Kohleausstieg: Was bedeutet das Ende der Braunkohle für die Arbeiter und die Region? | Wissen & Umwelt | DW | 15.01.2019
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Energie

Kohleausstieg: Was bedeutet das Ende der Braunkohle für die Arbeiter und die Region?

In Berlin hat die Kohlekommission getagt, doch wie sieht es eigentlich bei denjenigen aus, die von der Braunkohle leben? Oder ihre Zukunft darauf bauen? Gero Rueter hat mit Betroffenen im Rheinischen Revier gesprochen.

"Die Stimmung ist für uns beängstigend", sagt die junge Industriemechanikerin Miriam Goebbels (oben im Bild). Vor zehn Jahren hat die 26-jährige ihre Ausbildung beim Energiekonzern RWE gemacht; jetzt repariert sie Braunkohlebagger und Förderanlagen.

"Was passiert in der Zukunft? Wie geht es weiter? Kann man sich etwas aufbauen, ein Häuschen leisten, eine Familie gründen? Diese Fragen stehen bei uns im Raum", erzählt sie der DW. Wut über den geplanten Kohleausstieg empfindet sie nicht. "Der Klimaschutz ist ja etwas Wichtiges", sagt sie.

Die Industriemechanikerin vertraut auf die sogenannte Kohlekommission, die Anfang Februar ihre Ergebnisse zum Kohleausstieg und Strukturwandel vorlegen will. "Ich denke, da sitzen sehr kompetente Menschen." Sie vertraut auch darauf, dass die betroffenen Arbeitnehmer in der Braunkohleindustrie bei einem vorzeitigen Ausstieg nicht vergessen werden und es einen gesunden Weg für alle Beteiligten gibt.

Mehr dazu: Braunkohleausstieg bis 2025 im Rheinischen Revier?

Einen ganz schnellen Ausstieg aus der Braunkohle werde es allerdings ihrer Meinung nach ohnehin nicht geben. Noch brauche man den Braunkohlestrom. Und dann müssten die Tagebaugruben noch gut hinterlassen werden. "Also erstmal dauert es noch, bis ich mir was suchen muss", sagt sie. Und sie sei flexibel genug, um später auch in einer anderen Branche zu arbeiten. "Dafür bilden wir uns weiter."

Doch sie kennt auch andere Meinungen von ihren Kollegen. "Es sind viele, die sehen das ganz anders, die malen sich wirklich Horrorszenarien aus, wie es weitergehen wird. Aber ich denke, zu viel Bauchweh bringt einem selber nicht viel."

Mehr dazu: Klima oder Kohle: Eskalation im Rheinischen Revier

Wieso wird nur auf Kohle geschaut, kritisieren Kohlevertreter

Die Welt muss schnellstmöglich aus den fossilen Energien aussteigen, damit die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad begrenzt werden kann, warnt der Weltklimarat.

Grundsätzlich stimmt dem auch Claus Kuhnke zu. Der 62-jährige Ingenieur arbeitete lange bei RWE, ist Direktor der Rheinischen Braunkohlenbergschule und einer der Geschäftsführer des Vereins der deutschen Braunkohleindustrie (DEBRIV). RWE ist einer der vier Energieriesen in Deutschland; rund die Hälfte der Braunkohle in Deutschland wird von RWE abgebaut.  

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Das Ende der Steinkohle: Als verlöre man ein Familienmitglied

Der geplante Kohleausstieg "ist eigentlich ständig präsent, egal ob in der Nachbarschaft, im beruflichen Umfeld. Das dominiert uns hier tatsächlich massiv", beschreibt Kuhnke die Situation gegenüber der DW.

An der Rheinischen Braunkohlenbergschule werden jedes Jahr noch insgesamt rund 40 Ingenieure und Techniker pro Jahr für ganz Deutschland ausgebildet.

Dem Lobbyisten fällt es schwer, sich einen schnellen Braunkohleausstieg vorzustellen.

Er ärgert sich darüber, dass andere Länder den CO2-Aussstoß sogar noch erhöhen wollen und dass in Deutschland in anderen Bereichen beim Klimaschutz nichts passiert.

"Ich frage mich, warum nicht radikale Maßnahmen in den anderen Sektoren eingeleitet werden. Wir könnten über Geschwindigkeitsbeschränkungen im Straßenverkehr nachdenken - auf Landstraßen 60, auf Autobahnen 80 - und würden ebenfalls enorme Mengen Sprit sparen. Aber bei den radikalen Schritten zeigt man lediglich auf die Kohle", kritisiert er.

Zwei Arbeiter stehen im Braunkohletagebau Hambach vor einem Schaufelradbagger (Foto: picture-alliance/dpa/F. Gambarin)

Die Kohlekommission entscheidet, ab wann Schluss ist mit der Braunkohle-Förderung

Kuhnke und Mitgeschäftsführer Uwe Maaßen plädieren für einen CO2-Preis als zentrales Instrument für den Klimaschutz. "CO2 braucht einen Preis, der zumindest auf Ebene der G-20-Länder einheitlich sein muss", sagt Volkswirt Maaßen.

Über die Kosten, die durch das CO2 aus der Kohlekraft entstehen, wollen die Verbandsvertreter lieber nicht sprechen und weisen die aktuellen Daten vom Umweltbundesamt als "Unfug" zurück.

Laut Berechnungen des Umweltbundesamtes verursachen die Braunkohlekraftwerke im Rheinland Umweltschäden von über 100 Millionen Euro pro Tag.

Kohleausstieg als Chance?

"Wir stehen alle gemeinsam in der Verantwortung für unsere nachfolgenden Generationen", sagt Bürgermeister Georg Gelhausen (CDU) von der Gemeinde Merzenich am Tagebau Hambach.  

Mit RWE habe die kleine Gemeinde über Jahrzehnte gut zusammengearbeitet. Rund hundert Familien lebten direkt vom Tagebau. Jetzt gehe es um einen schnelleren Ausstieg. 

Der Landrat vom Rhein-Erft-Kreis, Michael Kreuzberg (CDU), sitzt in der von Bundeskanzlerin Angela Merkel einberufenen Kohlekommission. Er will mit Hilfe von Bund und EU das Revier zu einer Modellregion umgestalten und spricht von "Europas größter Transformation."  Dabei soll verstärkt auf erneuerbare Energien gesetzt werden.

"Ich bin optimistisch. Wir sind bereit, das Blatt jetzt zu wenden", sagt Antje Grothus, die für die vom Tagebau betroffenen Bürger in der Kohlekommission sitzt. "Wie das gelingen kann, haben wir beim Steinkohleausstieg gesehen", sagt Grothus. Sie sagt, ihr sei wichtig, dass der soziale Friede in der Region "wieder hergestellt wird und wir uns mit Würde von der Braunkohle verabschieden können."

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