Banken horten Rohstoffe - wie lange noch? | Wirtschaft | DW | 07.10.2013
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Wirtschaft

Banken horten Rohstoffe - wie lange noch?

Sollen Banken mit Rohstoffen handeln? Ein Skandal um Aluminiumgeschäfte der Bank Goldman Sachs hat diese Frage aufgeworfen. Die US-Notenbank will bald darüber entscheiden.

Im Sommer hatte die New York Times berichtet, die Investmentbank Goldman Sachs betreibe rund um Detroit etwa 27 Lagerhäuser, in denen rund 1,5 Millionen Tonnen Aluminium lagern. "Natürlich gibt es Regelungen der Londoner Metalbörse LME, die ein Horten von Metall verhindern sollen", machte auch US TV-Komiker John Oliver vor dem Thema nicht halt. Da die Regeln besagen, dass jeden Tag mindestens 3000 Tonnen die Lager verlassen müssen, führen die Goldmänner diese einfach im Kreis herum. Von einem Lagerhaus zum nächsten. Das "lustige Metall-Karussell", witzelt der Moderator.

Von einem Lagerhaus zum nächsten, aber nicht zu den Endkunden, beklagt Tim Weiner, von der Brauerei MillerCoors bei einer Anhörung vor dem Senat im Sommer. "Wenn man über die Londoner Metallbörse Aluminium aus den Detroiter Lagerhäusern kauft, kann es bis zu 18 Monate dauern, bis man es tatsächlich bekommt." Sein Konzern braucht Aluminium im großen Stil für Getränke-Dosen und Fässer. Der Vorwurf von MillerCoors oder auch dem Coca Cola Konzern: Die Banken kontrollieren den Markt und verknappten das Angebot, um so die Preise in die Höhe zu treiben.

"Keine Verschwörung von Banken"

Das in den Lagerhäusern der Bank gehortete Aluminium gehört hauptsächlich anderen Banken, Hedgefonds und Rohstoffhändlern. Goldman Sachs kassiert von ihnen Lagergebühren. "Viele wollen ihr Aluminium bei den niedrigen Preisen nicht verkaufen. Dann zahlt man lieber 48 Cent pro Tonne für die Lagerung", sagt Lucas Bernard, Ökonom mit Schwerpunkt Rohstoffe am New York City College of Technology. Das sei erstmal keine Verschwörung von Banken. "Aber klar, so machen sie ihr Geld: Sie ziehen Vorteile aus kleinen Preisschwankungen."

Händler der Investment-Bank Goldman Sachs (Foto:Richard Drew/AP/dapd))

Die Investment-Bank Goldman Sachs handel mit Rohstoffen und hortet Tausende Tonnen Aluminium.

Grundsätzlich ist es Banken verboten, in bankfremden Geschäften zu agieren, aber eine Ausnahmeregelung aus dem Jahr 1999 erlaubt den Handel mit physischen Rohstoffen - wenn die Notenbank zustimmt. Die Regulierer hätten aber keinen Schimmer, wie schwierig es ist, die Geschäfte einer Bank zu überblicken, die drei Billionen Dollar schwer ist und in 160 Ländern operiert, wetterte Wirtschaftsanalyst Joshua Rosner bei einer Anhörung. Ehe man sich versehe, verliere eine ganze Gesellschaft Milliarden um Milliarden. "Mit den Rohstoffen hatten wir bisher Glück. Aber ein System, das auf Glück basiert, ist nicht haltbar", so Rosner.

Und wieder: too big to fail

Ob Kohlebergwerke, Ölraffinerien oder Metalllager, Beteiligungen an Häfen oder Flughäfen: Wenn Banken in all diesen Bereichen operieren dürfen, werden sie immer größer und wichtiger. Schließlich gelten sie als systemrelevant, als "too big to fail" - zu groß, um einfach unterzugehen. Bei erneutem Versagen müssen sie wieder vom Staat gerettet werden.

Ein Lieferwagen der Firma Coca-Cola Foto: Roland Weihrauch dpa/lnw +++(c) dpa - Report+++

Coca-Cola beklagt, die Banken trieben die Preise in die Höhe

Aber es gebe schließlich Gründe für die Ausnahmeregelungen, so Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein vor wenigen Tagen. Man sei seit über 100 Jahren im Rohstoffhandel tätig und spiele eine wichtige Rolle bei der Absicherung von Preisschwankungen. "Ohne uns würden situierte und funktionierende Betriebe vom Markt verdrängt. Das wäre dann nicht gut für die Rohstoffmärkte", sagte Blankfein.

Regulierungs Arbitrage

Und tatsächlich: Die US-Notenbank, die ihre Untersuchung zum Thema nun ausweiten möchte, bekam vor wenigen Tagen ein Schreiben von der US-Handelskammer. Es war unterzeichnet von Firmen wie dem Flugzeugbauer Boeing und dem Postdienst UPS:

Volkswirt Lucas Bernard von der City University of New York Bild: DW/Janosch Delcker, New York,

Lucas Bernard: "So machen Banken ihr Geld."

"Unser Risikomanagement würde leiden, wenn die Banken im Markt für physische Rohstoffe verschwänden. Wir wären gezwungen, Metalle selbst zu lagern und müssten die dafür benötigte Infrastruktur bereithalten. Unsere Absicherungsmöglichkeiten würden schwinden oder zumindest deutlich teurer werden."

Die Untersuchungen und Anhörungen dauern weiter an. Der New Yorker Ökonom Lucas Bernard glaubt, dass Regulierungen nicht die alleinige Lösung seien. Er nennt es Regulierungs-Arbitrage. Jedes Mal wenn neue Regulierungen verabschiedet würden, gäbe es viele begeisterte Jungs in New York, in London oder andernorts, die nur drauf warteten, Regulierungslücken zu entdecken, um sie umgehen zu können.

Bernard sieht hier - wie nahezu überall in der Finanzindustrie - das Problem in der fehlenden Verantwortung der einzelnen Akteure: "Die Finanziers sagen immer, sie würden das Risiko tragen", erklärt der Ökonom. "Aber eigentlich riskieren sie nur das Geld von beispielsweise Rentenfonds. Die Verantwortlichen tragen keinerlei Risiko".

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