Belgien, Vorreiter der Sterbehilfe? | Europa | DW | 26.02.2020
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Sterbehilfe

Belgien, Vorreiter der Sterbehilfe?

Am Mittwoch entscheidet das Bundesverfassungsgericht über Sterbehilfe in Deutschland. Belgien sichert unheilbar kranken Bürgern seit 2002 dieses Recht zu. Blick in ein Land mit einem der liberalsten Gesetze weltweit.

Es ist bald zwanzig Jahre her, dass in Belgien nach intensiver Debatte eines der liberalsten Sterbehilfe-Gesetze weltweit eingeführt wurde. Seitdem ist es bei belgischen Bürgern eingeführtes Recht, dass sie ihren Arzt um Hilfe bitten können, wenn sie unheilbar krank und des Lebens müde sind. Aber immer wieder führen spektakuläre Einzelfälle zu Gerichtsverfahren und Schlagzeilen, weil die Grenzen der Zulässigkeit neu verhandelt werden müssen.

Ein besonders umstrittener Fall liegt schon ein Jahrzehnt zurück. 2010 halfen drei Ärzte der 38-jährigen psychisch kranken Tine Nys beim Sterben. Sie hatte bereits sechs Selbstmordversuche hinter sich, saß zeitweise im Rollstuhl und war fünfzehn Mal in die Psychiatrie eingewiesen worden. Immer wieder äußerte sie ihren Wunsch, aus dem Leben zu gehen.

Dazu gehört eine dramatische Vorgeschichte mit sexuellem Missbrauch und Misshandlungen in der Kindheit. Schließlich entschied sich ihre Psychiaterin ihrem Wunsch zu entsprechen, denn die Patientin leide unter einer unerträglichen, unheilbaren und tödlichen Störung. Außerdem wolle sie aus freiem Willen sterben.

Belgien Gent Prozess um Sterbehilfe (picture-alliance/BELGA/D. Waem)

Kontroverse: Die Angehörigen der Belgierin Tine Nys zogen 2010 gegen die Sterbehilfe der 38-Jährigen in Gent vor Gericht

Angehörige klagen

Damit waren die wesentlichen Kriterien für Sterbehilfe nach belgischem Recht erfüllt, wo wie in den Niederlanden die Praxis auch bei seelischen Erkrankungen erlaubt ist. Allerdings war es beim Tod von Nys zu einer Reihe von Unregelmäßigkeiten gekommen und die Familie ging schließlich dagegen vor Gericht. Man hätte Tine noch irgendwie helfen können, ihre Krankheit hätte nicht unbedingt zum Tod führen müssen, so argumentierten Angehörige. 

Ende Januar dann sprach die Kammer in Gent die drei beteiligten Ärzte von dem Vorwurf des Giftmordes und der unerlaubten Sterbehilfe frei. Die Geschworenen hatten sich das Urteil nicht leicht gemacht und berieten acht Stunden lang, bevor sie den Freispruch aussprachen.

Es fehlten Motiv und Heimtücke für den Mordvorwurf, außerdem hätten die Ärzte in gutem Glauben gehandelt. Dennoch wird auch in Belgien die Sterbehilfe bei psychischen Erkrankungen als Grauzone betrachtet und Ärzte fühlen sich nach dem Verfahren in Gent zu besonderer Vorsicht veranlasst.

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Sterbehilfe kann auch Leben retten

Zahl der Sterbewilligen nimmt zu

Seit 2018 ist beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein Verfahren in einem weiteren Fall anhängig. Das "Recht auf Leben" aus der Charta der Menschenrechte sei verletzt worden, als ein belgischer Arzt einer Frau mit langjährigen Depressionen auf ihre Bitte hin Sterbehilfe leistete. Ihr Sohn, der damit nicht einverstanden war, wartet jetzt auf eine Grundsatzentscheidung aus Straßburg. Die Richter dort hatten 2015 einem Querschnittsgelähmten im Wachkoma das Recht auf Sterbehilfe zugesprochen. Jetzt muss die Grundsatzfrage entschieden werden, ob das auch bei seelischen Krankheiten gilt.

In der Masse der Fälle ist Sterbehilfe in Belgien weniger spektakulär und bewegt nur die Betroffenen und ihre Familien. Nach Statistiken der Evaluierungskommission Sterbehilfe waren zuletzt 67 Prozent der Patienten unheilbar krebskrank, 19 Prozent litten unter zahlreichen Einzelerkrankungen (Polypathologie) und nur 3 Prozent gingen auf psychische Leiden  zurück. Außerdem sind dreiviertel der Patienten zwischen 60 und 90 Jahren alt.

Schwierige Entscheidungen gibt es dabei für die belgischen Ärzte immer wieder neu zu treffen. Etwa wenn Demenz-Patienten aufgrund einer früheren Verfügung Sterbehilfe geleistet werden soll. 2018 war ein Fall vor die Kommission gekommen, wo ein Arzt sogar ohne Patientenverfügung gehandelt hatte, angeblich auf Wunsch der Familie. Bemerkenswert ist auch der Anstieg der Fallzahlen: Waren es nach Einführung der Sterbehilfe nur wenige hundert Fälle pro Jahr, gab es zuletzt über 2300 offiziell registrierte Fälle und die Tendenz ist steigend.

Brasilien Paralympics Rio 2016 - Marieke Vervoort (picture-alliance/dpa/K. Okten)

Die belgische Rollstuhl-Sportlerin Marieke Vervoort beendete im Oktober 2019 ihr Leben mit ärztlicher Unterstützung

Kontroverse um Kinder

Besonders kontrovers wiederum war vor fünf Jahren die Einführung der Sterbehilfe auch für Kinder. Allerdings sind diese Fälle selten und eine besondere Kommission entscheidet über jedes Einzelschicksal. Seit der Freigabe auch für Minderjährige wurde zwei Kindern und einem unheilbar kranken Jugendlichen Sterbehilfe geleistet. In allen drei Fällen habe unerträglicher Schmerz und fortgesetztes Leiden nicht mehr gelindert werden können, so erklärten die beteiligten Ärzte. Die jungen Patienten litten unter anderem unter Hirntumoren und tödlichem Muskelschwund.

Im vergangenen Jahr lenkte der Fall der belgischen Rollstuhl-Sportlerin Marieke Vervoort einmal die Aufmerksamkeit auf die Praxis der Sterbehilfe in Belgien. Sie hatte in verschiedenen Disziplinen mehrfach Gold- und Bronzemedaillen bei den Paralympics geholt und gelangte 2016 auf Platz zwei bei der Wahl zur belgischen Sportlerin des Jahres. 

Vervoort litt unter einer besonders schmerzhaften Muskelerkrankung, die ihre Bewegungsfähigkeit immer weiter einschränkte. Und sie hatte ihr Ende langfristig geplant. Schon 2008 legte sie in einer Patientenverfügung fest, dass sie Sterbehilfe wolle, wenn ihr Zustand sich unerträglich verschlechtern würde.

2017 dann erklärte  sie in einem Interview mit der englischen Zeitung "Telegraph", dass sie nicht mehr leiden wolle. "Ich habe so starke Schmerzen. Ich kann nicht mehr". Das Wissen aber, dass es einen Ausweg gebe, habe ihr im Laufe der Jahre Kraft zum Leben und am Ende Seelenfrieden gegeben.

Im Oktober 2019 war es dann so weit: In ihrer Heimatstadt Diest schied Marieke Vervoort auf eigenen Wunsch aus dem Leben, umgeben von  Angehörigen und Freunden. Der Bürgermeister legte ein Kondolenzbuch aus, Botschaften der Anteilnahme kamen aus dem ganzen Land. Die Sportlerin war bis zuletzt ein Befürworterin der aktiven Sterbehilfe, nur mit diesem Wissen sei ihr Leben in den letzten Jahren erträglich gewesen. 

Frank Van Den Bleeken (picture-alliance/dpa)

Der verurteilte belgische Sexualstraftäter Frank Van Den Bleeken bat 2013 im Gefängnis um Sterbehilfe

Befürworter und Gegner

Auch nach fast zwei Jahrzehnten gibt es in Belgien eine anhaltende Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern der aktiven Sterbehilfe. Carine Brochier vom "Europäischen Institut für Bioethik" in Brüssel stellt die Praxis immer wieder infrage. So seien Ärzte und Behörden etwa im Fall einer sterbewilligen Patientin in einem Altenheim zu weit gegangen, als sie ihren Wunsch ohne weiteres erfüllten.

Es sei, als ob die Beteiligten Ärzte und Beamten einen Kampf gewinnen wollten, der sich aber nicht um das Wohl der Patienten drehe, sondern um eine Ideologie der Sterbehilfe. "Die Euthanasie ist ein Recht, aber nur als eine Möglichkeit, eine Ausnahmeregelung", wenn alle anderen medizinischen und psychischen Hilfen ausgeschöpft seien.

Auf der anderen Seite stehen Ärzte wie Prof. Jan Bernheim, Krebsforscher und langjähriger Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Sterbebegleitung an der Freien Universität Brüssel. Er hatte den Begriff "Integrierte palliative Behandlung  entwickelt, wonach die Tötung auf Verlangen für Schwersterkrankte Teil einer medizinischen Versorgung sein könne, und beide Aspekte sich nicht ausschlössen. "Anwälte einer Legalisierung von Euthanasie haben gute Gründe, die palliative Versorgung zu unterstützen, und die Verfechter der Palliativmedizin opponieren nicht länger gegen die Zulassung der Sterbehilfe", schreibt Bernheim im British Medical Journal.

Und fragt man die belgische Bevölkerung zum Thema Sterbehilfe, so ist die Zahl der Befürworter in der Mehrheit. Viele Belgier betrachten die Möglichkeit, am Ende des Lebens ihren Arzt um Sterbehilfe bitten zu dürfen, als eine Möglichkeit, auf die sie nicht mehr verzichten möchten.

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