Bangladesch und die Grenzen der Kunst | Asien | DW | 21.04.2018
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DW-Dokumentarfilm: Die Stunde der Islamisten

Bangladesch und die Grenzen der Kunst

Zu den ersten Opfern gehörten liberale Blogger und Schriftsteller: Seit 2013 haben Islamisten in Bangladesch mehr als 30 Menschen mit Macheten und Messern ermordet. Die gezielten Angriffe schaffen ein Klima der Angst.

"Das Leben ist eigentlich wunderschön, aber es ist auch ein Fluch", seufzt Pervaj Hassan Rigan, während er in einer vollgestopften Schreibtischschublade nach seinen besten Karikaturen sucht. Beiläufig erzählt der junge Mann, dass er monatelang nur noch mit einem Motorradhelm zum Einkaufen gegangen sei: Aus  Angst, die Machete eines radikalen Islamisten könnte auch seinen Kopf treffen. Aber irgendwann habe die Gewöhnung eingesetzt - der Helm hörte auf, sein ständiger Begleiter zu sein.

Das Blut am Stiefel  

Der junge Künstler, den alle nur Rigan nennen, verdient seinen Lebensunterhalt mit Karikaturen. Zu seinen persönlichen Favoriten aus der letzten Zeit gehört eine Zeichnung, in der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi aus Myanmar das Blut vom Stiefel eines Soldaten wischt. Rigan zeichnete die Karikatur auf dem Höhepunkt der Gewaltwelle, die im vergangenen Jahr mehr als 700.000 muslimische Rohingya in die Flucht trieb - aus dem mehrheitlich buddhistischen Myanmar ins mehrheitlich muslimische Bangladesch. Könnte er eine derart beißende Karikatur auch über Bangladeschs Regierungschefin Sheikh Hasina zeichnen? "Niemals, das wäre ein totales Desaster", platzt es sofort aus Rigan heraus.

Klima der Selbstzensur

Allein die Religion ist ein noch größeres Tabu als die heimische Politik. Auch die Ermordung Dutzender religionskritischer Blogger und Atheisten durfte Rigan in seinen Zeichnungen nicht thematisieren. "Als es immer wieder passierte, habe ich meinen Redakteur gefragt, ob ich das machen kann. Aber es gab kein großes Interesse."

Bangladesch - die Stunde der Islamisten (DW/S. Petersmann)

So sieht Künstler Rigan die burmesische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi

Bald soll in Bangladesch ein neues Parlament gewählt werden. Die seit rund zehn Jahren regierende Awami League von Premierministerin Sheikh Hasina zeigt autokratische Züge. Mehrere Regierungsgegner sind spurlos verschwunden; andere sitzen im Gefängnis. Auf dem Papier ist Bangladesch eine säkulare Republik, doch die Islamisten treten immer selbstbewusster auf und fordern einen Staat, der auf dem Koran basiert. Journalisten beklagen ein Klima der Selbstzensur. Die Anschlagsserie gegen Freidenker, Atheisten und Andersgläubige hat dafür gesorgt, dass der kritische öffentliche Diskurs leiser geworden ist. Viele liberale Stimmen sind geflohen. Andere haben sich ins Private zurückgezogen und schweigen aus Angst. Ein Erfolg für die radikalen Islamisten, die mit Gewalt ein anderes Gesellschaftsmodell erzwingen wollen. 

Anonyme Drohanrufe

Die Fotografin Kakoli Pradhan ist persönlich bedroht worden. Von anonymen Anrufern, die sie und ihren Mann zum Schweigen bringen wollten. Das Journalisten-Ehepaar vertritt liberale Meinungen. "Mein Mann ist nicht nur ein bekannter Fernsehjournalist, sondern er schreibt auch. Er schrieb sehr fortschrittlich, setzte progressive Themen. Das hat sie wohl aufgebracht. Darum haben sie uns gedroht." Keine Namen, keine direkte Schuldzuweisung. Nur so viel: Das Paar wurde stiller, zog sich zurück - und die Anrufe hörten auf.

"Wir reden viel über Säkularismus in Bangladesch, aber es ist uns nie gelungen, einen wirklich säkularen Staat zu entwickeln", betont Kakoli Pradhan. Die Fotojournalistin ist oft auf dem Land unterwegs. Sie konzentriert sich in ihrer Arbeit auf Frauen, die von ihrem Land vertrieben werden. Durch den Staat, der enteignet, um Fabriken und Straßen zu bauen. Durch das Militär, das enteignet, um "für Sicherheit zu sorgen". Und durch die Religion, die Männer bevorzugt. Das "land grabbing", die illegale Landnahme, trifft in Bangladesch vor allem ethnische und religiöse Minderheiten und Frauen.

Bangladesch - die Stunde der Islamisten (DW/S. Petersmann)

Kakoli Pradhan fotografiert vor allem Frauen - und wählt ihre Worte mit Vorsicht

Koloniales Herrschen

"Es gibt Gruppen, die alles tun, um zu verhindern, dass Frauen selbständig werden. Sie berufen sich auch auf die Religion." Die Frustration ist Kakoli anzumerken. Sie argumentiert vorsichtig, vermeidet erneut eindeutige Schuldzuweisungen. Bloß nichts Falsches sagen. Religion und Politik – die beiden großen Tabuthemen greifen, immer wieder. Kakolis Bilder zeigen hart arbeitende, starke Frauen. "Aber es gibt Grenzen der Freiheit", gibt sie offen zu. "Wenn du zum Beispiel eine Fotoausstellung machen möchtest, dann brauchst du Sponsoren." Und der Mut der Sponsoren hört auf, wenn Politik und Religion an den Pranger gestellt werden. Vorsicht schlägt Kunst.

Die Fotojournalistin aus Dhaka erinnert daran, dass Bangladesch einmal Teil des britischen Kolonialreichs auf dem indischen Subkontinent war. "Dieses koloniale Denken, dass die Herrscher herrschen und nicht dem Volk dienen, ist immer noch sehr weit verbreitet. In Bangladesch genauso wie in Indien und Pakistan. Unsere Politiker denken und handeln wie Herrscher."

Weil es dem eigenen Machterhalt dient, scheint die politische Elite die Konfrontation mit islamistischen Kreisen zu scheuen. So gab die Regierung von Premierministerin Sheikh Hasina den Opfern islamistischer Gewalt von Anfang an eine Mitschuld an ihrer Ermordung. Die liberalen Blogger hätten die Gewalt herausgefordert, weil sie mit ihren Veröffentlichungen die religiösen Gefühle der muslimischen Mehrheit verletzt hätten.

Bangladesch - die Stunde der Islamisten (DW/S. Petersmann)

Künstler Rigan: Tablet statt Aktmodell

"Unsere Gesellschaft bewegt sich in die Dunkelheit", glaubt der junge Künstler Rigan. "Warum ich das sage? Weil in diesem Land einfach alles politisiert wird und weil sich alle korrumpieren lassen." Rigan beschreibt ein Klima der Intoleranz, in dem für offenen, respektvollen Dialog immer weniger Platz sei. "Entweder gehörst du zur Regierung oder zur Opposition. Entweder bist du Muslim oder Hindu. Schwarz oder weiß. Dazwischen ist nichts."

Aktmalerei ohne Modell

Rigan steht vor seiner Staffelei und mischt den richtigen Ton für menschliche Haut. Seine künstlerische Leidenschaft gehört der Aktmalerei - auch wenn es dafür in Bangladesch weder einen Markt noch irgendeine Talentförderung gibt. Bei der Aktmalerei vergisst er Raum und Zeit, malt nächtelang durch. Und doch hat Rigan noch nie mit einem Nacktmodell zusammengearbeitet. "Hier können sich die Menschen einfach nicht vorstellen, nackt zu sein und andere nackt zu sehen. So ist unsere Kultur: Sehr konservativ. Alle denken so. Sogar unsere Kunstlehrer denken so."

Bangladesch - die Stunde der Islamisten (DW/S. Petersmann)

Aktmalerei von Rigan

Der Maler hat sich in seiner Wohnung in der Millionenmetropole Dhaka ein Atelier eingerichtet. Die Vorlagen liefert sein Tablet-Computer. Über Suchmaschinen ruft er Aktbilder auf, auch vom verehrten italienischen Künstler Michelangelo, und lässt sich inspirieren. Seine Augen wandern zwischen Tablet-Bildschirm und Leinwand hin und her. Rigan zeichnet mit Kohle Konturen vor, dann greift er zum Pinsel. In Bangladesch waren seine Aktbilder bisher nur in einer größeren Ausstellung zu sehen. Das war im Jahr 2016 – im französischen Kulturinstitut. Er denkt an Europa. "Die Kunst muss für alle und alles offen sein", sagt Rigan und träumt von Schweden. Dort sei die künstlerische Freiheit besonders groß, glaubt er.

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