Anna Seghers: ″Das siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 06.10.2018
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Anna Seghers: "Das siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland"

Sieben Männer fliehen aus einem Konzentrationslager. Sechs werden gefangen und an Kreuzen aufgehängt. Ein Kreuz bleibt leer. Anna Seghers' Geschichte darüber, wie Solidarität in Zeiten des Terrors überlebt.

Dieser Roman handelt von Terror und Unterdrückung in Zeiten des Nationalsozialismus – und ist gleichzeitig ein Plädoyer für Menschlichkeit und Solidarität. Weltliteratur, spannend wie ein Krimi. Gleichzeitig ist "Das siebte Kreuz" aber auch eine einfühlsame und realistische Darstellung des Lebens in Nazi-Deutschland.

Anna Seghers, Jüdin und Kommunistin, lebte bereits seit Jahren im französischen Exil, als sie ihren "Roman aus Hitlerdeutschland" verfasste. Erscheinen musste das Buch in Mexiko, dorthin floh Anna Seghers, nachdem die Nationalsozialisten auch Frankreich besetzt hatten.

Die Normalität des Schreckens

"Als man das Lager Westhofen vor mehr als drei Jahren eröffnete, als man Baracken und Mauern baute, Stacheldrähte zog und Posten aufstellte, als dann die erste Kolonne von Häftlingen unter Gelächter und Fußtritten durchgezogen kam, als man nachts Schreie hörte und ein Gejohle und zwei-, dreimal Schüsse, da war es allen beklommen zumute. Man hatte sich bekreuzigt vor solcher Nachbarschaft."

Film Das siebte Kreuz nach Roman von Anna Seghers (Imago/United Archives)

Der aus Österreich emigrierte Regisseur Fred Zinnemann verfilmte Anna Seghers' Roman "Das siebte Kreuz" schon 1944 in den USA

Das fiktive Konzentrationslager Westhofen, in dem der Roman spielt, liegt am Rande eines Wohngebiets. Seghers hat es in ihrer vertrauten, pfälzischen Heimat angesiedelt und beschreibt, wie schnell dieser Ort mit seinen Gefangenen von den Anwohnern als "normal" wahrgenommen wurde. Man konnte ja doch nichts tun, so der Tenor.

Sieben politische Häftlinge sind aus diesem Konzentrationslager geflohen, damit beginnt "Das siebte Kreuz". Sechs von ihnen werden schnell wieder eingefangen und auf Geheiß des brutalen Lagerkommandanten Fahrenberg an eigens dafür aufgebauten Kreuzen aufgeknüpft – zur Abschreckung. Nur ein Kreuz bleibt leer. Georg Heisler, ein junger Kommunist, trifft auf seiner Odyssee immer wieder Freunde, Genossen, aber auch unbekannte Helfer, die ihn verstecken, unterstützen, und damit ihr Leben für ihn riskieren. Keine Widerstandskämpfer, sondern einfach Menschen mit Überzeugung. Wie sie trotzdem schwanken zwischen Unterstützung und Verrat, wie sich manche aus Angst verweigern und andere genau diese Angst überwinden, das alles wird bei Anna Seghers zu einem großen Panorama Deutschlands im Jahre 1937, zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs.

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"Das siebte Kreuz" von Anna Seghers

Ein Plädoyer für Solidarität

"Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar."

Mit diesem Zitat, ganz am Ende des Romans, lässt sich die Botschaft des Romans zusammenfassen. Es gibt etwas, gegen das die Nazis, gegen das alle totalitären Regime machtlos sind: Solidarität. Wenn Menschen zusammenhalten, füreinander einstehen und auch unter widrigsten Umständen und in größter Gefahr helfen, ist selbst das schlimmste Regime zu bezwingen.

Auf Anhieb ein Bestseller

Anna Seghers hatte Deutschland bereits 1933, kurz nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, verlassen müssen. Sie hat Berichte ehemaliger Häftlinge aus den Konzentrationslagern in Sachsenhausen und Dachau gelesen – und ihr fiktives Lager Westhofen in ihre Heimat verlegt. Dort hatte die Schriftstellerin anfangs noch die Reaktionen der einheimischen Bevölkerung auf die Anfänge des Nationalsozialismus erlebt  und wie die Menschen auf die Verhaftung von Freunden, Nachbarn und Kollegen reagierten.

Bereits 1939 war "Das siebte Kreuz" fertiggestellt. Aber der Roman konnte erst 1942 im mexikanischen Exil-Verlag El Libro Libre erscheinen, der kurz zuvor von deutschen Schriftstellern und Intellektuellen gegründet worden war. Zeitgleich kam das Buch in den USA in englischer Übersetzung heraus. Millionen von Lesern kannten die Geschichte von Georg Heisler und seiner Flucht aus dem Konzentrationslager, ehe sie 1946 endlich auch in Deutschland erschien, ein Jahr, bevor Anna Seghers aus dem Exil zurückkehrte.

Weltfriedenskonferenz in Paris 1949 | Anna Seghers & Georg Lukács (picture-alliance/dpa)

Anna Seghers mit dem ungarischen Delegierten Georg Lukács auf dem Weltfriedenskonferenz in Paris 1949

In der DDR wurde das Buch schnell zur Pflichtlektüre an den Schulen. In der Bundesrepublik hat es länger gedauert, bis "Das siebte Kreuz" als ein Werk der Weltliteratur erkannt wurde. Und als ein Denkmal für all diejenigen, die aufbegehrten und zusammenhielten in Zeiten von Unterdrückung und Terror.

 

Anna Seghers: "Das siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland" (1942), El Libro Libre/Mexiko, in Deutschland (1946), aktuell verlegt im Aufbau Verlag

Anna Seghers (1900-1983) war die bedeutendste Schriftstellerin ihrer Generation. Bereits mit 28 Jahren erschien ihre erste Erzählung. Fünf Jahre später, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, musste sie – als Jüdin und Kommunistin – Deutschland verlassen und ging ins mexikanische Exil. Ihre in dieser Zeit veröffentlichten Romane "Das siebte Kreuz" und "Transit" verschafften ihr Weltruhm. 1947 kehrte sie nach Deutschland zurück und lebte in Ost-Berlin. Von 1952 bis 1978 war Anna Seghers – hochdekoriert mit Preisen aus Ost und West – Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR.

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