″Apple Daily″ und die Hongkonger Demokratiebewegung | Asien | DW | 17.06.2021
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Pressefreiheit

"Apple Daily" und die Hongkonger Demokratiebewegung

Die Hongkonger Zeitung "Apple Daily" ist der KP-Führung schon immer sauer aufgestoßen. Mit dem Sicherheitsgesetz kann China nun "legal" gegen das Blatt vorgehen.

Hongkong | Festnahme von Apple Daily Mitarbeiter durch Sicherheitsgesetz

Sicherheitskräfte verlassen das Apple Daily-Gebäude nach Razzia und Festnahmen

Der jüngste Schlag der Hongkonger Sicherheitsbehörden gegen die Zeitung "Apple Daily" richte sich "nicht gegen die Arbeit von Medien oder Journalisten", so eine offizielle Verlautbarung. Der Berater des seit vergangenem August inhaftierten Zeitungsgründers Jimmy Lai, Mark Simon, sprach jedoch von einer "offensichtlichen Attacke" auf die Redaktion. Er sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Festnahmen richteten sich gegen die Redaktion und nicht gegen den kaufmännischen Bereich des Medienhauses.

Die Geschichte von "Apple Daily" und ihres Gründers Jimmy Lai war von Anfang an von Konfrontationen mit der Kommunistischen Partei Chinas (KP) geprägt. 1994 veröffentlichte Lai einen "Offenen Brief an den Hundesohn Li Peng" in seinem gerade gegründeten "Next Magazine". Das Schimpfwort verwandte er in dem Artikel ganze 28 Mal. Li war damals chinesischer Ministerpräsident. Lai warf ihm vor, die Studentenbewegung 1989 brutal unterdrückt und die Gewalt gegen Studenten gerechtfertigt zu haben. Damals hatte Lai, Inhaber einer Modemarke, 200.000 T-Shirts aus seiner Produktion in Hongkong an Sympathisanten mit der Demokratiebewegung des Festlands verteilt, mit dem Aufdruck: "Gebt die Macht ab! Wir sind wütend!"

Hongkong Tageszeitung Apple Daily nach der Verhaftung von Jimmy Lai Chee-ying

"Apple Daily" mit der Verhaftung von Jimmy Lai am 11.8.2020 als Aufmacher

Frischer Wind im Blätterwald

1995 folgte die Gründung der Tageszeitung namens "Ping Gwo" (Apfel), die in der in Hongkong geschriebenen traditionellen Schrift der chinesischen Sprache (Langzeichen) erscheint, bekannt wurde sie unter ihrem englischen Namen "Apple Daily". Lai lancierte sie mit einem Werbefilm, in dem er sich als unerschrockener Publizist zeigte, dem keine feindlichen Pfeile etwas anhaben können.

"Apple Daily" erschien zunächst in Schwarzweiß, aber schon bald in Farbe und mit entsprechendem Boulevard-Touch bei der Auswahl der Themen. Jimmy Lai investierte in erfahrene Medienmacher. So zahlte er zum Beispiel ein Jahresgehalt von rund einer Million HK-Dollar für einen leitenden Redakteur, der sich auf Pferderennen spezialisierte. 1998 gab es eine Online-Ausgabe der Zeitung, womit die angesehene, aber chinafreundlichere "Ming Pao" schon 1995 auf den Markt gegangen war.

Das Muster wiederholte sich, als Lai 2001 nach Taiwan expandierte. Zunächst mit einer lokalen Ausgabe des "Next Magazine", zwei Jahre später folgte die Taiwan-Ausgabe von "Apple Daily". 2012 wollte Lai sein Geschäft in Taiwan an eine Investorengruppe mit Verbindungen zum Festland verkaufen. Der Plan löste eine heftige Debatte über publizistische Vielfalt in Taiwan aus. Der Deal kam nicht zustande, Lai bekannte sich zum Standort Taiwan. Die Print-Ausgabe wurde dort allerdings im vergangenen Mai wegen finanzieller Schwierigkeiten des Mutterkonzerns eingestellt.

Hongkong Jimmy Lai Medienunternehmer

Verleger Jimmy Lai bei einem Interview im Juli 2020

Journalismus mit Position

Nach einer Umfrage der Hongkonger Chinese University von 2019 belegte "Apple Daily" den 3. Platz als "glaubwürdige Zeitung", hinter den beiden schon lange etablierten Titeln "South China Morning Post" (gegründet 1903) und "Ming Pao" (gegründet 1959). "Apple Daily" gilt dabei als einziges von Peking wirklich unabhängiges Massenmedium in Hongkong.

Das zeigte sich besonders deutlich bei verschiedenen Konflikten der Hongkonger Zivilgesellschaft mit der Zentralregierung in Peking. Am 1. Juli 2003 gingen 500.000 Menschen in Hongkong auf die Straße, um gegen die geplante Verabschiedung eines Sicherheitsgesetzes durch die Hongkonger Regierung zu protestieren. Am Morgen desselben Tages hatte "Apple Daily" auf der Titelseite aufgerufen: "Geht auf die Straße, wir sehen uns dort" und "Nein zu Tung Chee-hwa", dem damaligen Hongkonger Regierungschef. Als Beilage enthielt die Ausgabe Plakate mit prodemokratischen Losungen. 

Auch bei den sogenannten Regenschirm-Protesten von 2014 machte die Zeitung klar, das sich als aktives Sprachrohr der Bewegung verstand. Am Verlagsgebäude hing ein riesiges Transparent mit der Forderung "Ich will echte allgemeine Wahlen", eine der zentralen Forderungen der Regenschirm-Bewegung.

Fünf Jahre später, bei der Auseinandersetzung um das geplante neue Auslieferungsgesetz,  das die Auslieferung von Hongkonger Bürgern an das Festland erlaubt hätte und später von Regierungschefin Carrie Lam nach lang anhaltenden Protesten kassiert wurde, rief "Apple Daily" als einzige Zeitung ihre Leser zum Protest auf.

Hongkong Pro-Demokratie-Aktivist Avery Ng

Demokratie-Aktivisten wie Avery Ng werden zunehmend wegen "Anstiftung zu unerlaubter Versammlung" angeklagt und verurteilt. Auch Jimmy Lai ist darunter.

Angriffe auf mehreren Ebenen

Das Blatt war wiederholt Ziel von Cyber-Attacken, so dass die Webseite und die mobilen Anwendungen zeitweise nicht verfügbar waren, was die Verbreitung von Eilmeldungen beeinträchtigte. So mehrmals bei den Protesten von 2014 und 2019.

Schon 2007, zehn Jahre nach der Rückgabe Hongkongs an China, gab Herausgeber Lai zu, dass fast alle großen Firmen mit Geschäftsverbindungen zum Festland keine Anzeigen mehr in den Publikationen seiner Gruppe Next Media schalteten. Damit seien Einnahmen von 200 Millionen HK-Dollar pro Jahr weggefallen, über ein Viertel der gesamten Werbeeinnahmen des Verlags. Im März 2019 notierte Leung Chun-ying, Vorgänger von Carrie Lam als Hongkonger Regierungschef, auf seiner Facebook-Seite jeden Tag die Anzahl und Firmennamen der ganzseitigen Anzeigen in "Apple Daily". Wenn es keine solchen Anzeigen gab, schrieb Leung: "Heute keine Anzeige". Offensichtlich ein Versuch, um Druck auf die Werbekunden der "Apple Daily" auszuüben. 

Hongkong Apple Daily

Sitz von "Apple Daily" in Hongkong. Wie lange noch?

Datenklau und Drohungen

Während der Proteste gegen das Auslieferungsgesetz 2019 tauchten die persönlichen Daten von Beschäftigten der Zeitung auf unterschiedlichen Webseiten auf. Wurde ein gerichtliches Verbot erwirkt, ging die entsprechende Seite offline und die Daten erschienen auf einer anderen Seite. Chefredakteur Law Wai-kwong, einer der jetzt Verhafteten, sprach von "einer organisierten, zielgerichteten Kampagne zur Einschüchterung". Im August 2020 veröffentlichte eine Website namens "Apple Daily - das Gift" die persönlichen Daten von mehr als 170 aktuellen und ehemaligen Apple-Mitarbeitern, darunter Fotos, Namen auf Chinesisch und Englisch, Geburtsdatum und Telefonnummern. Einige Mitarbeiter berichten, sie hätten mehr als 100 Drohanrufe und sogar Morddrohungen erhalten.

Rund 60 der Betroffenen gaben an, ihre Fotos bei der Beantragung eines Reisedokuments für das Festland China eingereicht zu haben. Das gab Vermutungen Auftrieb, dass die Sicherheitsbehörden des Festlands in den Datenskandal verwickelt sein könnten.

Nach den jüngsten Festnahmen von leitenden Mitarbeitern sagte Hongkongs Sicherheitschef, die Entscheidung, ob "Apple Daily" weiterhin dort arbeiten und erscheinen wolle, liege bei der Zeitung.

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