Gletscher-Gigant schwindet dahin | Wissen & Umwelt | DW | 15.01.2014
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Gletscher-Gigant schwindet dahin

Ein riesiger Eisberg brach im letzten Jahr vom Pine-Island-Gletscher in der Antarktis ab. Nach einer Studie schmilzt der Gigant unaufhaltsam weiter - mit weitreichenden Auswirkungen.

Seit 15 Jahren beobachten Wissenschaftler, dass die Gletscher an der Antarktischen Halbinsel aus dem Gleichgewicht geraten: Einzelne Schelfeise brechen ab und Gletscherenden - die sogenannten Kalbungsfronten - ziehen sich weiter zurück. Die Gletscher schrumpfen und transportieren mehr Eis in den angrenzenden Ozean.

Einer von ihnen ist der Pine-Island-Gletscher, der als einer der größten seiner Art gilt. Er trägt am meisten zum Eisverlust in der Antarktis bei. Wissenschaftler um Gael Durand von der Universität Grenoble in Frankreich haben nun anhanddreier unterschiedlichen Modelleeine Prognose für die Zukunft des Gletschers erstellt. Alle zeigen den gleichen Trend:

"Der Gletscher wird sich in den kommenden Jahren weiter zurück ziehen - und zwar aus eigener Kraft", erklärte Glaziologe Durand im Interview mit der DW. "Das heißt, auch ohne weitere Beeinflussung durch den Ozean oder die Lufttemperatur. Es geht um eine interne Dynamik. Irgendwann werden weitere Eisberge abbrechen oder abschmelzen. Dann wird er noch mehr zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen."

Karte des Antarktis Pine-Island-Gletscher (Grafik: DW)

Von der Antarktis macht er nur einen kleinen Teil aus, dennoch ist der Pine-Island-Gletscher für einen großen Teil des antarktischen Eisverlustes verantwortlich

Auswirkungen auf den Meeresspiegel

Durand rechnet allein aufgrund dessen mit einem weiteren Anstieg von bis zu einem Zentimeter in den nächsten 20 Jahren. "Für einen einzigen Gletscher ist das schon kolossal", sagt Durand. Zum Vergleich: 2010 stieg der globale Meeresspiegel um 3,2 Millimeter - fast doppelt so viel wie in den 20 Jahren davor.

Den von der Studie erörterten Wert bezeichnete Angelika Humbert vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven im Gespräch mit der DW ebenfalls als "extrem hoch". Die Glaziologin, die selbst zum Pine-Island-Gletscher forscht, gibt allerdings zu bedenken, dass alle Modelle einen gewissen Abstraktionsgrad beinhalten. Allerdings werde der Gletscher in der Zukunft sicherlich zunehmend für den Meeresspiegelanstieg verantwortlich sein.

Es gibt kein Zurück

Die neue Studie bezeichnet Humbert als "einen deutlichen Vorstoß zu den vorherigen Forschungen". Mit Kollegen vom AWI und von der Universität Kaiserslautern hat sie im letzten Jahr das Abbrechen des Gletschers beobachtet. Bei diesem sogenannten Kalben hatte der einen großen Teil seiner schwimmenden Eismassen verloren. Das Forscherteam studiert die Prozesse, die zum Kalben führen, und die Dynamik des Gletschers.

Eine Luftaufnahme des antarktischen Pine-Island-Gletschers. Luftaufnahme (Angelika Humbert/AWI).

Während eines Flugs fotografierte die deutsche Glaziologin Angelika Humbert den Gletscher

"Der Pine-Island-Gletscher ist einer von denen, die auf einem Felsboden sitzen, der nach innen hin geneigt ist. Er hat einen Inlandeisteil und einen Teil, an dem er schwimmt." Humbert und ihr Team wollen wissen, was am Übergang zwischen dem inneren Eisteil, wo er auf dem Fels aufsitzt, und dort, wo er auf dem Ozean aufsitzt, passiert. Um das zu verstehen, versuchen die Wissenschaftler die Mechanik des Gletschers und des Fließens anhand von Modellen abzubilden.

Die neue Studie zeigt außerdem, dass der Gletscher inzwischen mit einer Geschwindigkeit fließe, die kein Zurück mehr zulasse, sagt Gael Durand. Er schwinde besonders stark, weil die frei schwimmende Eismasse des Schelfeises von einer wärmeren Meeresströmung auch von unten umspült wird. Deshalb nehme die Rückhaltekraft auf den Gletscher ab. Der beschleunige sich so und transportiere mehr Eis in den Ozean.

Selbst wenn Luft und Ozean wieder auf Temperaturen wie vor 100 Jahren abkühlen würden, würde sich der Gletscher nicht erholen. Und der Trend gehe sowieso nicht in diese Richtung, sagt Durand. Diese Unumkehrbarkeit sei allerdings relativ schwierig zu bewerten nach Meinung der deutsche Glaziologin Humbert.

Ihrer Einschätzung nach wird die Wissenschaft weitere fünf bis zehn Jahre brauchen, um die Modelle, die sehr viel Rechnerkapazität brauchen, so weit zu entwickeln, dass man ganz sichere Prognosen machen kann. Es sei auch für die Wissenschaft eine große Herausforderung, Basisdaten für die Modelle zu bekommen. Messungen an der Unterseite der Gletscher seien zum Beispiel sehr aufwändig, sagt Humbert.

Allerdings liefere die neue Studie wertvolle Ergebnisse, die auch auf ähnliche Gletscher in der Region zutreffen könnten.

Kipppunkt ist mittlerweile überschritten

Gael Durand sieht in den neusten Ergebnissen eine wichtige Erkenntnis für die weltweite Klimaforschung: "Dieser Gletscher ist an einen Punkt angekommen, wo es kein Zurück mehr gibt. Das heißt mit unserem Verhalten verändern wir das Klima. Es wird sich weiter verändern. Meiner Meinung nach ist dies eine der ersten Instanzen, in der wir einen Kipppunkt überschritten haben."

Durand vergleicht die Situation mit einem Fahrradfahrer auf einer Bergkuppe, der nach einem starken Schub immer weiter nach unten fährt und nicht mehr abbremsen kann.

"Wir haben Grund zu befürchten, dass der Rückgang weitergeht, dass andere Gletscher in der Region sich ähnlich verhalten und dass dieser Teil des Eisschelfs irgendwann zusammenfällt." Das wäre zwar eine Sache von Jahrhunderten, es würde aber den Meeresspiegel um einige Meter anheben.

Der letzte Bericht des Weltklimarats warnte bereits vor den Auswirkungen einer möglichen Destabilisierung der Gletscher in der westlichen Antarktis. "Dass dies beim Pine-Island-Gletscher eingetreten ist, haben wir nun nachgewiesen", sagt Durand.

WWW-Links