Wie unsere Lebensmittel das Artensterben beschleunigen | Wissen & Umwelt | DW | 03.02.2021
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UN-Studie

Wie unsere Lebensmittel das Artensterben beschleunigen

Wenn wir unsere Böden und Artenvielfalt bewahren wollen, reicht es nicht aus, allein auf ökologische Landwirtschaft zu setzen. Wie eine neue UN-Studie zeigt, müssen wir mehr Pflanzen und weniger Fleisch essen.

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UN-Studie: Biodiversität in Gefahr

Die Art und Weise, wie Lebensmittel weltweit angebaut werden, gefährdet 24.000 der 28.000 Arten, die vom Aussterben bedroht sind. Dies geht aus einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht hervor, der die Staats- und Regierungschefs der Welt dringend auffordert, das globale Nahrungsmittelsystem zu reformieren. 

Pflanzen und Tiere sterben mit einer Geschwindigkeit aus, die mindestens zehnmal - wenn nicht hundertmal - schneller ist als der Durchschnitt der letzten 10 Millionen Jahre, so der Bericht, der vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), der britischen Denkfabrik Chatham House und der Tierschutzorganisation Compassion in World Farming veröffentlicht wurde. Der Rückgang ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Menschen natürliche Ökosysteme zerstören, um Platz für Acker- und Weideland zu schaffen. 

Aber der Verlust der Wildtiere auf unserem Planeten ließe sich mit einfachen Schritten verlangsamen: mit mehr Naturschutzgebieten, weniger Pestiziden in der Landwirtschaft, den Verzicht auf Monokulturen und einer Ernährungsumstellung, das heißt weg von Fleisch und hin zu Pflanzen. Die Wirksamkeit der ersten beiden Lösungen hängt laut Autoren stark davon ab, wie sehr die Menschen ihre Ernährung umstellen und damit aufhören, Lebensmittel wegzuwerfen. 

"Wenn unsere Nachfrage nach Lebensmitteln weiter steigt, müssen wir das verbleibende Land umso intensiver nutzen", sagt Tim Benton, Ökologe bei der Denkfabrik Chatham House und Mitautor des Berichts. "Es geht darum, die Art und Weise zu ändern, wie wir mit Nahrung umgehen." 

Verschwendete Lebensmittel in einer Mülltonne

​​​​Etwa ein Drittel aller produzierten Lebensmittel landet im Müll

Wie soll die Welt ernährt werden?  

Das Ernährungssystem steht im Zentrum von vier sich verschärfenden globalen Krisen: Klimawandel, Artensterben, Hunger und Fettleibigkeit. Da mehr als ein Drittel der weltweiten Landfläche für die Landwirtschaft genutzt wird, ringen Experten mit der Frage, wie man eine wachsende Bevölkerung mit mehr und gesünderen Lebensmitteln ernähren kann - und dabei gleichzeitig weniger Wildtiere tötet und weniger Treibhausgase ausstößt. 

Seit Jahrzehnten halten Umweltaktivisten die ökologische Landwirtschaft, die auf synthetische Düngemittel und Pestizide verzichtet, für eine naturfreundliche Alternative zur konventionellen Landwirtschaft. Einige Landwirte haben sich regenerativen Praktiken zugewandt, die Kohlendioxid in den Böden speichern und die Pflanzen widerstandsfähiger gegen Stürme und Dürreperioden machen. Doch laut Ökologen gibt es einen Haken.

Video ansehen 26:06

Made in Germany - Lebensmittel - wie gut ist günstig?

Das Bio-Dilemma 

Da biologische und regenerative Betriebe in der Regel weniger Nahrungsmittel pro Hektar erzeugen als industrielle Betriebe, müssen nachhaltige Landwirte mehr Land nutzen, um die gleiche Menge an Nahrungsmitteln zu erzielen.

Eine 2019 in der Fachzeitschrift "Nature Communications" veröffentlichte Studie ergab, dass die Einführung des ökologischen Landbaus in ganz Großbritannien tatsächlich zu mehr Treibhausgasemissionen führen würde. Geringere Erträge im eigenen Land würden durch importierte Lebensmittel aus Anbauflächen ausgeglichen, die sich auf natürliche Ökosysteme ausdehnen würden.

In den USA ergab die detaillierte Ökobilanz einer regenerativen Farm, dass die Treibhausgasemissionen für jedes Kilogramm Fleisch um 66 Prozent niedriger sind als bei konventionellen Alternativen, aber 2,5 Mal mehr Land beanspruchen, so eine im Dezember in der Zeitschrift "Frontiers in Sustainable Food Systems" veröffentlichte Studie. 

Laut Experten reicht unsere Landfläche nicht aus, um die Welt und ihren wachsenden Appetit auf Fleisch allein durch nachhaltige Landwirtschaft zu bedienen, selbst wenn man zusätzlich marginale Flächen wie degradiertes Ackerland bewirtschaften würde. 

Unsere Landwirtschaft wird laut Benton nur dann nachhaltig sein, wenn wir unsere Nachfrage nach Lebensmitteln grundlegend ändern. "'Lasst uns alle Veganer werden' klingt zwar furchtbar elitär", sagt Benton. Aber es könnte dazu führen, dass mehr Landfläche in den Genuss nachhaltiger Landwirtschaft kommt. 

Ein Farmer und ein Hund laufen durch ein verbranntes Gebiet des Amazonas

Großflächige Brände im Amazonas-Regenwald bedrohen Tier und Mensch

Rindfleisch und einige andere rote Fleischsorten liefern beispielsweise 1 Prozent der weltweiten Kalorien, sind aber für 25 Prozent der Emissionen verantwortlich, die durch eine veränderte Landnutzung entstehen, so eine im Januar in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie. Um die gleiche Menge an Protein wie Tofu zu produzieren, benötigt Rindfleisch 75-mal mehr Land. 

In Ländern wie Brasilien und Indonesien treibt die ausländische Nachfrage nach Rohstoffen Unternehmen dazu, Regenwälder abzuholzen, um Soja für Rinder und Palmöl zum Kochen und für verarbeitete Lebensmittel anzubauen. 

In vielen Fällen werden die Lebensmittel nicht einmal gegessen. Etwa ein Drittel aller hergestellten Lebensmittel geht bei der Produktion verloren oder landet im Müll. 

 

Billiges, ungesundes Essen 

Die Liste der Vorwürfe, die Ökologen gegen die industrielle Landwirtschaft erheben, ist lang: die Zerstörung der Wälder und Lebensgrundlage bedrohter Säugetiere wie Orang-Utans; das Töten von Bienen, die zur Bestäubung von Pflanzen benötigt werden; das Fällen von Bäumen, die CO2 aus der Atmosphäre saugen; und die Zerstörung von Böden, die künftige Generationen für ihre Ernährung benötigen. 

Aber auch Ärzte sind besorgt: Die Ausweitung von Ackerland erhöht das Risiko von Zoonosen, also wenn Krankheiten von Tieren auf Menschen übergehen. In der Massentierhaltung wird das Vieh mit Antibiotika vollgepumpt, was die Entstehung von resistenten Keimen fördert. Und dann ist da noch die Ernährung.  

Die Fettleibigkeitsrate hat sich im vergangenen halben Jahrhundert verdreifacht, da der Verzehr von fett- und zuckerhaltigen Lebensmitteln zugenommen und die körperliche Aktivität abgenommen hat. Dies hat das Risiko für Herzkrankheiten und einige Krebsarten erhöht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Lebensmittelindustrie aufgefordert, den Fett-, Zucker- und Salzgehalt von verarbeiteten Lebensmitteln zu reduzieren und dafür zu sorgen, dass eine gesunde Auswahl für jeden erschwinglich ist. 

"Unser derzeitiges Lebensmittelsystem ist ein zweischneidiges Schwert, das durch das jahrzehntelange Paradigma der billigeren Lebensmittel geprägt ist", sagt Susan Gardner, Direktorin der Abteilung Ökosysteme des UNEP. Das System ziele darauf ab, mehr Lebensmittel schnell und billig herzustellen - der Preis, den die Artenvielfalt und die Gesundheit dafür zahlen, werde dabei nicht berücksichtigt. 

Zwei Bauern in Nigeria tragen gefüllte Säcke über ein Feld

Die Ausdehnung von Ackerland hat mit dem Bevölkerungswachstum Schritt gehalten

Gleichzeitig haben aber billige Lebensmittelpreise und Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft mehr Menschen Zugang zu Nahrung verschafft, sagt Irene Hoffman, Sekretärin der Kommission für genetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft bei der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), die nicht an dem Bericht beteiligt war. "Andernfalls wäre unser aktueller Index der Ernährungsunsicherheit viel, viel höher." 

Die Weltbevölkerung hat sich in den letzten 50 Jahren auf 7,8 Milliarden Menschen verdoppelt. Während die Nahrungsmittelproduktion Schritt gehalten hat, geht heute immer noch einer von zehn Menschen jede Nacht hungrig ins Bett. Die Weltbevölkerung wird bis zum Jahre 2050 auf fast 10 Milliarden Menschen anwachsen. Gleichzeitig wird die Konkurrenz um Land zunehmen, weil Flächen bepflanzt werden, um Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu ziehen.  

Eine Bäuerin in Malaysia schiebt eine Schubkarre vollbeladen mit Ananas

Eine pflanzliche Ernährung wäre für alle besser - weniger Schaden für die Tierwelt und für unsere Gesundheit

Laut einer bahnbrechenden Studie, die 2019 in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht wurde, ist es möglich, 10 Milliarden Menschen zu ernähren und gleichzeitig "sichere Flächennutzungsparameter auf der Erde" einzuhalten, wenn die Lebensmittelproduktion radikal geändert und die Ernährung umgestellt wird. Und das würde auch die Menschen gesünder machen, so die Autoren. 

Eine Umstellung auf eine gesunde, nachhaltige Ernährung würde bedeuten, weltweit nur noch halb so viel rotes Fleisch und Zucker zu essen und doppelt so viele Nüsse, Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte. Mehr als sieben Millionen vorzeitige Todesfälle könnten so pro Jahr vermieden werden. Der Druck auf die Natur würde verringert.  

Das wiederum würde die Betriebe widerstandsfähiger gegen Schocks wie Klimawandel, Krankheiten und Bodenerosion machen und die Nahrungsmittelversorgung für die Zukunft sichern. 

"Es gibt oft die Tendenz, die Natur gegen die Landwirtschaft auszuspielen, was überhaupt nicht der Fall ist", so Hoffmann. "Die Landwirtschaft hängt von der Artenvielfalt ab, sie wird von der Biodiversität geprägt [und] sie regelt die Biodiversität."  

Dieser Artikel wurde von Neil King aus dem Englischen adaptiert.

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