet. Bei Gegenangriffen waren über 20 Palästinenser getötet worden. Zurzeit herrscht ein inoffizieller Waffenstillstand. Die israelischen Behörden und die Veranstalter des ESC gehen davon aus, dass er halten wird. Was passiert, wenn die Showtruppe, die Fans und die Stars wieder abgezogen sind, steht auf einem anderen Blatt.

Israel Bilal Hassani aus Frankreich in Tel Aviv (picture alliance/dpa/TASS/V. Prokofyev)

Wirklichkeit holt Satire ein: TV-Sender drehte vor dem ESC Comedy über schwulen französischen Sänger. Nun ist wirklich einer da.

TV-Satire über Anschlag verschoben

Kommenden Mittwoch können Israelis im Fernsehen sehen, was nicht alles hätte passieren können beim ESC. Der ausrichtende israelische Sender KAN hat eine Satire gedreht, in der es um einen islamistischen Anschlag während des Song Contests geht. Ziel ist ein schwuler arabisch-stämmiger Sänger aus Frankreich, der in allerlei komische Abenteuer verwickelt wird. Die Satire-Serie wurde lange vor dem ESC abgedreht, nur holte die Wirklichkeit die Fernsehmacher ein. Frankreich wird beim echten ESC tatsächlich vom schwulen Sänger Bilal Hassani vertreten. Die European Broadcasting Union protestierte bei KAN. Der Sender verschob daraufhin die Ausstrahlung der Serie, die ursprünglich schon vor dem heutigen Finale des ESC laufen sollte. Jetzt ist es also am Mittwoch soweit. Lachen über den ESC und die Politik ist angesagt. Titel der Serie: "Douze points". 12 Punkte für…

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