Bevölkerungswachstum: Droht der Welt ein Horrorszenario? | Welt | DW | 30.07.2015
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Welt

Bevölkerungswachstum: Droht der Welt ein Horrorszenario?

Vier Milliarden Menschen mehr als heute - so UN-Schätzungen - werden am Ende des Jahrhunderts auf der Erde leben. Ihnen drohen Hunger, Kriege, Seuchen. Doch Experten blicken nicht nur mit Pessimismus in die Zukunft.

Wir schreiben das Jahr 2100: Rund um den Globus drängen sich 11,2 Milliarden Menschen. Die meisten leben in einer der vielen Megacitys. Was früher einmal Peking war erstreckt sich über das weite Delta des Perlflusses. Smog hängt über der Stadt, sodass man kaum den nächsten Wolkenkratzer erkennen kann. In Lagos in Nigeria braucht man im dichten Verkehr mehrere Tage, um von einem Ende der Stadt an das andere zu gelangen. In den einzelnen Viertel auf dem Weg herrschen Armut, Hunger, Gewalt und Seuchen. Wer hier sein hermetisch abgeschlossenes Fahrzeug verlässt, gerät in Lebensgefahr. Eine Horrorvision.

Die Armen: noch ärmer?

"Das Bevölkerungswachstum erfolgt vor allem in Entwicklungsländern, wo die Menschen schon heute kaum mit dem Nötigsten versorgt werden können", sagt Ute Stallmeister von der Stiftung Weltbevölkerung in Hannover. "Die Gefahr ist, dass Armut und Hunger weiter zunehmen."

Infografik: Zuwachs der weltweiten Bevölkerung 2015 - 2100 - Grafik: DW

Die UN rechnet mit 11,3 Milliarden Menschen im Jahr 2100

Doch die Horrorvision muss nicht unbedingt zur Realität werden. "So einfach ist das nicht mit dem Bevölkerungswachstum und der Armut", sagt Gerhard Heilig, der bis 2013 bei den Vereinten Nationen für die Bevölkerungsprognosen verantwortlich war. "Das Bevölkerungswachstum kann auch einen positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum haben."

Die Jugend: ohne Arbeit, ohne Perspektive?

Dazu allerdings brauche es ein funktionierendes Wirtschaftssystem, das nicht von Korruption zerfressen ist. Und genug junge Menschen. "Wenn die große Mehrheit der Menschen im arbeitsfähigen Alter ist, dann ist das die beste Voraussetzung", so Heilig. In Afrika etwa sei dies gegeben. "Wenn es gelingt, diese jungen Leute gut auszubilden und Arbeitsplätze zu schaffen, dann wird die Wirtschaft dort wachsen."

Junge Menschen im Senegal - Foto: DW

Jung, motiviert, gebildet: so könnte Afrikas Zukunft aussehen

Auch Ute Stallmeister sieht großes Potential in den schnell wachsenden Entwicklungsländern - unter bestimmten Bedingungen: "Wenn diese jungen Menschen gesund aufwachsen, Bildung erhalten und einen menschenwürdigen Arbeitsplatz finden, dann kann ein enormes wirtschaftliches Wachstum daraus entstehen. Das haben die asiatischen Tigerstaaten vorgemacht."

Die Städte: voll, laut, stickig?

Mit steigender Weltbevölkerung wird in jedem Fall die Urbanisierung weiter voranschreiten. "Nicht nur der Zuzug vom Land in die Stadt wird sich weiter verstärken. Auch das Bevölkerungswachstum in den Städten selbst ist besonders groß", sagt Gerhard Heilig. Dabei würden besonders die Slum-Gebiete weiter wachsen, wenn die Regierungen nicht viel mehr in Infrastruktur, Wasserversorgung und Abwassersysteme investieren. "Ansonsten werden die Menschen unter schlimmsten Bedingungen leben."

Allerdings: hält das Bevölkerungswachstum an, dann gibt es wohl keine Alternative zur Urbanisierung. "Es ist nicht sinnvoll, 11 Milliarden Menschen gleichmäßig rund um den Globus zu verteilen", so Heilig. Denn Ressourcenverbrauch und die Zerstörung der Natur ließen sich durch wachsende Städte eher vermeiden. "Urbanisierung ist erst einmal ein guter Trend", meint auch Ute Stallmeister. "Die Versorgung kann auf relativ dichtem Raum erfolgen. Gesundheitsdienste sind leichter erreichbar, als wenn ich zum Beispiel in Äthiopien auf dem Land lebe, wo es keine festen Straßen gibt."

Die Gesunden: bedroht von Seuchen?

Doch wo Menschen dicht beisammen leben, ist die Gesundheit auch besonders gefährdet. Seuchen können sich hier leichter ausbreiten. "Es ist deshalb ungemein wichtig, in die Entwicklung von Impfstoffen zu investieren, damit schon im Keim die Ausbreitung von Epidemien erstickt wird", so Stallmeister.

Aber es müssten auch die Gesundheitssysteme insgesamt gestärkt werden. Hier fehle es in Entwicklungsländern vor allem an gut geschultem Personal. Deshalb, so Stallmeister: "Auch die Bundesregierung ist gefragt, ihre Versprechen einzuhalten und mehr in Entwicklungshilfe zu investieren."

Stau auf deutscher Autobahn - Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Alle wollen Autos: Stau und Smog sind die Folge

Durch Seuchen könnten natürlich auch so viele Menschen sterben, dass alle Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung hinfällig würden. Das jedoch will niemand hoffen.

Flüchtlinge: nur raus aus Krieg und Armut

Für die aktuelle Flüchtlingskrise seien ganz überwiegend Krieg, Terror sowie die schlechte Regierungsführung in vielen Entwicklungsländern verantwortlich, sagt Sozialforscher Heilig: "Bevölkerungswachstum ist nicht die Ursache von Flucht". Sie könne nur bestimmte Faktoren verschärfen, wenn Regierungen versagten und nicht für Frieden und eine funktionierende Infrastruktur sorgten.

Dies allerdings gelingt ihnen viel zu selten: Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen der Höhe des Bevölkerungswachstums und der Häufigkeit von bewaffneten Konflikten. Knapper werdende Ressourcen könnten die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Auseinandersetzung weiter ansteigen lassen.

Die Umwelt: zerstört?

Je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Ressourcen werden verbraucht. Die Rechnung ist einfach. "Aber es ist auch eine Frage, wie wir mit Ressourcen umgehen", sagt Politologin Stallmeister von der Stiftung Weltbevölkerung. "Denn wenn alle Menschen auf der Erde so leben würden, wie wir das heute in Deutschland oder den USA tun, dann wäre die Erde schon heute nicht mehr tragfähig."

Lernt die Menschheit daraus, dann könnte sie auch im Jahr 2100 auf der Erde glücklich leben, so Stallmeister. Und noch gebe es Möglichkeiten, das Wachstum zu verlangsamen. Denn 74 Millionen Frauen werden in Entwicklungsländern jedes Jahr ungewollt schwanger. "Es ist so einfach, das zu vermeiden. Es bedarf lediglich der freiwilligen Familienplanung und der Aufklärung." Das würde nach Schätzungen weniger als neun Milliarden Euro jährlich kosten. Geld, das angesichts der möglichen Folgen des Wachstums gut angelegt sein könnte.

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