Blog aus Pjöngjang | Asien | DW | 08.06.2018
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Nordkorea

Blog aus Pjöngjang

Alek Sigley ist der erste australische Student an der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang. Neben seinem Studium schreibt er einen Blog. Der gibt Einblicke über das Leben im abgeschotteten Nordkorea in spannender Zeit.

15 Meter. Nicht mehr als ein Steinwurf trennt ihn vom nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un, schätzt Alek Sigley. Es ist der Abend des 16. April 2018, ein Montag. Sigley ist auf Einladung seiner Universität mit Kommilitonen im East Pyongyang Grand Theatre. Auf dem Plan steht eine Aufführung des Chinesischen Staatsballetts. Doch die eigentliche Darbietung wird schnell zur Nebensache, schreibt er danach in seinem Blog From Perth to Pyongyang: "In der Mitte des Raumes waren ein paar große, rote Samtstühle aufgestellt, eindeutig für VIP-Gäste." Die Studenten spekulieren, für wen die Sessel wohl gedacht sein könnten. Die meisten tippen auf den chinesischen Botschafter oder hohe nordkoreanische Beamte. Dann gibt es eine Durchsage.

Nordkorea Pjöngjang - Alek Sigley vor dem Eingang des East Pyongyang Grand Theatre (A. Sigley)

Alek Sigley am 16. April vor dem Beginn der Tanz-Aufführung des chinesischen Staats-Balletts

Über Lautsprecher wird dem Publikum mitgeteilt, dass Kim Jong Un persönlich sich das Ballett anschauen wird. "Er kam durch eine Seitentür herein, begleitet von seiner Frau Ri Sol Ju, seiner Schwester Kim Yo Jong und nordkoreanischen und chinesischen Offiziellen. Das Publikum fing an, enthusiastisch  zu applaudieren und aus voller Kehle "Lang lebe er"- Rufe auszustoßen. Die Menschen in der Reihe vor Kim Jong Un drehten sich auf ihren Plätzen um. Ihre Gesichter waren regelrecht ekstatisch und sie klatschten wie wild. Das ging ungefähr fünf Minuten so, obwohl Kim Jong Un das Publikum mit Gesten zu beruhigen versuchte."

Die Atmosphäre sei wie elektrisiert gewesen, schreibt Sigley. Szenen wie diese habe er zwar schon im Fernsehen gesehen. "Das aber selbst zu erleben ist nochmal etwas ganz Anderes." Der 28-jährige Student ist zu diesem Zeitpunkt seit gerade einmal zwei Wochen als Student der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang eingeschrieben – für einen Masterstudiengang in moderner nordkoreanischer Literatur. Für Sigley die Erfüllung eines Traums: "Ich hatte schon lange vor, in Nordkorea zu studieren. Ich spreche fließend koreanisch, habe die Sprache sieben Jahre lang studiert, davon mehrere Jahre in Seoul."

Kim Jong Un umringt von den Tänzern des chinesischen Staats-Balletts: Zeitungsartikel aus der Rodong Sinmun (A. Sigley)

Kim Jong Un umringt von den Tänzern des chinesischen Staats-Balletts: Die Tageszeitung Rodong Sinmun berichtete ausführlich nach der Veranstaltung

Einer von drei Westlern

Auch in Nordkorea ist er schon oft gewesen: "2013 habe ich mitgeholfen, das Reiseunternehmen Tongil Tours zu gründen, das sich auf Bildungsreisen nach Nordkorea spezialisiert hat. Seitdem war ich über zehn Mal als Reiseleiter mit Gruppen dort", so Alek gegenüber der DW. Die persönlichen Kontakte zur Tourismusindustrie hätten ihm auch geholfen, den Studienplatz zu bekommen, ist er überzeugt. Die Kim-Il-Sung-Universität ist die wohl renommierteste im Land, dort werden die künftigen Eliten ausgebildet.

Anderthalb Jahre dauert es, bis alle Formalitäten geregelt sind. Ein geregeltes Bewerbungsverfahren, wie man es für ein Auslandsstudium aus anderen Ländern kennt, gibt es nicht. "Ich glaube, es gab Probleme mit der Ausstellung meines Visums, weil ich hier der erste Student aus Australien bin." Erst wenige Tage vor Beginn des Semesters hat er schließlich die Zusage in der Hand.

Alek Sigley, australischer Austauschstudent in Pjöngjang beim Billard spielen (privat)

Freizeit in Pjöngjang: Alex mit Freunden beim Billard

Neben Alek gibt es an der Kim-Il-Sung-Universität nur noch zwei andere Austauschstudenten aus dem Westen - einen aus Frankreich und einen Kanadier. Aus Asien dagegen sind insgesamt etwa 50 Studenten immatrikuliert, schätzt er. Sie kommen beispielsweise aus Vietnam, Kambodscha, Laos oder der Mongolei. Die meisten aber sind aus China. "Die chinesische Regierung sponsert 25 Studienplätze für jeweils zwei Semester. Daneben sind auch Kinder chinesischer Unternehmer hier, oder Diplomaten-Kinder aus verschiedenen Ländern, deren Eltern in einer der ausländischen Botschaften in Pjöngjang arbeiten."

Sauber – aber seelenlos?

Alek Sigley hat sich gut eingelebt auf dem Campus. Mit seinem neuen Fahrrad erkundet er die Stadt. Innerhalb von Pjöngjang kann er sich frei bewegen, auch ohne permanente Begleitung, sagt er.

Schlafsaal für ausländische Studenten an der Kim-il-Sung-Universität in Pjöngjang (A. Sigley)

Komfort für Studenten: Die Doppelzimmer für die ausländischen Studenten erinnern an Hotelzimmer

Gemeinsam mit einem nordkoreanischen Studenten wohnt er in einem Doppelzimmer mit eigenem Bad. Vom Niveau vergleichbar mit der Unterbringung von Ausländern in einem chinesischen Wohnheim, findet Alek. Auch dort hat er bereits studiert. Der Campus der Kim-Il-Sung-Universität sei organisiert wie eine eigene kleine Gemeinde. "Es gibt ein Restaurant, ein Café, einen Fitnessraum, Tischtennis-Platten und einen Basketballplatz. Und auf dem Campus sind viele Grünflächen mit Bäumen und Blumen." 

Die Gebäude an sich beschreibt Alek als "ästhetisch und beeindruckend anzuschauen", gleichzeitig aber auch streng und schmucklos. Und natürlich gebe es Propaganda-Tafeln mit riesigen Slogans darauf. Die Studenten tragen zum Unterricht eine Uniform: Männer einen grauen Blazer und graue Hose, weißes Shirt, rote Krawatte und Lederschuhe. Die Frauen können sich entscheiden zwischen dem Blazer-Set und einer traditionellen koreanischen Tracht. "Außerdem gibt es einen Haarschnitt, an dem man sich orientieren soll: kurz für die Frauen und noch kürzer für die Männer. Alle sehen sehr ordentlich und gepflegt aus - aber eben auch irgendwie gleich."

Getrennte Handy-Netze

Auch Alek sieht so aus, wenn er im Unterricht ist. Aber trotzdem ist er anders: Ausländer genießen Privilegien. "Wir haben beispielsweise Zugang zum Internet. Die Einheimischen haben das nicht. Es gibt praktisch zwei streng getrennte Handy-Netze hier: Ausländer können mit ihrem Handy ins Ausland telefonieren, Nordkoreaner nicht." Die Netze seien außerdem nicht untereinander kompatibel, er könne also nicht ins koreanische Netz telefonieren.

 Blick aus dem Wohnheim auf Pjöngjang (A. Sigley)

Der Blick aus dem Fenster des Wohnheims - das flache Gebäude rechts gehört zur Uni

Für Alek ist das Handy die wichtigste Verbindung zur Außenwelt. Auf dem Campus gibt es derzeit keinen Internet-Zugang, auch nicht für Austauschstudenten. Ein paarmal war er bei einem Freund, der auf dem Gelände der vietnamesischen Botschaft wohnt. Dort gibt es eine eigene Internet-Verbindung. Ansonsten geht er mit dem Handy ins Netz. Aber das ist teuer. Auch, weil Alek regelmäßig an seinem Blog schreibt, um das Umfeld über sein Leben in Nordkorea auf dem Laufenden zu halten.

Australien – ein Ein-Parteien-Staat?

Zu seinem Mitbewohner hat er ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. "Meistens sprechen wir über gewöhnliche Dinge. Aber manchmal kommt auch das Thema Politik auf. Einmal hat er mich gefragt, ob Australien ein Ein-Parteien-Staat ist.  Das hat mich überrascht. Denn auf der anderen Seite weiß er relativ viel über die USA und über Großbritannien. Er studiert Englisch und lernt in Seminaren über Politik, Gesetzgebung und Wirtschaft in beiden Ländern. Und die Lehrbücher stammen aus dem Ausland."

Alek Sigley, australischer Austauschstudent in Pjöngjang (privat)

Zusammen mit Freunden erkundet Alek die Stadt

Die nordkoreanischen Studenten beschreibt Alek als insgesamt neugierig und wissenshungrig: "Sie wollen von uns etwas über die internationalen Nachrichten hören, weil sie diese Informationen ja sonst nicht bekommen würden. Oder weil die Staatsmedien entweder sehr spät darüber berichten - und über manche Dinge auch gar nicht."

Besonders interessiert sind die Studenten an den politischen Entwicklungen rund um die Koreanische Halbinsel. "Aber sie versuchen schon, auch andere Nachrichten zu verfolgen. Ein Student wusste mehr über den Handelskrieg der USA als ich. Vermutlich hatte er das von einem der chinesischen Studenten."

Die Welt schaut auf Nordkorea – Alek ist mittendrin

Alek ist dankbar für die Chance, in Nordkorea studieren zu können - in diesen Zeiten. Das Gefühl, vielleicht Zeuge historischer Entwicklungen zu werden ist Thema bei ihm und seinen Kommilitonen. "Nach den beiden Gipfeltreffen von Kim Jong Un und dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In haben wir mit ein paar Drinks angestoßen. Einer meiner nordkoreanischen Freunde scherzte sogar, jetzt könne er vielleicht sogar bald eine Südkoreanerin heiraten."

Kim Jong Un und Moon Jae In beim Staatsdinner, beide lachen (picture-alliance/Zumapress/Inter-Korean Press Corps)

Spannende Zeiten: Demonstrativ gelöste Atmosphäre beim Gipfel zwischen Kim Jong Un und dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In

Die Studenten seien optimistisch und wünschten sich eine Wiedervereinigung der Halbinsel. "Sie sinddavon überzeugt, dass eine Wiedervereinigung ihnen Wohlstand bringen und ihr Land aus der Isolation führen wird. Allerdings scheinen sie nicht viel darüber zu wissen, wie die südkoreanische Gesellschaft funktioniert. Zumindest sprechen sie nicht darüber."

Berichterstattung auf nordkoreanisch

Jetzt blicken alle gespannt auf das geplante Gipfeltreffen zwischen Kim Jong Un und dem US-amerikanischen Präsidenten Donald in Singapur. Über das Hin-und Her zwischen Absage und Zurückrudern hat er in den nordkoreanischen Medien nichts gesehen, sagt Alek Sigley. "Das fand hier gar nicht statt. Auch über den zweiten Besuch von US-Außenminister Pompeo in Pjöngjang gab es nur eine kurze Meldung."

Nach wie vor gebe es in den Medien anti-amerikanische Inhalte. Und die USA würden im Land weiter als Feinde und imperialistische Aggressoren angesehen. "Aber insgesamt hat das etwas abgenommen. Beispielsweise wurde ein Propaganda-Plakat in der Nähe des Triumphbogens in Pjöngjang entfernt: Darauf war zu sehen, wie Washington von nordkoreanischen Raketen zerstört wird."

Alek möchte zwei oder drei Jahre in Nordkorea bleiben. Wenn er dann nach Australien zurück kehrt, wird er nicht nur seinen Master in moderner nordkoreanischer Literatur in der Tasche haben, sondern vor allem tiefe Einblicke in ein isoliertes Land.

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