Bloggerin Marie Sophie Hingst ist tot | Kultur | DW | 27.07.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Der Fall Hingst

Bloggerin Marie Sophie Hingst ist tot

Die Historikerin und Bloggerin, die eine jüdische Familiengeschichte samt Holocaust-Opfern erfand, wurde tot in ihrer Wohnung gefunden, wie die "Irish Times" erst jetzt berichtet. Die Umstände ihres Todes sind unklar.

Nach Angaben der irischen Tageszeitung wurde die 31-jährige Deutsche, die lange zu den erfolgreichsten deutschen Internet-Autorinnen gehörte und in Dublin lebte, am 17. Juli tot in ihrem Bett entdeckt. Laut Polizei gab es keine Fremdeinwirkung; eine Autopsie soll Klarheit darüber bringen, ob die junge Frau Selbstmord begangen hat. Hingsts Mutter Cornelia bestätigte dem Magazin "Der Spiegel", dass ihre Tochter gestorben sei. Sie beschrieb sie als "hochbegabt und hochgefährdet".

Im Juni dieses Jahres war Marie Sophie Hingst international in die Schlagzeilen geraten, weil sie eine jüdische Familiengeschichte erfunden hatte und bei der Gedenkstätte Yad Vashem in Tel Aviv mit dem Einreichen von sogenannten Gedenk- oder Opferbögen zu 22 angeblichen Verwandten den Eindruck erweckt, große Teile ihrer Familie seien im Holocaust umgekommen.

Preise für die Bloggerin 

Sophie Hingst wurde mit ihrem Blog "Read on, my dear" bekannt. Für ihre Arbeit, das Erzählen der Leiden ihrer vermeintlichen jüdischen Vorfahren, erntete Hingst viel Anerkennung. 2017 wurde sie zur "Bloggerin des Jahres" gekürt. Im Jahr darauf verlieh ihr die "Financial Times" bei einem Essaywettbewerb den "Future of Europe"-Preis. Auch da sprach Hingst von ihrer angeblichen jüdischen Familie und verglich deren Schicksal mit dem der Flüchtlinge, die heute an Europas Küsten stranden. Es gab viel Beifall.  

Micha Brumlik (imago/IPON)

Der Wissenschaftler und Publizist Micha Brumlik hatte mit der DW über den Fall gesprochen (Archivbild)

Doch dann wurde bekannt, dass die Bloggerin die Geschichte über ihre Familienabstammung frei erfunden hatte. Tatsächlich stammt sie aus einer evangelischen Familie, wie der "Spiegel" herausgefunden hatte. Ihr Großvater soll nicht – wie von ihr behauptet – Häftling im Vernichtungslager Auschwitz gewesen sein, sondern evangelischer Pfarrer. Auch von weiteren angeblich jüdischen Familienmitgliedern fanden sich keine Spuren.

"Eine verwirrte Seele"

Der Historiker und Holocaust-Forscher Micha Brumlik sagte im DW-Gespräch, dass die junge Frau ihm leid tue. "Ich habe mich freilich gefragt, ob so etwas vorkommen kann im Rahmen des Umstandes, dass ja die Frage des Holocaust, seiner Opfer und seiner Täter, ein wesentliches Thema in Deutschland ist. Und so kann ich mir vorstellen, dass die eine oder andere verwirrte Seele - Frau Hingst ist ja nicht der erste Fall - das in die falsche Kehle bekommt und für sich selbst falsch aktualisiert."

Ähnlich sieht es der irische Journalist Derek Scally, der Marie Sophie Hingst vor einiger Zeit interviewt hat – und dem sie trotz der "Spiegel"-Veröffentlichung erneut von ihrer jüdischen Verwandtschaft und ihrer vermeintlichen Mutter Rachel erzählte, ihm sogar einen gelben Judenstern zeigte, der angeblich ihrer Großmutter gehört habe. Auch Scally hatte Mitleid mit der Deutschen. 

Cornelia Hingst über ihre Tochter 

Der Reporter führte später ein paar Telefonate und stieß auf Cornelia Hingst. Sie sei die echte Mutter, offenbarte sie, eine Rachel gebe es nicht – und dass ihre Tochter in mehreren Welten lebe, sie aber nur Zugang zu einer habe. Sie berichtete Scally auch davon, dass Marie Sophie mehrmals wegen psychischer Probleme in Therapie gewesen sei und sich in Irland endlich eine neue stabile Existenz aufgebaut hatte.

All das brach nach der Enthüllung ihrer Lügengeschichten zusammen. Als Cornelia Hingst den Irish-Times Reporter jetzt wieder kontaktierte, teile sie ihm mit, ihre Tochter sei tot aufgefunden worden. 

suc/jj  (Irish Times, Spiegel, dpa)

Die Deutsche Welle berichtet zurückhaltend über das Thema Suizid, da es Hinweise darauf gibt, dass manche Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Sollten Sie selbst Selbstmordgedanken hegen oder in einer emotionalen Notlage stecken, zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen. Wo es Hilfe in Ihrem Land gibt, finden Sie unter der Website https://www.befrienders.org/ 

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links