Begegnung mit fünf Literaten aus Brasilien | Kultur | DW | 14.10.2013
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Kultur

Begegnung mit fünf Literaten aus Brasilien

Brasilien ist in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Fünf der angesagten Gegenwartsautoren erzählen in ihren Büchern vom harten Alltag der einfachen Leute, von Rassismus und Aberglauben.

Seit Monaten schaut die Welt auf Brasilien: Massenproteste, Papstbesuch, die anstehenden Mammutprojekte Fußball-WM und Olympische Spiele. Doch in Deutschland kommt gerade noch ein anderer Fokus hinzu: die Literatur. Dank des Ehrengast-Auftritts Brasiliens auf der Frankfurter Buchmesse sind so viele brasilianische Bücher in deutscher Übersetzung erschienen wie nie zuvor in so kurzer Zeit. In São Paulo, Rio de Janeiro und Porto Alegre haben wir vorab fünf der aufregendsten Stimmen der zeitgenössischen brasilianischen Literatur getroffen. In jeweils einer Video-Lesepassage geben sie auch einen Eindruck von ihren hierzulande frisch herausgekommenen Werken.

Luiz Ruffato, Es waren viele Pferde. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler, © 2013 Assoziation A

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Luiz Ruffato liest aus dem Original "Eles eram muitos cavalos" (mit Untertiteln)

Den Anfang macht der humorvolle und bescheidene Luiz Ruffato, dessen Wucht und Schärfe in seinen Texten den Leser umso mehr umhauen. Ruffato beschreibt sich selbst als Sohn eines halbanalphabetischen Popcorn-Verkäufers und einer analphabetischen Waschfrau. 1990 kam der gelernte Schlosser mit knapp 30 Jahren aus dem Bundesstaat Minas Gerais nach São Paulo, um als Journalist zu arbeiten. Den ersten Monat in der Megastadt schlief er am Busbahnhof - eine Pension konnte er sich erst mit dem ersten Monatsgehalt leisten. Erst 2012 erschien sein Erstlingswerk auf Deutsch - "Es waren viele Pferde" - da war es schon mehr als zehn Jahre alt und hatte die wichtigsten brasilianischen Preise abgeräumt. Ruffato lässt darin in 69 Episoden den harten Alltag der einfachen Leute in São Paulo aufblitzen. "Es gibt schon so viele brasilianische Schriftsteller, die über Liberale, Künstler, Banditen oder Drogenbosse schreiben und so habe ich mir eine Gruppe reserviert, über die niemand schreibt: die Arbeiter. Die, die morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, nach Hause kommen, bei denen es ums Überleben geht", erklärt Ruffato. 2013 ist nun auch der erste von fünf Bänden seines Romanzyklus "Vorläufige Hölle" auf Deutsch erschienen - auch darin gibt er diesen oft Vergessenen eine Stimme.

Andréa del Fuego, Geschwister des Wassers. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis, © 2013 Carl Hanser Verlag München

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Andréa del Fuego liest aus dem Original "Os Malaquias" (mit Untertiteln)

In São Paulo lebt auch Andréa del Fuego und auch sie hat ihre Wurzeln in Minas Gerais. Ihr Debüt in Deutschland - "Geschwister des Wassers" - sticht aus der Menge der Neuerscheinungen heraus ob seines ganz besonderen Tonfalls, seiner spleenigen Technikverliebtheit und seiner bewussten Reise in die Vergangenheit. Die Autorin hat ein Kapitel ihrer Familiengeschichte zu Literatur gemacht: Ihre Urgroßeltern werden von einem Blitz getötet, die drei Kinder - die ganze Familie schlief im selben Haus - überleben, werden jedoch getrennt. Nico, der Älteste und Großvater der Autorin, bleibt im Tal und arbeitet für einen Großgrundbesitzer, die beiden jüngeren kommen zunächst in ein Waisenhaus in der Stadt. Daraus wird bei del Fuego ein Stück Magischer Realismus, das auch en passant die Ankunft der Elektrizität und damit die Ankunft der Moderne in diesem Landstrich beobachtet, als das Tal für einen Stausee geflutet wird. Andréa del Fuego, die zuvor Kinder- und Jugendbücher geschrieben hatte, bekam für ihren ersten Roman 2011 den bedeutendsten portugiesischen Literaturpreis, den Prémio José Saramago. "Und da der Roman bei den portugiesischen Lesern, die großen Gefallen an poetischen Texten haben, so gut ankam, schwappte diese Euphorie dank des Preises auch zurück nach Brasilien", freut sich del Fuego.

Paulo Scott, Unwirkliche Bewohner. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis, © 2013 Verlag Klaus Wagenbach

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Paulo Scott liest aus dem Original "Habitante irreal" (mit Untertiteln)

In Rio de Janeiro, im Garten des Indianermuseums im Stadtteil Botafogo, treffen wir Paulo Scott. Sein Roman "Unwirkliche Bewohner" ist der vielleicht aufwühlendste im Schwung der mehr 100 brasilianischen Neuerscheinungen auf dem deutschen Markt. Schonungslos erzählt er die zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte zwischen dem politisch engagierten Jurastudenten Paulo und dem Indianermädchen Maína. Doch es geht um viel mehr: um Rassismus in Brasilien, um die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Indianerfamilien heute in Brasilien leben, verarmt am Rande der Schnellstraße, zu Bittstellern und Kunsthandwerkern degradiert. Und es geht um das politische Panorama im Land über die Jahrzehnte hinweg. Etwa um die ideologischen Kämpfe Ende der 1980er-Jahre innerhalb der Arbeiterpartei PT, die seit nunmehr zehn Jahren den Präsidenten Brasiliens stellt. Der Roman beginnt in Porto Alegre, führt den Leser aber auch nach Europa kurz nach dem Mauerfall, in die Hausbesetzer-Szene nach London - und irgendwann zurück nach Brasilien zu einem Prozess gegen Donato, Paulos und Maínas Sohn, der mit ungemütlichen Performances aufgefallen ist. Paulo Scott war der erste seiner Generation, der sich der Situation der Indianer in Brasilien widmete. "Die Thematik der Indianer verkauft sich hier nicht besonders gut. In Brasilien scheinen sich die Leser vor allem für Dinge zu interessieren, die gerade nicht vor ihrer Haustür geschehen", resümiert Scott. Um so verdienter die guten Kritiken und der Preis der Brasilianischen Nationalbibliothek für den besten Roman 2012.

Carola Saavedra, Landschaft mit Dromedar. Aus dem Portugiesischen von von Maria Hummitzsch, © 2013 C.H.Beck

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Carola Saavedra liest aus dem Original "Paisagem com dromedário" (mit Untertiteln)

Carola Saavedras Buch "Landschaft mit Dromedar" spielt auf einer entlegenen Insel, die sich im Gespräch mit der Autorin als Lanzarote entpuppt. Geboren wurde Saavedra in Chile, aufgewachsen ist sie in Brasilien, bis sie dann zum Studium nach Europa ging. Acht der insgesamt zehn Jahre hat sie in Deutschland gelebt. "Das waren ganz wichtige Jahre für mich, ich nenne sie mal Bildungsjahre. Ohne diese Zeit hätte ich nicht nur nicht die Bücher geschrieben, die ich geschrieben habe. Nein, noch wichtiger: Ich glaube, ich wäre keine Schriftstellerin geworden." Besonders der uneingeschränkte Zugang zu Kunst, zu Bibliotheken, zu Bildung hat sie geprägt. Ihr Roman ist ein Rückblick auf eine Dreiecksliebesgeschichte zwischen einem seit vielen Jahren liierten Künstlerpaar und einer Studentin, die nun überraschend an Krebs gestorben ist. Erzählt aus der Sicht der Künstlerfrau, die nach dem Tod auf besagte Insel flieht. Dort versucht sie, wieder zu sich zu finden, sich über die Beziehung klar zu werden und über ihre Kunst. Ihre Gedanken hält sie in Tonbandaufzeichnungen fest, die sie eigentlich für ihren Freund einspricht. Oder ist das am Ende sogar eine Kunstinstallation? Ein interessantes Verwirrspiel.

Daniel Galera, Flut. Aus dem Portugiesischen von Nicolai von Schweder-Schreiner, © 2013 Suhrkamp

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Daniel Galera liest aus dem Original "Barba ensopada de sangue" (mit Untertiteln)

Den Abschluss macht Daniel Galera, den wir im winterlichen und verregnten Porto Alegre treffen - ganz im Süden dieses riesigen Landes. Sein Roman "Flut" ist eine düstere Familiengeschichte, die im Surferparadies Garopaba am Atlantik spielt. Ein junger Mann, dessen Vater gerade Selbstmord begangen hat, zieht in diesen Küstenort, um herauszufinden, was dort mit seinem Großvater geschehen ist. Angeblich wurde er vor Jahrzehnten bei einem Dorffest ermordet, doch eine Leiche hat es nie gegeben. Die Bewohner mauern und begegnen ihm mit viel Misstrauen. Zum einen, weil er seinem Großvater unheimlich ähnlich sieht und bei den Älteren unangenehme Erinnerungen weckt. Zum anderen, weil er unter einer seltenen Krankheit leidet, die ihm das Einleben im Ort erschwert: Er ist gesichtsblind, das heißt, er kann Gesichter nicht wiedererkennen. Galera schildert eine Wirklichkeit, die von Mythen und Aberglaube geprägt ist, aber auch von Korruption und den Auswirkungen der Globalisierung. Das ergibt eine packende Mischung. "Angefangen hat alles mit einer Geschichte von einem Mord, die ein Fischer in den 1970er-Jahren meinem Vater erzählt hat. Und der gab sie irgendwann an mich weiter. Sie hat mich geprägt, bis heute." So sehr, dass daraus "Flut" entstand.

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