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Sorge um Westantarktis

Irene Quaile13. Mai 2014

Der westantarktische Eisschild schmilzt schneller als erwartet. Das belegen zwei neue Studien. Der Meeresspiegel könnte um bis zu vier Meter steigen - mit verheerenden Folgen für Küstenregionen.

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Antarktis Karte NASA
Bild: NASA's Goddard Space Flight Center

Der Eisschild der Westantarktis umfasst so viel Eis, dass eine Komplettschmelze den Meeresspiegel um drei bis vier Meter ansteigen lassen könnte. Da er auf einem Felsuntergrund sitzt, der unter dem Meeresspiegel liegt, gilt er als besonders anfällig für eine Erwärmung durch wärmeres Meereswasser.

Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass ein Kollaps der Eisdecke Tausende von Jahren dauern würde. Zwei neue Untersuchungen gehen jetzt von nur 200 bis 900 Jahren aus.

Der Kollaps hat bereits begonnen

Eine NASA-Studie, die im Fachmagazin "Geophysical Research Letters" veröffentlicht wurde, und eine zweite Studie von Wissenschaftlern der University of Washington kommen unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass Teile der Eisdecke bereits langsam zusammenfallen und in den nächsten Jahrhunderten den Meeresspiegel stark ansteigen lassen könnten. Beide Forscherteams, die unterschiedliche Teile der Eisdecke mit unterschiedlichen Methoden untersuchen, kommen zu dem Schluss, dass dieser Trend voraussichtlich nicht mehr gestoppt werden könne.

Pine-Gletscher
Auch den Pine-Gletscher haben die Forscher untersucht.

Die NASA-Studie benutzte Daten von Satelliten, Flugzeugen, Schiffen sowie Untersuchungen des Schelfeises, um sechs große Gletscher in der Amundsen-See über die letzten 20 Jahre unter die Lupe zu nehmen. Die zweite Studie, die in der Zeitschrift "Science" veröffentlicht wurde, nutzt Computermodelle, um den Thwaites Gletscher zu untersuchen. Ihm gilt besondere Aufmerksamkeit, weil er als eine Art Damm funktioniert, der den restlichen Eisschild zurückhält.

Schlechte Nachrichten für Küstenregionen

Der NASA-Studie nach befindet sich ein großer Teil der Eiskappe in der Westantarktis in einem "Stadium des unumkehrbaren Rückzugs". Eric Rignot von der University of California Irvine sagte Journalisten, der Meeresspiegel werde dadurch in den kommenden zwei Jahrhunderten um mindestens 1,2 Meter steigen. Die sechs großen Gletscher hätten einen Punkt erreicht, wo die Schmelze nicht mehr aufzuhalten sei.

Die Wissenschaftler von der University of Washington ermittelten anhand von detaillierten topographischen Karten, Computersimulationen sowie Radarmessungen, dass sich auch der Thwaites-Gletscher bereits in einer frühen Phase des Zusammenbruchs befinde. Er werde voraussichtlich bereits innerhalb einiger Jahrhunderte verschwinden. Das würde den Meeresspiegel um 60 Zentimeter steigen lassen.

Der Kollaps des Thwaites Gletschers hat schon begonnen
Der Kollaps des Thwaites Gletschers hat schon begonnenBild: picture-alliance/AP Photo/NASA

Die gute Nachricht, so Ian Joughlin, einer der Autoren: Auch im schnellsten Szenario brauche das Eis 200 Jahre bis zur Totalschmelze. Im besten Fall könne es auch über tausend Jahre dauern. Die schlechte Nachricht: Der Kollaps sei möglicherweise nicht mehr aufzuhalten.

Die Ausdünnung des Eises ist aller Wahrscheinlichkeit auf den Klimawandel zurück zu führen, sagt Joughlin. Weitere Erderwärmung werde zu einem schnelleren Kollaps führen. Es sei schwierig vorherzusagen, wie viel Zeit man durch unterschiedliche Maßnahmen gewinnen könnte.

Weltklimabericht bereits überholt

Der neueste Bericht des Weltklimarats (IPCC) berücksichtigt den Beitrag des westantarktischen Eisschildes zum globalen Meeresspiegelanstieg unzureichend, da bisher Daten fehlten. "Die Vorhersage wird nach oben korrigiert werden müssen", sagte Sridar Anandakrishnan von der Pennsylvania State University. Der Forscher war nicht an den neuen Untersuchungen beteiligt. "Die IPCC-Zahlen sind eher konservativ. Die aktuellen Zahlen berücksichtigen die Antarktis kaum", sagte er. Man werde wahrscheinlich von einem Anstieg von etwa 60 Zentimeter bis 2100 ausgehen müssen.

NASA-Geltscherforscher Rignot ist bestürzt über die Geschwindigkeit der Veränderungen. "Das System - und das gilt für Grönland oder die Antarktis - veränderst sich wesentlich schneller, als wir erwartet hatten. Das entdecken wir jeden Tag." Selbst drastisch Maßnahmen, um den Ausstoß an Treibhausgasen zu vermindern, würden den Kollaps nicht mehr vermeiden können. "Das System befindet sich in einer Art Kettenreaktion, die nicht mehr aufzuhalten ist."