Anonymität im Internet - sinnvoll oder gefährlich? | Politik & Gesellschaft | DW | 15.01.2020
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Klarnamenpflicht

Anonymität im Internet - sinnvoll oder gefährlich?

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble fordert, die Nennung von Klarnamen in sozialen Netzwerken verpflichtend zu machen. "Ein schlechter Witz", meint die Gegenseite. Was spricht dafür, was dagegen?

"Wer kennt ein gutes Hausmittel gegen eitrigen Hautausschlag?" Klick. Es dauert nur ein paar Sekunden und schon schwirrt die Frage von "Knuddelmaus_74" ungebremst durchs Internet. In Foren und sozialen Medien können Nutzer über jedes beliebige Thema plaudern, streiten und Erfahrungen austauschen. Viele benutzen dabei nicht ihre richtigen Namen, sondern wählen sogenannte Nicknames, also Spitznamen.

Doch nun kocht eine alte Debatte wieder hoch: Sorgt Anonymität im Internet für mehr Hass und Hetze? Schließlich bekommen Politiker und Journalisten immer wieder anonyme Drohbotschaften zugeschickt - wie zuletzt der Oldenburger Polizeichef Johann Kühme. Er kritisierte öffentlich Äußerungen von AfD-Spitzenpolitikern. Daraufhin landete eine Morddrohung in seinem elektronischen Postfach - Absender unbekannt.

Für Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ist die Sache klar. "Anonymität ist immer die Versuchung zur Hemmungslosigkeit", sagte Schäuble der "Bild am Sonntag".

Deutschland l Bundestag - Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble fordert eine Klarnamenpflicht im Netz

Der CDU-Politiker ist ein Befürworter der Klarnamenpflicht. Das bedeutet: Jeder Nutzer soll sich nur unter Angabe seines vollen Namens an Debatten im Internet beteiligen dürfen. Dadurch soll die Hemmschwelle, Hasskommentare abzuschicken, steigen. "Die Regeln und Werte, die in der analogen Welt gelten, müssen auch in der digitalen Welt gelten. Dazu passt Anonymität nicht", so Schäuble. Auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat sich inzwischen für eine Klarnamenpflicht in den sozialen Netzwerken ausgesprochen.

Hass und Häme nach Mordfall Lübcke

Zuletzt war das Thema im Juni nach dem Tod des hessischen Politikers Walter Lübcke aufgekommen. Nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten hatten etliche Nutzer aus dem rechtsextremen Milieu in sozialen Medien Freude und Häme über den Tod des Politikers geäußert. Damals hatte Annegret Kramp-Karrenbauer die Debatte um die Klarnamenpflicht im Netz angestoßen. "Ich möchte wissen, wer hinter solchen Kommentaren steckt", so die CDU-Chefin.

Deutschland Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (picture-alliance/dpa/S. Gollnow)

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht: Es gibt gute Gründe für Anonymität im Internet

Ob Nutzer tatsächlich mehr Hasskommentare schreiben, wenn sie im Netz anonym unterwegs sind, ist fraglich. 2016 veröffentlichte ein Forscherteam der Universität Zürich eine Studie, in der über 500.000 Online-Kommentare einer deutschen Petitionsplattform ausgewertet wurden. Das Ergebnis: Nutzer, die unter ihrem echten Namen auftraten, schrieben tatsächlich häufiger aggressive Kommentare als Nutzer mit einem Nickname.

Kritiker: Anonymität sichert Meinungsäußerung

"Klarnamenpflicht ist Mist", meint Social-Media-Experte Martin Fehrensen. Denn Anonymität sichere die freie Meinungsäußerung im Internet. "Im Alltag läuft auch niemand mit einem Namensschild durch die Gegend und bei Demonstrationen oder Bürgerversammlungen gilt ebenfalls das Recht auf Anonymität", sagte Fehrensen der DW.

Auch Politiker von CDU, Grünen und FDP sehen eine Pflicht zur Nennung des vollen Namens in sozialen Netzwerken kritisch. "Häufig gibt es gute Gründe, warum jemand anonym bleiben möchte, zum Beispiel um sich vor Diskriminierung oder Angriffen zu schützen. Dies gilt für Leserbriefe in Zeitungen genauso wie für Posts im Internet", sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) gegenüber der dpa. 

Klarnamen könnten Opfer gefährden

Die Grünen-Netzpolitikerin Tabea Rößner nannte eine Klarnamenpflicht "absoluten Irrsinn". "Da ohnehin bereits viele Menschen völlig unverfroren von ihren Profilen mit eindeutiger Namensnennung hetzen, steht zu befürchten, dass eine Klarnamenpflicht am Ende wohl eher denjenigen Betroffenen schadet, die dadurch vor Hetze geschützt werden sollen", sagte die Abgeordnete dem Handelsblatt.

Symbolbild | Hatespeech (imago-images/photothek/T. Trutschel)

Schadet eine Klarnamenpflicht eher denjenigen, die vor Hetze geschützt werden sollen?

"Die Klarnamenpflicht ist auch problematisch, weil Menschen, die Hass verbreiten, ihre Opfer potentiell leichter identifizieren können", so Martin Fehrensen. Neben der Angst vor Diskriminierung und Hass gibt es aber auch noch eine ganze Reihe anderer Gründe, weshalb Menschen im Internet lieber anonym bleiben. Es gibt zum Beispiel Paare, die sich Kinder wünschen und sich Tipps in Foren holen, oder Kranke, die in Online-Communities nach Hilfe suchen.

Dass der Klarnamen-Vorstoß diesmal ausgerechnet von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble kommt, hat für Fehrensen schon fast einen komischen Beigeschmack. "Schäuble galt lange als größter Gegner der Nutzung von Social Media im Bundestag", so Fehrensen. "Dass ausgerechnet jemand die Spielregeln ändern will, der sich in diesen digitalen Räumen überhaupt nicht bewegt und maximale Vorbehalte hat, ist ein schlechter Witz."

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