Asthma, Tradition und lange Winter | Sport | DW | 21.02.2018
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Olympische Winterspiele

Asthma, Tradition und lange Winter

Norwegen hat den Medaillenspiegel der Winterspiele in Pyeongchang auf Platz eins beendet. Eine wahre Medaillenflut vor allem im Langlauf brachte den Skandinaviern den Spitzenplatz. Was macht das kleine Land so stark?

Johannes Hoesflot Klaebo konnte es schon 20 Meter vor dem Zielstrich locker auslaufen lassen. Zu groß war sein Vorsprung im Finale des Olympischen Teamsprints der Skilangläufer vor den Russen und den Franzosen. Zusammen mit seinem norwegischen Landsmann Martin Johnsrud Sundby war Klaebo, der junge Strahlemann, als Favorit in dieser Disziplin an den Start gegangen, knapp 16 Minuten später durfte er sich schon zum dritten Mal bei den Spielen von Pyeongchang als Olympiasieger feiern lassen. "Ich war nervös heute, am Ende war ich müde", sagte Klaebo nach dem Rennen gegenüber Dagbladet.no. Auch das noch. Die gesamte Weltelite geschlagen von einem müden Norweger. Immerhin schob er nach, wie zur Entschuldigung: "Aber die anderen waren auch platt am Schluss."

Insgesamt kommen die norwegischen Sportler bei diesen Spielen schon auf 32 Medaillen, davon zwölf goldene. Der Sieg in der Nationenwertung ist in greifbarer Nähe. Vor allem in den nordischen Disziplinen Skilanglauf und Skispringen sind die Skandinavier eine Macht - ein Land mit gerade mal 5,3 Millionen Einwohnern. Im Medaillenspiegel kann nur Deutschland folgen mit seinen gut 80 Millionen Menschen, die Sport-Großmächte China, USA und die dezimierten Russen haben keine Chance, auch Frankreich, Kanada und Italien laufen, springen und tanzen hinterher. "Wir sind in einer sehr glücklichen Situation. Vieles läuft einfach gut", sagt Tore Övrebö. Aber Glück muss man zwingen, das weiß auch der Chef de Mission der Norweger.

Pyeongchang Winter Olympia 2018 - Skispringen (picture-alliance/dpa/dpa-Zentralbild/H. Schmidt)

Dominanz im Skispringen: Norwegen gewinnt überlegen den Teamwettbewerb

Da kommen Meldungen über 6000 Einzelpackungen an Asthma-Medikamenten, die das Team angeblich für 121 Teammitglieder im Gepäck hatte, zur Unzeit. Der norwegische Staatssender NRK berichtet, dass sich darunter auch das Sympathominetikum Salbutamol befinden soll, das bei hoher Dosierung zu Doping-Zwecken missbraucht werden kann, wohl aber in geringen Dosen zu therapeutischen Zwecken erlaubt ist. Bei der nordischen Ski-WM 2017 hatte die Teamleitung ihren Sportlern die Einnahme dieses Mittels noch prophylaktisch empfohlen. Es weitet die Bronchien, erhöht dadurch die maximale Sauerstoffaufnahmekapazität des Blutes und hat zusätzliche anabole Nebenwirkungen. Allerdings, die norwegischen Erfolge nur auf pharmazeutische Unterstützung zu schieben, wäre zu einfach und wahrscheinlich auch ungerecht. Schließlich: Belastbare Zahlen über die Medikamentenvorräte der anderen Nationen, auch die der Deutschen, haben wir nicht.

Wenig Reisezeit

Wintersport, vor allem der nordische, ist in Norwegen ganz einfach Volkssport. Das liegt vor allem an der geographischen Lage. "Die Norweger können sich in ihren Traditionssportarten wie Skilanglauf oder Skispringen auf perfekte Witterungsbedingungen stützen - mehr Schneezeit, Schnee in den Städten, so dass viel Reisezeit eingespart werden kann", erklärt Dirk Schimmelpfennig, der deutsche Chef de Mission. "Zum anderen ist der Stellenwert des Skisports in Norwegen mit dem Fußball in Deutschland vergleichbar."

So ließ es sich Norwegens Kronprinz Haakon nicht nehmen, seine Sportler persönlich vor Ort in Südkorea zu unterstützen. Und der Thronfolger gibt sich volks- und vor allem sportnah. Auf Fotos mit den Alpinen Kjetil Jansrud und Axel Lund Svindal posierte er in roter Skikleidung. Und mit dem Langläufer Pal Golberg lieferte sich der Kronprinz später noch einen Wettkampf auf einem Fitnessgerät. "Der Sport", schreibt die Zeitung Verdens Gang (VG), halte die übers Land verstreute Bevölkerung "wie Leim" zusammen.

Wie Fußball in Deutschland

Pyeongchang 2018 - Ski alpin mit Kronprinz Haakon aus Norwegen (picture alliance/AP/C. Ena)

Kronprinz unter Wintersportlern: Haakon (M.) mit Olympiasieger Aksel Lund Svindal und Silber-Gewinner Kjetil Jansrud

Dieser Erfolg, die Tradition, die hohe Wahrnehmung und Wertschätzung sorgen natürlich für Nachahmereffekte und damit für einen scheinbar unerschöpflichen Fundus an Talenten. Während sich in Deutschland die Masse der Sechsjährigen im Fußballverein anmelden, gehen sie in Norwegen zum Skilanglauf. Wie man in Kanada eben Eishockeyspieler wird, in Indien Cricketspieler oder in den Niederlanden Eisschnellläufer. Einzig der Frauenhandball und -fußball scheint eine Alternative zum Wintersport im nordeuropäischen Flächenstaat.

Norwegen, und hier besonders die Telemark-Region, gilt als die Wiege des nordischen Skisports. Jede Kleinstadt hat eine beleuchtete Langlauf-Loipe. Die Olympischen Winterspiele von Lillehammer 1994 sorgten für eine weitere Verbesserung der wintersportlichen Infrastruktur. Dazu sind die norwegischen Alpin-Zentren noch weitgehend unberührt vom Klimawandel, Schnee liegt zu Genüge. Trotzdem wollen sich die ebenfalls erfolgsverwöhnten Deutschen mit solchen Erklärungen allein nicht abfinden. Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), hat schon in Pyeongchang angekündigt, dass er die norwegischen Strukturen "gemeinsam mit unseren Spitzenverbänden nach dieser Saison nochmal genauer ansehen" will.

Dass die 15.000 Eier, die die Norweger ebenfalls nach Südkorea geliefert bekamen, eine Rolle für den Medaillenregen gespielt haben, ist ein Gerücht. Da lag wohl ein Irrtum vor. Bestellt hatten sie nur 1500.

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