Bespuckt und geschlagen - Deutsche Kriegsgefangene in Frankreich | Europa | DW | 08.05.2020
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75 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs

Bespuckt und geschlagen - Deutsche Kriegsgefangene in Frankreich

Auch nach der Kapitulation im Mai 1945 blieben Millionen Wehrmachtssoldaten in Kriegsgefangenschaft. Besonders lange dauerte sie für viele Deutsche in Frankreich. Ein erster Schritt zur späteren Aussöhnung beider Völker.

Deutsche Kriegsgefangene in Frankreich 1945 (picture-alliance/keystone)

Deutsche Kriegsgefangene als Arbeitskompanie im Elsass (Juni 1945)

Den Wettlauf zum zerstörten Berghof von Adolf Hitler haben sie auf den letzten Metern verloren. Es sind US-Soldaten, die das prestigeträchtige Alpenquartier des Diktators als erste erreichen. Doch der Vormarsch der französischen Einheiten in Süddeutschland kommt Anfang Mai 1945 dennoch gut voran. Sie erobern eine Ortschaft nach der anderen.

Charles de Gaulle bei der Befreiung von Paris im März 1944 (Imago Images/zuma/Keystone)

Reihte Frankreich ein in den Kreis der Siegermächte: Charles de Gaulle bei der Befreiung von Paris im August 1944

Nach vier Jahren Besatzung durch die Nationalsozialisten hat sich Frankreich unter General Charles de Gaulle eingereiht in die Allianz der Siegermächte. Und mit diesem Anspruch präsentiert sich das Land auch den Besiegten. Im bayerischen Oberstdorf nimmt de Gaulle Mitte Mai persönlich die Siegesparade ab. Französische Kolonialtruppen aus Marokko präsentieren sich der lokalen Bevölkerung.

Rund 800 deutsche Soldaten, die bei den Kämpfen um Oberstdorf den Franzosen in die Hände gefallen waren, haben zu diesem Zeitpunkt das Dorf bereits verlassen. Sie sollen nach Frankreich, wo über das Land verteilt mehr als 100 Kriegsgefangenenlager entstanden sind. Als die ersten Züge mit den Deutschen die Grenze überqueren, schlägt ihnen eine Welle des Hasses entgegen.

Der Historiker Fabien Théofilakis (Privat)

Historiker Fabien Théofilakis

"Sie wurden in Viehwaggons nach Frankreich gebracht. Bei den Stopps auf der Strecke wurden sie von der lokalen Bevölkerung bespuckt oder verprügelt", sagt Fabien Théofilakis. Der 44-jährige Historiker lehrt an der Panthéon-Sorbonne-Universität in Paris und hat das Standardwerk über das Schicksal der Deutschen in Frankreich nach dem Krieg verfasst - ein historisches Kapitel, das jahrzehntelang weder in Frankreich noch in Deutschland thematisiert wurde. Ähnlich wie der Pflichtarbeitsdienst STO (Service du travail obligatoire), in dessen Folge während des Zweiten Weltkriegs fast 650.000 Franzosen in Deutschland arbeiten mussten und dort vor allem in der Landwirtschaft Kontakt zur lokalen Bevölkerung aufgebaut haben.

Ersatz für Entschädigungen

1945 sind die Rollen klar verteilt: Während die französische Bevölkerung die deutschen Soldaten zunächst verachtet, beansprucht die Regierung so viele Gefangene wie möglich als Arbeitskräfte für den Wiederaufbau. Ganz im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, als Paris sich von Deutschland vor allem finanziell entschädigen ließ. Mit mehr als zwei Millionen Wehrmachtssoldaten kalkulieren die Behörden zwischenzeitlich. Am Ende müssen sie sich mit einer Million begnügen - den Großteil, 70 Prozent, erhalten die Franzosen aus den Lagern der Amerikaner.

Deutsche Kriegsgefangene in Frankreich 1945 (picture-alliance/keystone)

Deutsche Kriegsgefangene kümmern sich um französische Kriegsausrüstung (September 1945)

Doch in den ersten Wochen nach Kriegsende zeigt sich: Frankreich ist mit der Masse an Gefangenen überfordert. "Die Lebensmittelversorgung im Land war zu dieser Zeit katastrophal", analysiert Historiker Théofilakis. Die Kolonialmacht Frankreich, die zu diesem Zeitpunkt wieder als Mitglied im Konzert der Großmächte mitentscheiden will, kann 1945 noch nicht einmal die eigene Bevölkerung versorgen. Für die Kriegsgefangenen gibt es noch weniger Nahrung und Kleidung - schätzungsweise 40.000 Soldaten sterben in der Gefangenschaft. Auch die Arbeit in den Bergwerken oder die Räumung von Minen, die die Wehrmacht während des Krieges selbst gelegt hatte, fordern viele Opfer. Die schlechte Versorgung der Deutschen, so Historiker Théofilakis, ist aber nicht von Hass oder dem Wunsch nach Revanche getrieben, sondern vor allem eine Folge des Mangels und des Chaos.

Gefangenschaft als Dauerzustand

Es gibt aber auch Soldaten, die in Frankreich ein besseres Leben führen als in der zerstörten Heimat. Das gilt zunächst für Hunderttausende Soldaten, die in der Landwirtschaft arbeiten. Sie bekommen mehr zu essen und engen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Fabien Théofilakis: "Ich habe für meine Forschung mit vielen ehemaligen Kriegsgefangen gesprochen. Als die deutschen Kriegsgefangenen im Alltag der Franzosen auftauchen, sind sie plötzlich nicht mehr nur die verhassten 'Boche', sondern sie bekommen einen Namen und ein Gesicht. Das ändert vieles."

Zweiter Weltkrieg - deutsche Kriegsgefangene in Frankreich (Getty Images/afp)

Lebensgefährliche Aufgabe: Kriegsgefangene bei der Minenräumung am Strand (Juli 1945)

Auch der Lageralltag bessert sich. Vom Militär geht die Lagerführung auf die zivilen Behörden über. Dadurch entstehen neue Freiheiten. Gerade in den Offizierslagern gelingt der Aufbau von Weiterbildungsstrukturen. So zum Beispiel im Offizierslager Larzac im Zentralmassiv, in das auch einige Soldaten aus Oberstdorf gebracht worden waren. Die Gefangenen gründen Werkstätten, Bibliotheken und eigene Lager-Universitäten.

Druck aus den USA

Ein Ende der Gefangenschaft in Frankreich ist aber erst einmal nicht in Sicht - auch wenn die Genfer Konvention eine schnelle Rückführung in die Heimat vorsieht. Bewegung in diese Frage kommt erst durch den Druck der USA. Im heraufziehenden Kalten Krieg brauchen sie die deutschen Westzonen als Verbündete gegen die Sowjetunion. Nach massivem Druck aus Washington erfahren die Deutschen 1947, dass die letzten Kameraden Ende 1948 in ihre Heimat zurückkehren können.

Deutschland Frankreich Konrad Adenauer Charles de Gaulle Elysee Vertrag (AP)

Besiegeln die deutsch-französische Aussöhnung: Bundeskanzler Adenauer und Staatspräsident de Gaulle (r.)

Doch ganz verzichten wollen die Franzosen nicht auf ihre preiswerten Arbeitskräfte, die nach einer Untersuchung aus den 1970er Jahren für 2,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verantwortlich waren. Sie bieten den Soldaten gegen Bezahlung an, in Frankreich weiterzuarbeiten. Fast 137.000 Deutsche, viele aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, erhalten so den Status als zivile Arbeiter.

Grundstein der Aussöhnung

Noch in den 1950er Jahren leben 30.000 bis 40.000 ehemalige Wehrmachtssoldaten in Frankreich. Der einstige "Erbfeind" ist ihnen zur zweiten Heimat geworden - viele haben eine binationale Familie gegründet und Kinder. Fabien Théofilakis ist überzeugt, dass die Massenerfahrung der Kriegsgefangenschaft langfristige Wirkung entfaltet hat: "Das Beste, was die Franzosen angeboten haben, war die Erfahrung, unter Franzosen zu leben. Die Deutschen konnten im Alltag sehen, dass die Propaganda des NS-Regimes über die Franzosen nichts mit der Realität zu tun hatte."

Doch den Weg zur Aussöhnung mussten am Ende die Politiker beschreiten. Und die sind erst Jahre später dazu bereit. Am 22. Januar 1963 unterschreiben Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatspräsident Charles de Gaulle in Paris den Élysée-Vertrag. Gut 15 Jahre nach der Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen und fast fünf Jahre nach einer kleinen finanziellen Entschädigung für die Gefangenschaft, die der deutsche Staat seinen Soldaten gewährt.

Fabien Théofilakis: Les prisonniers de guerre allemands: France, 1944-1949  (2014)

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