Andrea Nahles: Die glücklose Kämpferin | Deutschland | DW | 03.11.2018
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SPD in der Krise

Andrea Nahles: Die glücklose Kämpferin

Mit 18 gründete sie einen SPD-Ortsverein, sie ließ Parteivorsitzende stürzen und sang im Bundestag. Andrea Nahles hat Mut und kann überraschen. Aber als SPD-Chefin fehlt ihr etwas. Ein Porträt von Sabine Kinkartz.

Es gibt Momente, da kann Andrea Nahles einem Leid tun. Nach der Landtagswahl in Bayern war das so. Da stand die SPD-Vorsitzende ganz alleine im Foyer des Willy-Brandt-Hauses und suchte nach Worten, um das Wahldebakel ihrer Partei zu erklären. Blass, frustriert und deutlich erschöpft wirkte sie. Nur noch ein Schatten der Kämpferin, die es als erste Frau in der Geschichte der SPD an die Spitze der Partei geschafft hat.

Ihr Pech: Als sie vor einem guten halben Jahr zur SPD-Chefin gewählt wurde, übernahm sie eine Partei, die sich bereits im freien Fall befand. Nahles ist die "Trümmerfrau", sie muss die Scherben aufheben. Von ihr wird erwartet, dass sie die SPD erneuert, einen frischen Kurs steuert und die Wähler wieder anspricht. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Umfragewerte sind im Keller und immer weniger Bürger wissen, wofür die SPD thematisch eigentlich noch steht.

Deutschland Nach der Landtagswahl in Bayern | SPD-Vorsitzende Andrea Nahles (picture-alliance/dpa/C. Koall)

Tief frustriert: Nahles am Tag nach der Bayern-Wahl

Bätschi, sage ich!

Das zurückliegende Jahr hat tiefe Spuren bei Andrea Nahles hinterlassen. "Die SPD wird gebraucht! Bätschi, sage ich dazu nur", so hatte Nahles den Delegierten auf dem SPD-Bundesparteitag im Dezember 2017 euphorisch zugerufen und für eine erneute Koalition mit der Union geworben "Und das wird ganz schön teuer. Bätschi, sage ich dazu nur."

Ihrer Partei versprach sie, einerseits für die Erneuerung der SPD zu sorgen und gleichzeitig in der großen Koalition mit der Union "gut zu regieren". Ein Spagat, der bis jetzt aber nicht funktioniert. Deshalb fordern viele in der SPD, aus der ungeliebten GroKo auszusteigen. Aber noch will Andrea Nahles nicht aufgeben.

Ein Blick zurück

Ende September 2017 war die politische Welt der SPD noch in Ordnung. Überraschend, denn schließlich hatte die Partei die Bundestagswahl krachend verloren. "Die SPD ist in die Opposition geschickt worden. Punkt!", sagte Nahles kämpferisch, ließ sich mit 90 Prozent Ja-Stimmen zur SPD-Fraktionsvorsitzenden wählen und sagte in Richtung CDU und CSU: "Ab morgen kriegen sie in die Fresse!" Dann lachte sie laut. Zwar entschuldigte sich Nahles später für ihre Wortwahl, aber eigentlich passte der Auftritt zu ihr: Impulsiv, vorlaut und burschikos. Und ja, manchmal auch ein bisschen peinlich.  

BdT Deutschland Wiesbaden Landtag Hessen Ministerpräsident Volker Bouffier mit Bildzeitung (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Hessens Ministerpräsident Bouffier empörte sich über die Wortwahl "in die Fresse"

So wie 2013, als Andrea Nahles im Bundestag während einer Rede anfing zu singen. Mit dem Pippi-Langstrumpf-Lied "Ich mach' mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt" wollte sie Kritik an der Bundesregierung üben. 2014, da war sie Bundesarbeitsministerin, brach zum Thema Rente mit 63 der Satz "Für die Leute machen wir das, verdammte Kacke nochmal", aus ihr heraus. Darf eine hochrangige Politikerin, eine Ministerin, eine Frau so auftreten, so reden?

Bundeskanzlerin oder Hausfrau

Wo Andrea Nahles geboren und aufgewachsen ist, in der Vulkaneifel, südlich von Bonn und westlich von Koblenz, da sind die Menschen nicht zimperlich und sie nehmen in der Regel kein Blatt vor den Mund. Bundeskanzlerin oder Hausfrau wolle sie werden, sagte 1989 die Abiturientin Nahles. Will heißen: Entweder politische Karriere machen, oder im Dorf Weiler bleiben, wo Nahles seit ihrer Geburt im Jahr 1970 auf dem Bauernhof ihrer Urgroßeltern lebt.

Archivbild: Andrea Nahles 1996 (picture-alliance / dpa)

Jung, links und radikal: Andrea Nahles als Juso-Vositzende 1996

So oft es geht, ist die 48-jährige hier. Schon allein wegen ihrer siebenjährigen Tochter Ella aus der 2016 geschiedenen Ehe mit dem Kunsthistoriker Marcus Frings. In Weiler ist Nahles in erster Linie "die Andrea" und nicht Juso-Vorsitzende, SPD-Generalsekretärin, Bundesarbeitsministerin oder, wie jetzt, SPD-Parteichefin und Fraktionsvorsitzende. "Wenn ich Samstags die Straße kehre, kommen da immer ein paar Leute vorbei, da wird viel gequatscht und ich weiß, was die Leute wirklich beschäftigt", so Nahles.

Schon früh geht sie ihren eigenen Weg

"Katholisch, Arbeiterkind, Mädchen, Land" - es sei nicht unbedingt logisch gewesen, dass sie in der SPD Karriere machen würde, so beschreibt Nahles ihren Werdegang. Ihr Vater war Maurer, "hatte Schulter, Knie, Rücken kaputt". Das prägte die Tochter, die schon früh politisch links denkt. In ihrem kleinen, christlich-konservativen Heimatdorf gründet sie mit 18 Jahren einen SPD-Ortsverein. Kritisch und voller Argwohn beäugt von den Dorfbewohnern. Selbst ihre Mutter findet warnende Worte, denn sie fürchtet, die Tochter könne Unruhe ins Dorf bringen.

Nahles beeindruckt das alles nicht. Sie geht ihren politischen Weg. Für ihr Studium der Germanistik und Politik in Bonn bleibt nicht viel Zeit. 20 Semester braucht sie für ihren Magister-Abschluss, die Doktorarbeit bleibt unvollendet. Stattdessen wird Nahles mit 23 Jahren Vorsitzende der Jungsozialisten in Rheinland-Pfalz. Zwei Jahre später ist sie Bundesvorsitzende der Jusos, die zu diesem Zeitpunkt in der Partei nur noch wenig zu sagen haben. Nahles ändert das. Auch, indem die junge Frau vorlaut und frech auftritt. Sie sei "ein Gottesgeschenk an die SPD" urteilt 1995 der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine, der Nahles politisches Talent früh entdeckt.

Mit Kinderliedern drückt sie Kritik aus

Da hat ihn die Juso-Chefin mit der wilden Lockenmähne gerade dabei unterstützt, Rudolf Scharping den SPD-Vorsitz zu entreißen. "Rudolf, das war mir zu viel Lirum, Larum, Löffelstiel", schießt Nahles Scharping auf dem Bundesparteitag 1995 in Mannheim sturmreif. Es soll nicht der letzte SPD-Vorsitzende bleiben, an dessen Sturz Andrea Nahles maßgeblich beteiligt ist.

Archivbild: Andrea Nahles 1996 (picture alliance / Michael Jung/dpa)

Oskar Lafontaine und Andrea Nahles verstanden sich blendend

1997 wird Andrea Nahles Mitglied im SPD-Vorstand, 1998 Bundestagsabgeordnete. Es ist das Jahr, in dem Gerhard Schröder Bundeskanzler wird. Seine Politik ist ihr nichts links genug. Vor allem an der Arbeitsmarktreform "Agenda 2010" lässt sie kein gutes Haar. "Für die Agenda kriegen wir vielleicht irgendwann einmal den Ehrenpreis für aufrichtige Reformen, doch eine Wahl gewinnen wir so nicht", urteilt Nahles und trifft damit schon früh eine Grundstimmung in der SPD.

Geliebt werden in der SPD nur wenige

Zur Parteibasis hatte sie immer einen engen Draht. Dort gilt sie als geradlinig und authentisch. Das Herz der SPD hat sie trotzdem nie gewonnen. Ob bei der Wahl zur SPD-Generalsekretärin oder zur Parteivorsitzenden - die Abstimmungsergebnisse waren stets mager. Mit gerade einmal 66 Prozent wurde Andrea Nahles am 22. April 2018 zur ersten Frau an der Spitze der SPD gewählt, das ist das zweitschlechteste Ergebnis in der Parteigeschichte.

Andreas Nahles eine Neue - SPD (picture-alliance/dpa/U. Baumgarten)

Erste Frau an der SPD-Spitze - aber mit schlechtem Ergebnis

Das mag auch daran gelegen haben, dass Nahles mit der Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange eine starke Gegenkandidatin hatte. Zumal eine, die lieber heute als morgen aus der großen Koalition mit der Union aussteigen würde. So denken viele in der SPD, Andrea Nahles aber eben nicht. Sie will die SPD in der Regierung halten und ist deswegen stets um Ausgleich mit der Union bemüht. Im Ergebnis wirkt das zu oft so, als habe Nahles ihre Courage und ihren politischen Spürsinn verloren. Zu brav, zu mutlos sind sie heute - die SPD und Nahles.

Was passiert auf der Vorstandsklausur

Nach den desaströsen Wahlergebnissen in Bayern und Hessen ist auch die SPD-Chefin angezählt. Nicht nur Peer Steinbrück, einst Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat, fordert die Ablösung von Nahles. In der Forderung eines linken Bündnisses in der Partei heißt es: "Es ist nach 12 Uhr. Die Talfahrt der SPD wird zum freien Fall. Schluss mit Beschwichtigungen und dem angeblich x-ten Neustart in der großen Koalition." Gefordert wird der Rücktritt der SPD-Führungsspitze, ein Sonderparteitag für das Ende der Koalition und die Urwahl eines neuen Vorsitzenden.

Dass ihr Stuhl wackelt, weiß Andrea Nahles. Sie muss jetzt liefern und das heißt, kämpfen. Auf einer Vorstandsklausur am Sonntag und Montag sollen Beschlüsse über konkrete politische Vorhaben in der GroKo gefasst werden. Die Neuausrichtung der Partei soll bis Anfang 2019 stehen. Die SPD-Vorsitzende weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, um ihren Status wieder zu festigen. Eine Chance, mehr nicht. Aber Andrea Nahles wird sie zu nutzen wissen.

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