″Archiv der Flucht″: Gedächtnis der Migrationsgesellschaft | Kultur | DW | 30.09.2021
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Gedächtnisort im Netz

"Archiv der Flucht": Gedächtnis der Migrationsgesellschaft

Ein neues Oral-History-Projekt lässt Menschen aus 28 Ländern zu Wort kommen, die nach Deutschland fliehen mussten. Was sie erlebt haben, ist aufwühlend.

Ein gelber Stuhl steht in einem leeren, dunklem Raum und wird beleuchtet.

Kollektives Gedächtnis: 42 Filminterviews wurden für das "Archiv der Flucht" geführt

"In Kurdistan gibt es einen Berg, der heißt Totenberg. Derjenige, der keine Ehre hat, zum Beispiel ein schwuler Mann oder eine Frau, die ihren Mann betrügt, wird dahin gebracht, um getötet zu werden." Familienmitglieder wie Vater oder Bruder schreckten vor so einer Tat nicht zurück, erklärt Bashar Tahar aus dem Irak. Der Kurde ist einer von 42 Geflüchteten, die ihre Lebensgeschichte in mehrstündigen Interviews auf der digitalen Plattform "Archiv der Flucht" erzählen. Oral History nennt man die zugrunde liegende Methode, die hilft, durch Befragung von Zeitzeugen etwas über die Geschichte aus biographischer Perspektive zu erfahren. Sichtweisen, die in Geschichtsbüchern eher selten einen Platz finden. Als berühmtestes Beispiel für diese mündliche Überlieferung der Oral History gilt das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, das die mündlichen Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden archiviert. Dieses besondere Gedächtnis stand Pate bei der Entwicklung eines Archivs der Flucht.

Oral History als Methode der Zeitzeugenbefragung

"Wir haben uns für das Oral History-Projekt entschieden, weil Flucht in unserer Gesellschaft in hohem Maße stigmatisiert ist. Wir halten es für wichtig, den Menschen im Detail zuzuhören, ihre Kontexte zu hören, um zu verstehen, welche unterschiedlichen Motive und Situationen sie dazu bewegt haben, ihr Land zu verlassen", sagt die Migrationswissenschaftlerin Manuela Bojadžijev, die gemeinsam mit der Publizistin Carolin Emcke und dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin diesen digitalen Gedächtnisort ins Leben gerufen hat.

Ahmad Hussainy vor einer grauen Wand, die Arme verschränkt.

Ahmad Hussainy flüchtete 2015 aus dem Irak

In den Filminterviews erzählen Menschen - 19 Frauen und 23 Männer, von denen sich vier der LGBTQ-Community zuordnen - wie sie aus 28 Herkunftsländern in die Bundesrepublik oder die DDR eingewandert sind. Sie flüchteten aus Asien oder Afrika genauso wie aus Südamerika, dem Mittleren oder Nahen Osten. "Das Archiv ist nicht repräsentativ. Aber es bildet die zentralen Fluchtherkunftsländer und Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute ab", so Bojadžijev im DW-Interview.

Videointerviews halten Gestik und Mimik fest

Bashar Tahar will anfangs sein Alter nicht verraten. Er ist vermutlich noch keine 30 Jahre alt und hat schon viel hinter sich. Beinahe zweieinhalb Stunden redet Bashar Tahar. Dabei zeichnet die Kamera jede Regung seines Gesichts auf. Erstaunlich gefasst erzählt der Kurde, wie ihn seine Zugehörigkeit zur LGBTQ-Community im Irak in Lebensgefahr gebracht hat. 2017 brachten ihn Schmuggler zusammengepfercht mit 25 Familien in einem Transporter über die türkisch-griechische Grenze, hunderte Kilometer ging er zu Fuß. Ein langer, lebensgefährlicher Weg nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin.

Nadja Salzmann steht vor einer grauen Wand

Nadja Salzmann kam als jüdischer Kontingentflüchtling von Russland nach Deutschland

Die persönlichen Erinnerungen, die gesprochene Sprache, machen aus dem "Archiv der Flucht" mehr als nur einen Speicher von Informationen. Auch Alltägliches bekommt einen Platz: Was nimmt man mit, wenn man alles hinter sich lassen muss? Wie verabschiedet man sich von seiner Familie, seinen Freunden - oder auch von seinem Hund? Auf eindrucksvolle Weise wird deutlich, dass Bashar Tahar nicht geflüchtet ist, sondern vertrieben wurde.

Beitrag zur deutschen Geschichte

Der Fluchtbegriff - so heißt es auf der Website - umschließe nicht nur Menschen, die ihre Herkunftsländer zwangsweise verlassen mussten, sondern auch Menschen, die sich bereits durch ein Stipendium oder eine Arbeitsstelle in Deutschland aufhielten und durch eine veränderte politische Situation nicht mehr in ihr Land zurückkehren konnten. Angesprochen werden sollen Menschen, die nicht nur selber eine Flucht oder Migrationsgeschichte haben, sondern auch Bildungsinstitutionen oder Historikerinnen und Historiker, denn das Archiv leiste "einen Beitrag zur Geschichte Deutschlands".

So sei zu erfahren, wie sich etwa historische Ereignisse - Fall der Mauer, Veränderung des Asylgesetzes 1993 - konkret auf das Leben von Geflüchteten in der deutschen Gesellschaft ausgewirkt habe. Flucht erscheint wie ein schier ewiger Transitraum, der nach der Ankunft in Deutschland noch andauert.

Gemeinsame Erfahrungen von Diskriminierung, Gewalt, Rassismus

"Es gibt eine gewisse Erfahrung der Stigmatisierung in Deutschland, von der alle berichten", sagt Bojadžijev. Manchen Geflüchteten gelänge es, damit humorvoll umzugehen, doch für die meisten sei die Situation mit traurigen Erfahrungen wie Diskriminierung, Rassismus oder auch Gewalt verbunden.

Khesrau Behroz steht vor einer grauen Wand.

Khesrau Behroz flüchtete 1989 aus Afghanistan

"Gewalterfahrungen auf der Flucht sind mir stark in Erinnerung geblieben, aber auch die Herkunftsgeschichte. Ich kenne mich natürlich nicht mit allen Verwerfungen der Welt in den letzten Jahrzehnten aus", erklärt Kuratorin Bojadžijev. Daher seien viele der Geschichten neu für sie gewesen. "Und das ist das Schöne an diesem Archiv: Es bietet neben der Geschichte Deutschlands auch die Geschichte von Konflikten der Welt in den letzten Jahrzehnten."

Flucht und Migration, das beweist das Archiv, sind keine Ausnahmeerscheinungen, sie sind Teil von Deutschlands Geschichte. Wer die Gegenwart verstehen will, muss sich mit dieser Tatsache auseinandersetzen. Umso erfreulicher, dass dieses lehrreiche und zugleich emotionale Material jetzt im Internet allen Interessierten zu Verfügung steht. Im Haus der Kulturen der Welt wird es in einer Festivalwoche am 3. Oktober 2021 vorgestellt. Aber auch Goethe-Institute in Südosteuropa, also entlang jener Fluchtrouten, die besonders seit 2015 stark auf dem Weg vom Nahen Osten nach Europa genutzt werden, machen das "Archiv der Flucht" offen zugänglich.

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