Bombenräumdienst: ″Rambos nicht gefragt″ | Deutschland | DW | 08.07.2019
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Blindgänger

Bombenräumdienst: "Rambos nicht gefragt"

Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich zu machen, ist Beruf und Berufung für Horst Lenz. Rund tausend Mal pro Jahr wird er gerufen. Immer im Blick hat er Murphys Gesetz: Was schiefgehen kann, geht schief.

Zwischen 1940 und 1945 haben die britische und die US-Luftwaffe rund 2,7 Millionen Tonnen Bomben auf Europa abgeworfen, die Hälfte davon über Deutschland. Rund eine Viertelmillion Bomben ist nicht detoniert - im ganzen Land liegen noch Tausende als Blindgänger im Boden.

Horst Lenz entschärft seit 1984 Kampfmittel. Der 63-jährige leitet das 15-köpfige Team des Kampfmittelräumdienstes Rheinland-Pfalz. Das kommt immer dann zum Einsatz, wenn in dem Bundesland Bomben gefunden werden. Im vergangenen Jahr hat es rund 35 Tonnen Munition und Munitionsteile geborgen, darunter 63 nicht explodierte Bomben, elf Panzerminen, 444 Hand- und Gewehrgranaten und 5045 Kilo Gewehr- und Pistolenmunition. Sein Job sei "eine Mischung aus Technik und Archäologie", sagt Horst Lenz.

Deutsche Welle: Welche Ausbildung brauchen Sie zum Bombenentschärfen?

Horst Lenz: Zunächst mal geht man lange mit. Und dann, wenn jemand persönlich geeignet ist, bieten wir die Ausbildung jedem an. Früher war das anders, da war man quasi ein Auserwählter. Ich habe meine Ausbildung bei der Bundeswehr gemacht, in Meppen (in Niedersachsen), bei der Erprobungsstelle für Waffen und Munition.

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Blindgänger: Gefährliche Erblast

Welche Fähigkeiten muss man mitbringen?

Von Vorteil ist, wenn man eine Ausbildung im Metallbereich hat, etwa Maschinenbau oder Werkzeugmacher. Man muss technische Zeichnungen lesen können, um die Vorgänge in den Munitionskörpern oder im Zündsystem zu verstehen.

Und man muss vermutlich einen kühlen Kopf bewahren können?

Also, Rambos sind hier nicht gefragt.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie sich entschieden haben, das zu machen?

Durchwachsen. Es ist natürlich schön, wenn man einen Beruf findet, zu dem man sich auch berufen fühlt. Das ist mindestens genauso viel wert wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl. Man verbringt viel Zeit an seinem Arbeitsplatz. Darum ist natürlich die Frage: Macht man das mit Interesse oder nur, um Geld zu verdienen?

Ich kann mir kaum vorstellen, dass man das man nur fürs Geld macht. Der Job ist gefährlich.

Sehen Sie, jeder technische Beruf birgt Gefahren. Die Wahrscheinlichkeit, als Lastwagenfahrer ums Leben zu kommen, ist nicht geringer als bei uns. Nur die Art zu sterben ist bei den LKW-Fahrern profan und bei uns ist das was Exotisches. Es ist exotisch, wenn 2019 jemand ums Leben kommt oder schwer verletzt wird beim Umgang mit Munition, die aus einem Krieg stammt, der seit 74 Jahren vorbei ist.

Horst Lenz Leiter des Kampfmittelräumdienstes Rheinland-Pfalz (picture-alliance/dpa/T. Frey)

Der Beruf ist zur Berufung geworden: Horst Lenz vom Kampfmittelräumdienst Rheinland-Pfalz

Wenn man sich das vor Augen hält, kommt man leichter damit klar. Jeder, der hier beschäftigt ist, baut sich seine eigenen Brücken.

Hat Ihre Arbeit Ihre Einstellung zum Leben verändert?

Ich habe hier gelernt, alle Schritte überaus oft zu überdenken. Schnelle Entscheidungen sind nicht angesagt. Man muss alle Schritte mehrfach überlegen: Mache ich jetzt irgendwas, das mir nachher den Rückweg abschneidet? Man kann schnell in eine Situation kommen, in der läuft alles nach Murphys Gesetz: Wenn was verkehrt gehen kann, dann geht es verkehrt.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Arbeit?

Man muss mit allen fünf Sinnen, vielleicht auch noch mit einem sechsten Sinn, dabei sein, um diese Aufgabe erfolgreich beenden zu können, wenn es kritisch wird.

Gibt es Fälle, die nach all den Jahren für Sie heute noch herausstechen?

Ja. Wir hatten eine Langzeitzünderbombe in Mainz, vor etwa 29 Jahren. Wir haben versucht, mit einem Fernentschärfungsgerät den Zünder auszubauen. Das schlug fehl. Das Gerät hat versagt. Ich musste dann dort hingehen und dieses überaus große und schwere Gerät abbauen, um zu sehen, was da überhaupt los war. Beim Abbau gab es so ein kleines Geräusch, einen Klick. Wir haben dann das gesamte Zündsystem ausgebaut, und dann hat sich gezeigt, dass der Zünder ausgelöst hatte, als ich versuchte, das Gerät abzubauen. Wenn alles (an der Bombe) funktioniert hätte - was es glücklicherweise nicht hat -, dann würden wir jetzt nicht miteinander sprechen.

Deutschland Bombenentschaerfung (picture-alliance/dpa/M. Ernert)

Gruppenbild mit 40-Zentner-Bombe: Horst Lenz (rechts) macht seine Arbeit seit 35 Jahren

Dennoch sind Sie skeptisch gegenüber dem Einsatz von Robotern.

Ja, denn in den meisten Fällen verbessert das die Sicherheitslage nicht. Es geht eigentlich darum, die Verweilzeit im Gefahrenbereich zu minimieren. Aber die Anbringung ist meistens so komplex, dass es mindestens genauso lange dauert, als wenn man die Entschärfung mit der Hand macht, in der Regel sogar deutlich länger. Je einfacher irgendetwas ist, desto eher kann man dort mit Erfolg arbeiten.

Sie stehen permanent unter Stress. Wie halten Sie das durch?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe dort meinen Frieden. Ich denke, dass ich relativ gut einschätzen kann, wo die möglichen Gefahren liegen. Und das macht 99 Prozent von dem aus, was man braucht, um sicher zu arbeiten. Außerdem glaube ich an Gott, und ich denke, dass der mich schon einige Male geschützt hat.

Am Anfang hatten Sie doch bestimmt Angst. Haben Sie noch Angst?

Angst im Sinne von Panik nicht. Angst ist eigentlich eine gute Sache. Treffender ist eigentlich Bedenken, weil Angst schon etwas ist, das einen ins Irrationale abgleiten lässt. Das führt zu Handlungen, die nicht mehr logisch sind, und das darf nicht vorkommen.

Wichtig sind Befürchtungen, Misstrauen gegenüber der Materie. Und sich selbst immer wieder zu hinterfragen: Ist das, was ich hier mache, vernünftig? Oder müssen wir an der einen oder anderen Stelle nachsteuern?

Wasserbombe am Strand auf Wangerooge Archivbild (picture-alliance/dpa)

An Land gespült: Diese Wasserbombe tauchte Weihnachten 2011 am Strand der Nordseeinsel Wangerooge auf

Erhöht die extreme Hitze die Gefahr, dass verborgene Blindgänger detonieren?

Eine Detonation ist ein chemisch-physikalischer Vorgang. Sobald die Chemie ins Spiel kommt, steigert eine Erhöhung der Temperatur um zehn Grad die Empfindlichkeit um einen bestimmten Teil. Deswegen soll Munition vor direkter Sonneneinstrahlung unbedingt geschützt werden. Wenn jetzt eine Bombe etwa einen halben Meter im Erdboden liegt, ist die Erwärmung aus meiner Sicht nicht mehr ausschlaggebend. Wenn allerdings die Sonne zu sehr auf einen Munitionskörper knallt, dann kann das zur Selbstauslösung führen.

In einem Fall passiert das hundertprozentig: bei Munition mit weißem Phosphor. Weißer Phosphor entzündet sich bei Luftzutritt selbst. Er brennt komplett ab und verströmt einen weißen, giftigen Rauch. Je wärmer, desto furioser geht das vonstatten. Wenn so ein Munitionskörper durchgerostet ist und man steht daneben, dann erleidet man Verbrennungen, dazu kommen die giftigen Dämpfe. Jedes Jahr, wenn es warm wird, gibt es Fälle von Selbstentzündung mit weißem Phosphor.

Und bei Niedrigwasser in den Flüssen, wenn es nicht mehr regnet?

Was sonst vom Wasser verborgen ist, wird dann zugänglich. Dann finden die Leute das. Wenn sie vernünftig sind, kann man das beseitigen. Dann ist die Gefahr ein für allemal gebannt. Nur der Munitionskörper, der nicht mehr vorhanden ist, kann keine Gefahr auslösen.

Das Gespräch führte Nancy Isenson.

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