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Bachfest 2023: Gruß aus dem Weltall

Anastassia Boutsko
11. Juni 2023

Unter dem Motto "Bach for Future" wurde das Bachfest in Leipzig eröffnet. Neben Bachs Musik erklang eine Friedenskantate von Jörg Widmann. Und auch Stars wie Lang Lang gaben sich die Ehre.

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Open Air Bachfest, Pianist lang Lang auf dem großen Screen
Leipzig strahlt: Lang Lang spielte beim EröffnungsfestBild: Anastassia Boutsko/DW

Leipzig hat einen Grund zum Feiern: Vor genau 300 Jahren, Ende Mai 1723, kam der damals 38-jährige Johann Sebastian Bach in die Stadt, um in der sächsischen Metropole seine neue Stelle als Thomaskantor anzutreten. Und der erste Gruß kam aus dem Weltall: mit einer "Earth Chaconne", einem 15-minütigen Film einer spektakulären Ansicht der Erde zu den Klängen der berühmten Chaconne aus Bachs Partita für Violine Nr. 2 in d-Moll gratulierten die Astronauten der ISS-Expedition zum Leipziger Bach-Jubiläum. Atemberaubende Bilder zur Musik mit kosmischer Dimension.

Blick in die Leipziger Nikolaikirche beim Bachfest Leipzig
Authentische Kulisse: Kantaten erklingen in der Nikolai-Kirche, wie zu Bachs ZeitenBild: Gert Mothes/Bach-Archiv Leipzig

Bach in Leipzig: der Größte aller Zeiten?

27 Jahre wirkte Bach in Leipzig. In dieser Zeit entstanden Werke, von denen die Nachwelt bis heute zehrt und die Bach zu einem der größten Komponisten aller Zeiten machen - wie etwa Passionen, die h-Moll Messe, die "Kunst der Fuge" und eben die großen Kantaten-Zyklen, die im Mittelpunkt des diesjährigen Bachfestes stehen.

"Dieses Bachfest ist etwas Besonderes, weil alles im Zeichen dieses Jubiläums steht", so Professor Michael Maul, Leiter des Bachfestes Leipzig, gegenüber der DW. "'Bach for Future' haben wir uns als Motto ausgedacht, weil wir nicht nur zeigen wollten, dass wir in die Zukunft schauen, sondern weil wir deutlich machen, dass die Werke, die Bach damals, vor 300 Jahren, hier in Leipzig komponiert hat, tatsächlich so stark sind, dass sie auch heute noch 'for future' sind."

Bereits mit seinem "Ersten Kantatenjahrgang in Leipzig" hat der ehrgeizige Komponist seine Zeitgenossen in Erstaunen versetzt, da er in nur einem Jahr traditionelle musikalische Formen vielfach gesprengt und die Gattung Kirchenkantate kreativ weiterentwickelt hat. Für jeden Sonntag gab es ein neues Werk.

Michael Maul eroffnete das Bachfest Leipzig mit einer Rede auf einer Kanzel.
Michael Maul eröffnete das Bachfest LeipzigBild: Jens Schlueter/Bachfest Leipzig 2023

Michael Maul leitet das Bachfest Leipzig

"Bach ist eben die Nummer Eins", meint der niederländische Dirigent und Bach-Experte Ton Koopman mit charmanter Rigorosität bei der Eröffnungs-Pressekonferenz des Bachfestes. Wenn es im Himmel so etwas wie einen Stammtisch der größten Komponisten aller Zeiten gibt, an dem auch Mozart, Wagner, Verdi und alle anderen sitzen, haben sich die Kollegen mit Sicherheit für Bach als "Vorsitzenden" entschieden, räumt Koopmann, selbst eine lebende Bach-Legende, im DW-Gespräch ein. Neben Philippe Herreweghe und anderen Stars der Szene wird Koopmann seine Lieblingskantaten beim Bachfest präsentieren.

Eröffnungskonzert: ein Friedensapell

"Bach for Future" bedeute aber auch, dass an originalen Spielstätten nicht nur ehrfurchtsvoll und resümierend auf 300 Jahre zurückgeschaut, sondern zugleich "Bachs Musik in neuen Kontexten präsentiert wird: Mit herausragenden Debütanten, frischen Formaten und manch überraschenden Adaptionen und Neuinterpretationen altbekannter Werke", so Professor Michael Maul im DW-Interview.

Michael Maul erklärt: Bachs "Wohltemperiertes Klavier"

Ein Bekenntnis zu Bachs Zukunftsvisionen wurde bereits beim Eröffnungskonzert in der Thomaskirche abgegeben: neben Bachs Kantate "Die Elenden sollen essen", mit der Thomaskantor Bach sich am ersten Sonntag nach Trinitatis 1723 den Leipzigern präsentierte, erklang in der Thomaskirche ein im Auftrag des Festivals entstandenes Werk, die Kantate für Solisten, Chor, Orgel und Orchester des zeitgenössischen Komponisten Jörg Widmann.

Souverän und stilsicher greift Widmann die barocke Form der Kantate auf und füllt sie mit neuem Geist. "Bach war in seinen Werken extrem zeitgenössisch und auch radikal aktuell", sagte Widmann der DW. "Bereits in seiner Antrittskantate, 'Die Elenden sollen essen', greift er eines der aktuellsten Themen seiner Zeit auf - die gravierende Armut. Und so habe auch ich ein Thema gewählt, an dem man heute nicht vorbei gehen kann – den Krieg."

Widmann beginnt mit dem berühmten Antikriegslied aus dem 18. Jahrhundert, "Es ist Krieg!" von Matthias Claudius und webt ein intensives Text-Musik-Werk bis in die Gegenwart hinein, zu den Abschiedszeilen des berühmten Theologen Dietrich Bonhoeffer, geschrieben kurz vor der Hinrichtung durch die Nazis und erfüllt von tiefem Glauben und Zuversicht.

Komponist Jörg Widmann
Ein Friedensapell in Kriegszeiten: Komponist Jörg WidmannBild: Marco Borggreve

Dieses Vertrauen ist für Widmann jedoch keine Legitimation zum Nichtstun, sondern ganz im Gegenteil: "Es kann zwar naiv klingen, aber ich glaube fest daran, dass wir mit der Musik dazu beitragen können und müssen, dass das Unheil, in dem unsere Welt versinkt, gestoppt wird. Das hat Bach in seiner Zeit nicht anders gesehen und würde es auch heute so sehen, bestimmt."

Ein Staraufgebot unter strahlendem Sommerhimmel

Wem fast fünf Dutzend Konzerte und andere Ereignisse an elf Festivaltagen, 8. bis 18.Juni, an über zwanzig Orten in der Stadt dennoch zu wenig sind, kann sich auf dem schmucken Leipziger Marktplatz einfinden. Unter strahlendem Sommerhimmel und bei freiem Eintritt geben sich hier allabendlich junge und erfahrene Bachinterpreten und Verehrerinnen jeglicher Couleur, von dem Geigenvirtuosen Daniel Hope und dem Starpianisten Lang Lang bis zur Heavy Metal Band "Son of a Bach“, die Ehre.

Mit dem Auftritt in Leipzig sei für Ihn "ein Traum in Erfüllung gegangen", verriet Lang Lang dem Publikum. Noch nie habe er sich dem größten Genie der Musik so nahe gespürt wie hier, in Leipzig. Anschließend verzauberte Lang Lang das Publikum mit Fragmenten der berühmten Goldberg-Variationen, gespielt mit kaum zu übertreffenden Tiefe und Intimität. Bach ist eben ein Komponist, der aus dem Herzen in die Herzen spricht, aus der Vergangenheit in die Gegenwart – und die Zukunft.  


Die DW ist Medienpartnerin des Bachfestes Leipzig. 
Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung wurde Leipzig fälschlicherweise in Thüringen verortet, korrekt ist das Bundesland Sachsen, wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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