Auf der Suche nach dem Grab des Vaters in der Ukraine | Europa | DW | 21.10.2019
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Zweiter Weltkrieg

Auf der Suche nach dem Grab des Vaters in der Ukraine

Eine ortsansässige Geschichtslehrerin sagt, die Deutschen hätten beim Rückzug jedes zweite Haus in Brand gesteckt. Ihre Großmutter habe mit drei Kindern und ihrem kranken Mann vor ihrem Haus gestanden. Als ein deutscher Soldat mit brennender Fackel in der Hand kam und die Kinder gesehen habe, habe er ihnen eine Tafel Schokolade gegeben und gesagt, er werde nicht deren Haus, sondern das der Nachbarn anzünden.

"Dem Datum nach, dem 13. September 1943, starb Georg Gleiß während des Rückzugs der Deutschen", vermutet die Lehrerin. Kämpfe habe es dabei keine gegeben, nur vereinzelt Schüsse. Zwei Tage später sei die Rote Armee eingerückt, fügt ein Behördenvertreter des Nachbardorfes hinzu, den Anatolij auf der Straße anhält.

Deutsche Truppen in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs (Privat)

"Auf dem Vormarsch zum Don, Juli 1942", so hat Georg Gleiß die Rückseite des von ihm gemachten Bildes unterschrieben

Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Nachricht von den Ausländern verbreitet sich schnell. Anatolijs Telefon klingelt unaufhörlich. Besonders ein Anruf ist interessant. Das Grab könnte gefunden sein.

Anatolij bringt die deutschen Rentner in das Dorf, in dem sie ihre Suche begonnen hatten. Iwan Iwanowitsch, ein älterer Mann in schwarzer Jogginghose, blauer Jacke und Kappe zeigt ihnen eine 300 Jahre alte Linde am Rand seines Grundstücks. Als er hier sein Haus baute, hatte er erfahren, dass im Krieg hier eine Stabsstelle gewesen sei, und dass ein Deutscher neben der Linde begraben liege.

Unterdessen kommen immer mehr Menschen, um die "ausländische Delegation" zu sehen. Unabhängig voneinander bestätigen einige, von dem Grab des Deutschen zu wissen. Der Offizier sei an einem zehn Kilometer entfernten Ort umgekommen und dann zur Stabsstelle gebracht worden, wo er allein bestattet worden sei.

Ulrich und Immo Gleiß sind bewegt und können gar nicht glauben, was sie erleben. Aleksej Sawtschenko vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge meint, man könne mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent sagen, dass es sich um das Grab von Georg Gleiß handelt. In Absprache mit den Behörden soll das Grab nun gesucht und die möglichen Überreste identifiziert werden. Diese würden dann auf Kosten Deutschlands auf den Deutschen Soldatenfriedhof in Charkiw umgebettet. In der Ukraine gibt es vier große Kriegsgräberfriedhöfe, für deren Unterhalt Deutschland aufkommt.

Ein deutscher Soldatenfriedhof in Kiew (DW/K. Kryzhanouskaya)

Ein deutscher Soldatenfriedhof in Kiew

Gemeinsame Vergangenheit einstiger Feinde

Am nächsten Morgen kommen die Gleiß-Brüder wieder zu der alten Linde, diesmal alleine. Doch sie bleiben nicht unbemerkt. Die Hunde bellen, und Iwan Iwanowitsch kommt. Es stellt sich heraus, dass er, Ulrich und Immo etwa gleichaltrig sind. "Mein Vater ist auch im Krieg umgekommen, nur weiß keiner, wo er begraben liegt", sagt Iwan Iwanowitsch leise. Er versichert den Brüder, sie könnten jederzeit hierher kommen, auch nach seinem Tod. Seine Kinder und Enkel würden sich freuen, sie zu sehen.

Iwan Iwanowitsch, der mit seiner Rente kaum über die Runden kommt, zeigt den Gästen noch seinen Hof. Gänse planschen in einer Pfütze, Holz stapelt sich am Zaun, das er mit seiner Frau für den Winter gesammelt hat. Er fragt: "Sehen deutsche Dörfer auch so aus?" Die Frage stimmt alle nachdenklich. "Hitler und Stalin haben den Krieg entfesselt, die Menschen hatten nichts damit zu tun!", sagt Iwan Iwanowitsch und lässt die Brüder allein unter der Linde zurück.

Ukraine (DW/K. Kryzhanouskaya)

Das ukrainische Dorf im Osten der Ukraine

Ulrich und Immo nehmen als Andenken mehrere wilde Blumen mit. Vor ihrer Abreise nach Deutschland bekommen sie einen Anruf vom "Vorsitzenden" Anatolij. Der sagt, er habe inzwischen erfahren, dass nach dem Krieg mehrmals versucht worden sei, das Grab zu plündern. Jemand sei sogar wegen Plünderung bestraft worden. "Ich entschuldige mich für meine Dorfbewohner. Es war eine Zeit voller Armut. Sie konnten nichts dafür", sagt Anatolij.

Doch eigentlich gibt es nichts, wofür er sich entschuldigen müsste. Immo und Ulrich Gleiß können immer noch nicht glauben, dass sie als Söhne eines Wehrmachtoffiziers so viel Unterstützung und Wärme erfuhren. Die Brüder haben keinen Zweifel, dass sie in die Ukraine zurückkehren werden.

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