Angstforscher: Durch den Gedanken an den Tod ist noch keiner gestorben | Europa | DW | 17.03.2020
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Coronavirus

Angstforscher: Durch den Gedanken an den Tod ist noch keiner gestorben

Die Corona-Krise stürzt die Welt in den Ausnahmezustand. Menschen auf der ganzen Welt schauen besorgt in die Zukunft. Angst sei ganz natürlich und Quarantäne-Maßnahmen eine Chance, findet Angstforscher Jürgen Hoyer.

DW: Durch die Coronavirus-Krise befinden wir uns plötzlich mitten in einer Gefahrenzone: Das öffentliche Leben wird eingeschränkt, Grenzen werden dicht gemacht, der Katastrophenfall wird ausgerufen und Millionen Kinder können nicht mehr zur Schule gehen. Wir erleben eine Krise, die bei vielen Europäern Angst und Panik schürt. Wie beschreibt ein Experte die Angst, die viele jetzt umtreibt?

Jürgen Hoyer: Angst ist dafür da, die Aufmerksamkeit des Menschen auf Gefahren zu richten. Es liegt also in der Natur der Sache, dass Menschen derzeit Angst haben. Es ist vollkommen natürlich, dass jemand Angst hat, wenn er zur Risiko-Gruppe des Coronavirus' gehört. Hinzu kommt ein diffuses Bedrohungsgefühl, weil wir nicht genau wissen, wie es weiter gehen wird. Das ist eine Urangst des Menschen - die Angst vor dem Unbekannten. Wir wissen nicht, wie lange das alles dauern wird, welche Konsequenzen die Krise mit sich bringt. Es ist dieses unbehagliche Gefühl, dass wir als einzelner Mensch keine Kontrolle haben. Das ist der Zustand, der am meisten Angst auslöst.

Angstforscher Prof. Dr. Jürgen Hoyer

Angstforscher Prof. Dr. Jürgen Hoyer

Wie geht man am besten mit Angst um? Gibt es da ein Wundermittel?

Es gibt keinen Trick, um diese Emotion wegzuzaubern, denn dann würde man die Realität verleugnen. Wer jetzt Angst hat, ist einfach nur ehrlich. Es ist der beste Umgang zu sagen: Die Angst ist da, mir ist schummerig zu Mute - aber was ist schon dabei? Denn Angst hat den gleichen Verlauf wie andere Emotionen: Die kommen und sie gehen. Es wird in den nächsten Wochen kein Tag vergehen, an dem man sich nicht darüber Sorgen macht, wie es mit und nach Corona aussieht. Die Konsequenzen sind ungewiss - es wird nicht mehr wie früher sein. Natürlich macht man sich in so einer Situation Sorgen.

Aber irgendwann wird sich die Aufmerksamkeit wieder ganz automatisch auf andere Dinge verlagern. Schließlich geht die Welt nicht unter. Die Natur ist noch da; auch das Haus und das Auto. Es ist absolut eine Gefährdung da - diese gefährdet aber nicht das große Ganze, sondern bestimmte Aspekte des Lebens.

Täglich kommt es zu Todesfällen durch die Lungenerkrankung, die das Coronavirus verursacht. Der Gedanke an den Tod spielt in diesen Zeiten eine größere Rolle. Ein schwieriges Gesprächsthema, oder?

Menschen, die einer Risikogruppe angehören, müssen aufpassen, dass sie sich nicht anstecken. Menschen höheren Alters haben - aufgrund der verschlechterten Funktion von Immunsystem und Organen - ein viel höheres Risiko zu sterben. Das möchten Angehörige nicht erleben und darüber kann man getrost sprechen. Das Thema Tod wird immer gerne umkurvt und wie ein Tabu gehandhabt. Aber das ist nicht richtig: Durch den Gedanken an den Tod ist noch keiner gestorben.

Viele Menschen arbeiten jetzt von zuhause aus und haben ihre sozialen Kontakte reduziert, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Was würden Sie empfehlen, damit soziale Distanz und Quarantäne nicht zerstörerisch wirken?

Das ist eine Chance, zu improvisieren und kreativ zu sein. Man sollte reflektieren, was wirklich als sinnvolle Tätigkeit erachtet wird. Es bietet sich an, sich körperlich zu ertüchtigen. Man kann in der Quarantäne auch Sport machen. Wer es liebt zu lesen und Dinge zu studieren, der kann das auch in der Quarantäne tun. Das Internet ist weiter zugänglich, das Smartphone steht weiter zur Verfügung. Man kann weiterhin mit Menschen in Kontakt treten. Es gibt unzählige Tätigkeiten außerhalb von Serien gucken und vorm Fernseher zu hocken. Dinge, die man in letzter Zeit liegen gelassen hat, kann man nachholen. Die Quarantäne wäre zum Beispiel eine super Zeit, um die Steuererklärung zu machen.

Kann eine Pandemie wie die Corona-Seuche psychische Probleme bewirken?

Kurzfristige Angst ist für den Körper gesundheitsneutral. Aber die verminderten Betätigungsmöglichkeiten im Alltag sind schädlich für Menschen, die einen Hang zur Depressionen, zu Traurigkeit, Rückzug, Niedergeschlagenheit und Interessenverlust haben. Für diese Menschen ist das nicht gut. Und da gilt, was ich vorhin gesagt habe: Möglichst aktiv sein. Es gibt auch in den eigenen vier Wänden sinnvolle Tätigkeiten. Das schönste im Leben ist doch ein gutes Gespräch - das kann ich jeder Zeit auch in der Quarantäne führen.

 

Das Interview führte Deger Akal.
 

Prof. Dr. Jürgen Hoyer ist Professor für Behaviorale Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden. Ein Hauptaugenmerk seiner Forschung liegt auf Angststörungen und Depression.

 

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