Armut und Corona – die Not wird noch größer | Deutschland | DW | 06.04.2020
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Pandemie

Armut und Corona – die Not wird noch größer

Wenig Platz, wenig Hilfe, wenige günstige Lebensmittel: Besonders die armen Menschen sind von der Corona-Krise schwer getroffen. Doch es gibt auch Unterstützung. Ein Besuch in Berlin-Hellersdorf.

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Corona und Armut in Deutschland

"So, jetzt alle raus. Achtung, da kommt ein Auto!” Nicole Becker manövriert sich und ihre Kinder durch die enge Eingangstür ihres Wohnblocks. An der linken und rechten Hand hält sie die beiden Jüngsten fest, drei weitere schwirren um sie herum, sichtlich erleichtert, endlich aus der kleinen Wohnung im dritten Stock herauszukommen. Seitdem Schulen und Kitas in Deutschland wegen der Corona-Krise geschlossen wurden, verlässt die Familie die 70-Quadratmeter-Wohnung nur noch für kurze Spaziergänge.

"Es ist ziemlich eng. Eine Vier-Zimmer-Wohnung mit fünf Kindern. Das ist anstrengend, und es ist auch sehr laut. Bei so vielen Kindern ist das ja klar. Die toben viel, die streiten sich auch viel." Während Nicole Becker ihre Situation schildert, dreht sich die 32-Jährige immer wieder zu ihren Kindern um. "Lass das mal, Pascal.". Ihr Größter hat gerade angefangen, mit einem Ast auf einen Baum einzuhämmern.

Armut und Corona in Deutschland Berlin

Nicole Becker ist von der Corona-Krise besonders betroffen

Nicole Becker ist seit der Geburt ihres ersten Kindes vor zwölf Jahren arbeitslos. Vor einem Jahr trennte sich ihr Mann von ihr. Er zahlt seitdem keinen Unterhalt. Die finanzielle Situation ist schwierig, doch jetzt mit der Corona-Krise sei es noch kritischer. "Früher haben alle fünf umsonst Mittagessen bekommen, in ihrer Nachmittagsbetreuung. Jetzt muss ich eine Mahlzeit pro Tag mehr auf den Tisch stellen", erklärt die Mutter. Doch besonders günstige Lebensmittel seien jetzt in Zeiten von Hamsterkäufen oft schwer zu bekommen. Circa 500 Euro gebe sie deshalb mehr im Supermarkt aus. Viel Geld, wenn insgesamt nur 1800 Euro zur Verfügung stehen. Bald müsse sie an ihre Reserven gehen, fügt sie hinzu und blickt zu Boden.

Zwei Millionen Kinder in Hartz-IV-Haushalten

Ähnlich wie Nicole Becker geht es hunderttausenden Familien in Deutschland. Fast zwei Millionen Kinder leben in einem Hartz-IV-Haushalt. Die aktuelle Krise trifft sie besonders hart, erklärt Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband: "Im Moment fällt die Schulspeisung komplett aus. Das ist für arme Familien eine wichtige Sache gewesen." 

Armut und Corona in Deutschland Berlin

Plattenbau: Hier wohnen Nicole Becker und ihre Familie

Sein Verband fordert deshalb einen Zuschlag von 100 Euro pro Monat auf den Hartz-IV-Regelsatz und eine Einmalzahlung von 200 Euro. Damit steht er nicht allein. Für eine Aufstockung hatten sich zuletzt auch die Bundesabgeordneten Pascal Kober (FDP) und Katja Kipping (Linkspartei) stark gemacht. Denn nicht nur diese kostenlosen Mahlzeiten seien für unbestimmte Zeit ausgesetzt, auch die Essensversorgung durch die gemeinnützigen Tafeln sei in weiten Teilen Deutschland nicht mehr vorhanden. "Von 900 Tafeln in Deutschland hat die Hälfte bereits ihre Arbeit eingestellt. Das schlägt ins Budget", fügt Ulrich Schneider hinzu. 

Armut und Corona in Deutschland Berlin Ulrich Schneider

Sozialfunktionär Ulrich Schneider

Auch andere gemeinnützige Organisation wie die "Arche" mussten ihre Türen schließen. Das Jugendhilfswerk bietet in mehreren deutschen Städten Kinderbetreuung, Lernhilfen und kostenlose Mahlzeiten an. Zu den rund 400 betreuten Kindern in Berlin-Hellersdorf gehören auch die von Nicole Becker. Doch trotz Corona will der Gründer der "Arche", dass die Hilfen weitergehen. "Wenn die Leute nicht mehr zu uns kommen können, dann gehen wir eben zu ihnen", sagt Bernd Siggelkow, während er eine schwere Kiste mit Lebensmitteln aus einem Transporter hebt. Bis zu 40 Familien pro Tag versorgen er und sein Team mit Lebensmitteln, seit ihre Einrichtung schließen musste. 1300 Familien sind es in ganz Deutschland.

Häusliche Gewalt – das Risiko steigt

Doch der gelernte Pastor und sein Team verteilen nicht nur Essen, sie haben auch Spielzeug dabei. Gegen Langeweile und Lagerkoller, denn das Risiko häuslicher Gewalt sei gerade besonders hoch: "Viele der Familien sind mit ihren Kindern auf engstem Raum eingepfercht. Dann will der eine nicht, was der andere will, es kommt zum Streit, und dann rutscht die Hand aus.” Um das zu verhindern, kommen sie bis zu zwei Mal die Woche an die Tür von Familien, hören zu, wollen Hoffnung spenden. Außerdem organisieren sie Online-Lernhilfen, um das "Home-Schooling" für die Eltern zu erleichtern.

Sozialprojekt Arche in Coronazeiten Deutschland

Noch kann Arche-Gründer Bernd Siggelkow Lebensmittel verteilen

Heute stehen sie vor Nicole Beckers Tür. Neben 20 Kilo Lebensmitteln nimmt Tochter Alina freudig eine Puppe und ein Pupskissen entgegen. Lachend drückt sie darauf herum, bis sie ihm die entsprechenden Geräusche entlocken kann. Nicole Becker muss die Kinder zurückhalten, dass sie ihre gewohnten Betreuer nicht in den Arm nehmen. Das ist zurzeit mit einem Mindestabstand von zwei Metern nicht erlaubt. Trotzdem ist die Mutter sichtlich erleichtert über die Unterstützung. "Nur mit der Arche schaffe ich es gerade, mich und meine Familie zu ernähren." Die Tür der Wohnung schließt sich, doch von drinnen hört man noch lautes Kinderlachen. Der Spaß mit dem Pupskissen geht weiter.

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