Amnesty erhebt schwere Vorwürfe gegen Anti-IS-Koalition | Aktuell Nahost | DW | 25.04.2019
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Syrien

Amnesty erhebt schwere Vorwürfe gegen Anti-IS-Koalition

Einem Amnesty-Bericht zufolge sollen bei Luftangriffen der US-geführten Anti-IS-Koalition im syrischen Rakka hunderte Zivilisten getötet worden sein. Zehn mal mehr als die Koalition selbst angegeben hatte.

Syrien US-geführter Luftschlag gegen IS in Rakka 29.10.2014 (Reuters/N. Fourat)

Angriff auf Rakka: Ein US-geführter Luftschlag gegen den "Islamischen Staat" 2014

Luftangriffe der US-geführten internationalen Koalition zwischen Juni und Oktober 2017 haben in der syrischen Stadt Rakka nach Erkenntnissen von Menschenrechtlern mehr als 1600 Zivilisten das Leben gekostet. Diese Zahlen stellten Amnesty International und die Organisation Airwars in London vor. 

Das US-geführte Militärbündnis soll im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) Bomben zum Teil nicht zielgenau abgeworfen und mit zahlreichen Artillerieangriffen wahllos Zerstörung angerichtet haben. "Es ist nicht überraschend, dass dabei Hunderte Zivilisten getötet und verletzt wurden", sagte Donatella Rovera, Chefberaterin bei Amnesty International. Mehr als 11.000 Gebäude wurden den Angaben zufolge zerstört. Die Militärkoalition habe jedoch bislang für den beobachteten Zeitraum nur die Verantwortung für den Tod von 159 Zivilisten übernommen, teilte Amnesty International mit.

Die Organisationen haben 18 Monate lang den Einsatz der Anti-IS-Koalition aus USA, Frankreich und Großbritannien in Syrien beobachtet. Die Menschenrechtler untersuchten Interviews, Satellitenbilder und Videos. Sie werteten so die direkten Folgen der Luftangriffe sowie der Artillerieangriffe der Koalitionstruppen aus, die von Juni bis Oktober 2017 die IS-Hochburg Rakka im Norden Syriens zurückerobert hatten. Bis dahin hatten die Dschihadisten beinahe vier Jahre in der Stadt geherrscht.

Syrien - ar-Raqqa (Getty Images/AFP/D. Souleiman)

Rakka nach den Angriffen: Aufnahmen aus der Stadt von Oktober 2018

Amnesty International und Airwars fordern nun die beteiligten Staaten auf, uneingeschränkt aufzuklären, was in Rakka schiefgegangen sei. Denn bei vielen der dokumentierten Fälle könne es sich um Menschenrechtsverstöße handeln. Die US-geführte Koalition müsse einen unabhängigen Mechanismus einführen, um künftig selbst möglichst zügig ermitteln zu können. Opfer und deren Familien müssten zudem entschädigt werden.

"Raketen schlugen rund um die Uhr ein"

Den Erkenntnissen nach wurde beispielsweise am Abend des 25. September 2017 ein fünfstöckiges Wohnhaus getroffen. Im Keller hätten zu der Zeit vier Familien Zuflucht gesucht. Mindestens 32 Menschen, unter ihnen 20 Kinder, seien getötet worden. Eine Überlebende wurde zitiert mit den Worten: "Flugzeuge bombardierten und Raketen schlugen rund um die Uhr ein und IS-Scharfschützen waren überall. Man konnte kaum atmen." Sie habe alle verloren, die ihr wichtig waren, ihre vier Kinder, ihren Ehemann, die Mutter und die Schwester. Mit Blick auf die Militärkoalition fügte sie demnach hinzu: "War das Ziel nicht, die Zivilisten zu befreien?"

ISIS Kämpfer in Raqqa Syrien 29.06.2014 (Reuters)

In der Hand des IS: Rakka im Jahr 2014, damals noch unter Kontrolle der Terrormiliz

Der sogenannte "Islamische Staat", der jeweils rund ein Drittel von Syrien und dem Irak kontrollierte, wurde durch verschiedene militärische Akteure zurückgeschlagen. Dazu gehörten die syrische und irakische Armee, die USA, ihre Koalitionspartner in Europa, ebenso wie Russland und der Iran.

Terrormiliz vertrieben

Die Terrormiliz wurde in diesem Jahr von US-gestützten Kämpfern aus ihren letzten Hochburgen vertrieben. Die internationale Anti-IS-Koalition, angeführt von Washington, unterstützte das irakische Militär und kurdische Kämpfer in Syrien. Die nahmen im Oktober 2017 die Stadt Rakka ein, nachdem die Koalition zuvor fünf Monate lang aus der Luft Angriffe flog.

Bereits im vergangenen Jahr erklärte Amnesty International, es gebe Hinweise dafür, dass bei Luft- und Artillerieangriffen das Leben von Zivilisten gefährdet und dadurch internationale Konventionen missachtet wurden. Zum ersten Mal legt die Organisation nun eine Zahl der vermeintlichen Todesopfer vor.

pgr/haz (epd, rtr, amnesty.org)

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