Keine Entlastung für Bayer-Vorstand | Wirtschaft | DW | 26.04.2019
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Unternehmen

Keine Entlastung für Bayer-Vorstand

Es ist eine herbe Niederlage für den Chef des Leverkusener Bayer-Konzerns: Die Aktionäre haben der Führungsspitze des Agrarchemie- und Pharmariesen das Misstrauen ausgesprochen. Unmittelbare Folgen hat das Votum nicht.

Im vergangenen Jahr war Konzernchef Werner Baumann mit seinem Vorstand noch mit rund 97 Prozent entlastet worden. Doch mit der umstrittenen Übernahme des US-Konkurrenten Monsanto im vergangenen Jahr hat er aus Sicht zahlreicher Großaktionäre eine schlechte Entscheidung getroffen - auch weil wegen einer Klagewelle in den USA hohe Schadenersatzzahlungen drohen. Die Aktie des Traditionsunternehmens ist seit langem im Keller, durch die Kursverluste haben Aktionäre Vermögenseinbußen hinnehmen müssen.

Bereits der Auftakt der Hauptversammlung des Chemie- und Pharmakonzerns war in Bonn von Protesten Hunderter Demonstranten begleitet worden. Dass es bei Bayer-Hauptversammlungen etwas lauter zugeht, ist nicht ungewöhnlich. Mal demonstrieren Umweltaktivisten, mal Bienenschützer, mal Patientenvertreter. Neu ist jetzt, dass auch die großen Investoren unzufrieden sind.

Der US-Vermögensverwalter Blackrock, mit rund sieben Prozent größter Anteilseigner, und zahlreiche große Investmentfonds wollten dem Vorstand die Entlastung verweigern oder sich zumindest enthalten. Auch die großen Aktionärsberater ISS und Glass Lewis waren gegen eine Entlastung. Der Vorstand habe die rechtlichen Risiken der Monsanto-Übernahme falsch bewertet - eine Einschätzung, die Bayer-Chef Werner Baumann ebenso strikt ablehnt wie sein Aufseher Werner Wenning. "Die Klagen und die ersten Urteile zu Glyphosat lasten schwer auf unserem Unternehmen und verunsichern viele Menschen", sagte Baumann in Bonn. "Da gibt es nichts zu beschönigen." Er verteidigte die Übernahme dennoch.

Deutschland Bayer-Chef Werner Baumann (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Verlor das Vertrauen der Aktionäre: Bayer-Chef Werner Baumann

Bevor Bayer den US-Saatgut- und Pflanzenschutzkonzern Monsanto für rund 60 Milliarden Dollar gekauft hat, habe die Geschäftsführung "die Risiken im Zusammenhang mit Monsantos Glyphosat-Geschäft sorgfältig und ausführlich geprüft", hatten Wenning und Baumann in einem Brief an die Aktionäre geschrieben. Dabei sei man "zu dem eindeutigen Schluss gekommen", dass die glyphosathaltigen Monsanto-Produkte wie der Unkrautvernichter Roundup "bei sachgemäßer Anwendung sicher sind". Sie empfehlen den Anlegern deshalb, sie zu entlasten.

Vertrauensfrage

Die Nerven lagen also schon vor Beginn der Hauptversammlung blank. Die Abstimmung über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat ist ein Gradmesser für das Vertrauen der Aktionäre in das Management. Ist das zu gering, müssen die Chefs meist gehen.

Einen Tag vor der Hauptversammlung hatte sich Bayer-Chef Baumann daher bemüht, den Blick auf die Erfolge zu lenken. Der Konzern sei "operativ stark" ins neue Jahr gestartet. "Einen maßgeblichen Anteil an diesem Erfolg hatte unser Agrargeschäft", so Baumann.

"Operativ" ist hier das entscheidende Wort. Es bedeutet, dass alle störenden "Sondereinflüsse" herausgerechnet wurden. Die Kosten der Übernahme von 63 Milliarden Dollar - nicht operativ. Die Belastungen durch Prozesse in den USA, wo mittlerweile 13.400 Menschen wegen Gesundheitsschäden durch Glyphosat vor Gericht gezogen sind - nicht operativ. Das Sparprogramm, mit dem Bayer bis Ende 2021 rund 12.000 der weltweit 118.000 Stellen abbauen will - nicht operativ.

Man kann die Quartalszahlen daher auch anders lesen: Durch den Monsanto-Zukauf ist der Umsatz um 42 Prozent angeschwollen. Der Gewinn ist dagegen um mehr als ein Drittel geschrumpft.

Wertverlust

Die Aktionäre schauen aber nicht nur auf die jüngsten Quartalszahlen, sondern auch auf den Aktienkurs. Und der hat sich in den vergangenen Jahren mehr als halbiert, von 144 Euro im April 2015 auf aktuell 62 Euro.

Selbst wenn man nur die Amtszeit des aktuellen Bayer-Chefs Baumann betrachtet, ist das Bild verheerend. Als er den Chefposten Anfang Mai 2016 übernahm, war die Aktie knapp 100 Euro wert. Zehn Tage später kamen erste Gerüchte über ein Kaufinteresse an Monsanto auf, weitere zwei Wochen später gab Bayer ein offizielles Angebot ab - allein in dieser Zeit verlor die Aktie fast 20 Prozent.

Als Gerichte in den USA zwei Monsanto-Kunden jeweils Schadenersatz von rund 80 Millionen Dollar zusprachen, weil diese nach Verwendung des Unkrautvernichters Glyphosat an Krebs erkrankt waren, gab der Aktienkurs weiter nach. Seitdem wurden 30 Milliarden Dollar Börsenwert vernichtet.

USA Kläger und Krebs-Opfer Dewayne Johnson in San Francisco (picture-alliance/dpa/J. Edelson)

Ein US-Gericht sprach dem an Krebs erkrankten Dewayne Johnson rund 80 Millionen Dollar Schadenersatz zu

Konzernchef Baumann ist überzeugt, dass höhere Gerichtsinstanzen die Urteile wieder aufheben. "Glyphosat ist ein sicheres Produkt", schreibt er seinen Aktionären und verweist auf "zahlreiche wissenschaftliche Studien und die unabhängigen Bewertungen von Zulassungsbehörden auf der ganzen Welt". Bayer werde "Glyphosat auch weiterhin in allen anhängigen Verfahren entschieden verteidigen".

Nervosität

Bayer wurde durch den Monsanto-Kauf zum führenden Agrochemiekonzern der Welt. Der Vorstand ist überzeugt, damit in den nächsten Jahren viel Geld verdienen zu können. Ausgeschlossen ist das nicht - schließlich wird die Frage, wie eine wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann, mit jedem Jahr wichtiger.

Derzeit aber ist der Gesamtkonzern weniger wert, als Bayer für Monsanto bezahlt hat. Das zeigt, wie nervös die Anleger sind. Und es zeigt auch, für wie teuer sie eine mögliche Einigung mit den klagenden Monsanto-Kunden in den USA halten.

Der schwache Aktienkurs schmälert die Gesamtvergütung von Bayer-Chef Baumann um 400.000 auf 5,6 Millionen Euro im vergangenen Jahr, weil ein Teil aus Aktienoptionen besteht. Seine Einbuße wäre höher ausgefallen, hätte ihm der Aufsichtsrat nicht einen kräften Aufschlag beim Bar-Bonus gegönnt: Der wurde um 28 Prozent auf 1,7 Millionen Euro erhöht. Anteilseigner und ihre Berater haben auch dies stark kritisiert.

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