Ausstellung über zivile Seenotrettung: ″Wir sollten nicht existieren″ | Kultur | DW | 04.06.2020
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Flüchtlingskrise

Ausstellung über zivile Seenotrettung: "Wir sollten nicht existieren"

Seit fünf Jahren rettet Sea Watch Geflüchtete vor dem Ertrinken aus dem Mittelmeer. Eine Ausstellung im Weltkulturenmuseum Frankfurt soll das Thema wieder präsenter machen, sagt Kuratorin Jelka Kretzschmar.

DW: Frau Kretzschmar, die "Sea Watch 3" stand Ende Februar/Anfang März unter Quarantäne. Ist sie seitdem wieder in See gestochen?

Jelka Kretzschmar: Nein. Das Schiff war tatsächlich im Hafen, als die Corona-Sperre kam. Damit war es für uns nicht mehr möglich, zu operieren und wir konnten durch das Flugverbot auch keine Crews zu den Schiffen bringen. Entsprechend haben wir unsere Aufgaben angeglichen, denn wir müssen sicherstellen, dass im Fall einer Rettung sowohl Crew als auch Gerettete entsprechend versorgt und geschützt werden können. Aktuell ist eine Crew in Quarantäne und bereitet sich auf den Einsatz vor. Es ist eine unglaubliche Zeitspanne, die die Aktivist*innen im Moment verfügbar sein müssen, weil sie sich vor und wahrscheinlich auch nach der eigentlichen Operation in Quarantäne begeben müssen.

Man hat zuletzt etwas über die Situation in den Lagern erfahren, in denen Geflüchtete leben, aber wenig über die aktuelle Situation auf dem Meer. Welche Informationen haben Sie darüber?

Nach unserem Wissen hat sich tatsächlich an der Fluchtbewegung von Libyen weg nichts geändert.Menschen leiden ja nicht weniger dadurch, dass es eine globale Pandemie gibt, sondern die Situation in den libyschen Foltercamps ist unverändert. Das heißt, die Menschen fliehen weiterhin, nur mit dem Unterschied, dass wir durch das Fehlen ziviler Schiffe keinerlei Rettungsmittel vor Ort haben. Es gab viele Seenotfälle in den vergangenen Wochen, darunter ein Fall, bei dem belegt ist, dass Menschen bis zu sechs Tage auf dem Wasser waren und in Folge des Nichthandelns europäischer Autoritäten gestorben sind oder völkerrechtswidrig und koordiniert von Malta nach Libyen zurückgeführt wurden. Neben konkreten Fällen, von denen wir wissen, gibt es natürlich noch eine Dunkelziffer.

Schlauchboote mit Geflüchteten umringen die Sea Watch
(2015 Sea-Watch)

Alltag auf dem Mittelmeer: Schlauchboote mit Geflüchteten umringen die "Sea Watch"

Sea Watch hat vor fünf Jahren mit der zivilen Seenotrettung begonnen. Wie bewerten Sie, was seitdem geschehen ist, was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

Wir haben heute noch die gleichen Ziele wie am Anfang, nämlich dass keine Menschen an Europas Grenzen ertrinken sollen, dass wir eine staatliche Rettungsmission brauchen, dass es sichere Fluchtwege geben muss. Daran hat sich erst mal nichts geändert. Natürlich hat sich bei uns operationell viel getan, weil wir mit einer Handvoll Aktivisten und Aktivistinnen gestartet und dann schnell relativ groß geworden sind. Wir sind heute bei etwa 500 Aktivisten und Aktivistinnen, die regelmäßig aktiv sind.

Die Corona-Pandemie hat in den vergangenen Monaten alles überlagert. Hat die Wahrnehmung für die Situation der Geflüchteten auf dem Meer darunter zusätzlich gelitten?

Es gibt natürlich diese Peaks in der Wahrnehmung wie 2015 und 2016, wo der Aufschrei relativ groß war, oder als 2019 die Mission mit Carola Rackete für Aufsehen gesorgt hat. Sonst ist das Thema leider für viele nicht mehr interessant, obwohl sich die Situation nicht verbessert. Die Sterbequote auf dem zentralen Mittelmeer ist höher als vor fünf Jahren. Natürlich gibt es auch immer wieder Lichtblicke, wie zum Beispiel gerade, dass Thüringen ein Landesaufnahmeprogramm beschlossen hat. Das ist ein gutes Zeichen. Trotzdem hat sich die europäische Politik immer weiter verhärtet, die Abschottungspolitik wird immer weiter vorangetrieben. Das zeigt sich ganz klar an den Ressourcen, die zum Beispiel den sogenannten Libyschen Küstenwachen zur Verfügung gestellt werden. Das manifestiert sich dann auch in einer Kriminalisierung der Seenotretter*innen.

Dabei hat das Thema eine breite mediale Begleitung erfahren. Wie kann Ihre Ausstellung im Welkulturenmuseum den Besucherinnen und Besuchern näherbringen, was auf dem Mittelmeer geschieht, und welche Bedeutung Sea Watch hat?

Zum einen ist ganz wichtig, auf diese fünf Jahre zu schauen und zu sagen: Wenn wir das schaffen, als zivile Protagonisten im Mittelmeer uns so schnell, so tief, so funktional zu professionalisieren und 37.000 Menschen zu retten, dann ist es für die Institutionen, für die europäischen Autoritäten, die hier die Verantwortung tragen, ein Leichtes. Diese Gleichung ist erst mal ganz wichtig: dass wir seit fünf Jahren Aufgaben übernehmen, die wir eigentlich nicht übernehmen sollten und dass wir eigentlich nicht existieren sollten. Wir wünschen uns vom musealen Kontext einen Dialog, weil die Leute neben klassischen Medienberichten hier einen detaillierteren Zugang finden können und sich in Ruhe mit den verschiedenen Schwerpunkten der Ausstellung auseinandersetzen können.

Die Zielgruppe soll sicher mehr Leute umfassen als jene, die ohnehin ein Bewusstsein für das Thema haben?

In der Ausstellung ist angeschnitten, welche Erlebnisse es gibt, wie die rechtlichen Prozesse verlaufen, wie die Rettung kriminalisiert wird. Wir wünschen uns zum einen eine Vertiefung des Diskurses für Leute, die sich schon damit auseinandersetzen, aber eben auch, dass die Auseinandersetzung wieder mehr in die Gesellschaft getragen wird.


Jelka Kretzschmar arbeitet bei Sea Watch e.V. im Bereich Research und Medien und ist eine von zwei Kuratorinnen der Ausstellung "SW5Y – Fünf Jahre zivile Seenotrettung", die vom 5. Juni bis zum 30. August 2020 Weltkulturenmuseum Frankfurt am Main zu sehen ist. Wegen der Corona-Pandemie ist der Zutritt begrenzt.

Das Gespräch führte Torsten Landsberg.

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