Ausbeutung in Bulgariens Textilindustrie? | Wirtschaft | DW | 26.09.2018
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Textilindustrie

Ausbeutung in Bulgariens Textilindustrie?

Billiglohnland Bulgarien: Dort lassen internationale Bekleidungsunternehmen für ihre Kollektionen schneidern: Die Arbeiter bekommen nur wenig Geld und leiden unter schlimmen Arbeitsbedingungen.

Gotse Deltchev - eine bulgarische Kleinstadt an der Grenze zu Griechenland, junge Menschen sucht man hier fast vergebens. Die meisten zieht es in die Hauptstadt Sofia oder gleich nach Deutschland oder England auf der Suche nach besseren Jobs. Die Arbeitslosigkeit ist hoch.

Einer der größten Arbeitgeber ist das Textilunternehmen Pirintex. Täglich strömen morgens um 6 Uhr tausende von Arbeitern in die Werkhalle am Rande der Stadt . Genäht wird im Zwei-Schicht-Betrieb: Herrenbekleidung wie Anzüge und Hosen oder Damenmode.

Der deutsche Unternehmer Bertram Rollmann suchte Anfang der 90er Jahre nach einem neuen Standort für sein Textilunternehmen gesucht, zuvor hatte er eine Bekleidungsfabrik in Griechenland geleitet. Bulgarien und Rumänien hätten damals gute Möglichkeiten geboten: niedrige Löhne und kurze Wege nach Westeuropa.

Im Schnitt zahlt er seinen 3000 Arbeitern inzwischen bis zu 350 Euro netto und gilt heute in Bulgarien als vorbildlich. "Wir zahlen überdurchschnittlich, weil wir überdurchschnittlich viel verlangen von unseren Mitarbeitern," sagt Rollmann und meint damit vor allem die hohe Flexibilität, die er seinen Arbeitern abverlangt.

Bulgarien Firma Pirintex Ausbildungszentrum (DW/J. Henrichmann)

Das Ausbildungszentrum von Pirintex. 30 Lehrlige könnten hier lernen, gegenwärtig gibt es aber nur sieben "Azubis".

Ausbeutung an der Nähmaschine

Und genau diese Flexibilität ginge zu weit, sagt Maria Vanatova, die wir nach der Schicht außerhalb der Fabrik treffen. Sie arbeitet seit über zehn Jahren bei Pirintex. Zu oft müsse an Samstagen gearbeitet werden, es gebe Mitarbeiter, die nicht einmal mit ihren Familien in den Sommerferien verreisen könnten, weil es zu viele Aufträge gebe.

 Außerdem seien die Arbeitsbedingungen hart. "Leitende Mitarbeiter stoppen unsere Zeit aus, wir können die Vorgaben nicht einhalten", sagt sie. Der Lohn werde nach Vorgaben bezahlt, wenn z.B. in einer bestimmten Zeit nicht eine bestimmte Anzahl von Kleidungsteilen fertig sei, gebe es keine Zuschläge, sondern nur ein sehr niedriges Grundgehalt.

Bulgarien Textil Produktion von Pirintex (DW/J. Henrichmann)

Produktion bei Pirintex: Hier sind vor allem Frauen beschäftigt. Sie verdienen im 350 Euro monatlich.

Schlimmer als in Kambodscha

Das sei kein Einzelfall, meint Bettina Musiolek von der "clean clothes campaign". Diese Nichtregierungsorganisation beobachtet weltweit die Bedingungen in der Textilindustrie. In einer am25. September veröffentlichten Untersuchung hat sie die Arbeitsbedingungen von Textilarbeitern in Indien, der Türkei, Kambodscha und Bulgarien verglichen.

"Es hat mich schockiert, dass ausgerechnet in Bulgarien die Bedingungen am schlimmsten sind. In manchen Fabriken müssen die Arbeiter sieben Tage am Stück 12 Stunden täglich arbeiten", so Musiolek. Damit sei die Situation viel dramatischer als in Asien.

Hinzu käme der geringe Lohn. Bei Zuliefererbetrieben der schwedischen Modemarke H&M in Bulgarien etwa entspreche er nur 10 Prozent der sogenannten living wage, dem nach Berechnung der Gewerkschaft "existenzsichernden Lohn". Das bedeute, dass die Menschen nicht annähernd von ihren Gehältern leben könnten.

Vielleicht könnte man ja mehr bezahlen?

Das bestätigt auch Arbeiterin Maria Vanatova bei Pirintex. Ihre Freunde pendelten täglich  ins krisengeplagte Griechenland, um dort zu arbeiten, oder sie seien nach Zypern ausgewandert. Sie sei nur wegen der Familie in Bulgarien geblieben. Die Arbeit mache ihr trotzdem Spaß - vor allem wegen der Kollegen. Sie rät aber ihren eigenen Kindern, das Land zu verlassen.

Bulgarien Textil Unternehmer Bertram Rollmann (DW/J. Henrichmann)

Der Unternehmer Bertram Rollmann aus Bulgarien sagt von sich selbst, er zahle überdurchschnittlich gut.

Auch Textilunternehmer Bertram Rollmann kämpft mit Problemen - er hat hunderte Arbeiter in den letzten zwei Jahren verloren und findet keinen Nachwuchs mehr. In seinem Ausbildungszentrum bleiben viele Nähmaschinen verwaist, nur sieben Auszubildende gibt es noch im Betrieb, Platz hätte er für knapp 30. Die Löhne erhöhen will er trotzdem nicht. Den Vorwurf, dass die Branche noch mehr zahlen müsse, um die Leute zu halten, lässt er nicht gelten.

Warten auf ein Signal

Der schwedische Konzern H&M hat schon 2013 versprochen, darauf zu drängen, dass seine Zulieferer ihren Arbeitern wenigstens existenzsichernde Löhne zahlen.  Doch da ist noch zu wenig passiert, resümiert Bettina Musiolek von der "clean clothes campaign", bestätigt durch die neuste Untersuchung in Bulgarien.

Aber sie ist zuversichtlich: Wenn große Unternehmen wie H&M ernst machten mit den Forderungen an ihre Zulieferer, mehr zu zahlen und sie gleichzeitig bereit wären, dafür auch höhere Preise zu akzeptieren, dann könnte das Signalwirkung in der ganzen Branche haben.