Bürokraten, Berater und Millionen-Honorare | Wirtschaft | DW | 09.09.2019
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Verwaltung

Bürokraten, Berater und Millionen-Honorare

Ministerien und Behörden geben Millionen für externe Berater aus, vor allem bei IT-Themen. Woran liegt das? Und hat die Bundesregierung keine eigenen Fachleute?

Als vergangene Woche bekannt wurde, wie viel Geld der Bund allein im ersten Halbjahr ausgegeben hat, um die Expertise externer Berater einzukaufen, rieben sich viele die Augen. Mehr als 333 Millionen Euro waren es insgesamt, und fast die Hälfte entfiel auf das Verteidigungsministerium, dessen Beratereinsatz unter der damaligen Ministerin und zukünftigen EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen derzeit von einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss geprüft wird.

Der Großteil des Geldes ging an IT-Berater: 115 Millionen an die deutsche Tochter des US-Konzerns IBM, rund 80 Millionen an das mittelständische Beratungshaus Conet, rund 60 Millionen an PricewaterhouseCoopers. Auch andere große Beratungshäuser wie Capgemini (47 Millionen), Ernst and Young (47 Millionen), Roland Berger (21 Millionen) und das IT-Systemhaus Bechtle (24 Millionen) waren unter den Top Ten.

Verteidigungsministerin von der Leyen Bundeswehr (Reuters/W. Rattay)

Als Verteidigungsministerin gab Ursula von der Leyen besonders viel Geld für Berater aus

Abhängig von Beratern?

Seit der Berater-Affäre von der Leyens scheint sich also nicht viel geändert zu haben. Warum aber ist der Bund so angewiesen auf externe Fachleute?

"Die Aufgaben, die von den externen Beratern wahrgenommen werden, sind oft wirklich IT-Spezialaufgaben, die vom vorhandenen Personal nicht abgedeckt werden können", sagt Britta Seifert im DW-Gespräch. Als freie IT-Expertin hat sie seit 20 Jahren auch Behörden beraten.

"Über viele Jahre haben Behörden Abteilungen geschlossen und kaufen die Dienstleistungen stattdessen ein", sagt sie. "Jahrelang wurde gesagt: 'Privat ist effizienter'. Das Know-how wurde outgesourct."

Hinzu komme, dass es in Behörden oft massiv an Fachkräften mangele. "Ich habe in Projekten gearbeitet, wo ein Drittel der Belegschaft fehlte. Die Stellen konnten nicht besetzt werden", so Seifert.

Bis zu 150.000 Euro im Jahr

Das kann zum einen daran liegen, dass IT-Experten in Behörden nicht so gut verdienen wie in der freien Wirtschaft. Spezialisten könnten mit mehr als 100.000 Euro Jahresgehalt rechnen, sagt Martin von Hören, Direktor und Partner der Beratungsgesellschaft Kienbaum in Köln, die IT-Gehälter regelmäßig untersucht.

In einigen Regionen, etwa Stuttgart, München oder dem Rheinland, werde zudem zehn bis 15 Prozent mehr gezahlt als im Bundesdurchschnitt. Hinzu kommen Aufschläge, wenn die IT-Experten als erfahrene Projektleiter bei Beratungsfirmen arbeiten. "Die verdienen dann bis zu 150.000 Euro im Jahr", so von Hören.

"Das wird man in einer Behörde nicht bekommen", sagt IT-Beraterin Seifert. Zum Vergleich: In diesen Gehaltssphären bewegen sich allenfalls die Präsidenten von Bundesbehörden. Verbeamtete IT-Fachleute können eher mit bis zu 70.000 Euro im Jahr rechnen, das entspricht der Besoldungsstufe A13. Außerdem haben Behörden die Möglichkeit, IT-Fachkräften mit einer Zulage zu locken.

Geld ist nicht alles

Beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) weist man darauf hin, dass "fast alle in den letzten zwei Jahren zugewiesenen Stellen (...) erfolgreich besetzt werden" konnten. Den Fachkräften komme es dabei nicht nur auf die Höhe ihres Gehalts an, sondern auch auf "eine sinnstiftende Aufgabe" und "eine ausgewogene Work-Life-Balance", so ein Behördensprecher zur DW.

Deutschland Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (picture-alliance/dpa/O. Berg)

"Fast alle Stellen erfolgreich besetzt", heißt es beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn

Und doch gibt es auch beim Staat Einrichtungen, die deutlich mehr zahlen können. So gehört die BWI, der zentrale IT-Dienstleister für die Bundeswehr, zu 100 Prozent dem Bund, ist jedoch als GmbH organisiert. "Wir können deshalb marktübliche Gehälter zahlen", sagt Unternehmenssprecher Jochen Reinhardt zur DW. "Das heißt nicht, dass wir mit den großen IT-Konzernen mithalten können", so Reinhardt weiter, "aber wir können unsere Stellen alle besetzen."

Das können nicht alle Bundesbehörden von sich behaupten. Oft schreckt schon der langwierige Einstellungsprozess viele IT-Fachkräfte ab. "Auf eine Bewerbung hört man erst einmal lange nichts, dann muss man noch durch ein Assessment-Center", sagt IT-Beraterin Seifert und nennt ein Beispiel. "Die Bewerbung war im Mai und die Einstellung wurde für frühestens Oktober in Aussicht gestellt. Das können sich viele nicht leisten und gehen, wenn sie etwas finden, woandershin."

IT-Fachleute als Subunternehmer

Sie sieht das Hauptproblem allerdings an anderer Stelle: "Heute gewinnen fast immer die großen Beratungsfirmen die Ausschreibung der Behörden", so Seifert.

Nur die hätten die nötige Größe, um die komplexen Verträge über einen langen Zeitraum zu verhandeln. "Aber das nötige Know-how haben sie oft nicht selbst, sondern müssen es bei Technikfirmen der zweiten Reihe einkaufen. Und die wiederum kaufen über Personaldienstleister weitere IT-Fachkräfte ein. Und mit jedem Zukaufsschritt ist natürlich ein Zwischenhändler dabei, der es teuer macht."

Und so könne ein IT-Techniker, der als Sub-Subunternehmer beschäftigt ist, froh sein, wenn er im Jahr auf 70.-80.000 Euro komme, während die großen Beratungshäuser Tagessätze von bis zu 2000 Euro abrechneten, sagt Seifert.

Die IT-Zulage und bundeseigene IT-Dienstleister wie die BWI zeigen allerdings, dass der Bund das nötige Fachwissen wieder selbst aufbauen möchte. Ob das gelingt und sich der jahrelange Outsourcing-Trend umkehren lässt, muss sich erst noch erweisen.

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