Als Besatzer zu Beschützern wurden | Politik | DW | 24.06.2018
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70 Jahre Berliner Luftbrücke

Als Besatzer zu Beschützern wurden

Vor 70 Jahren sperrte die Sowjetunion alle Versorgungswege nach Westberlin. In der Not starteten die Westmächte eine historische Rettungsaktion: Eine Luftbrücke für mehr als zwei Millionen Einwohner.

Seit seinem Amtsantritt unterzieht US-Präsident Donald Trump die deutsch-amerikanischen Beziehungen einem Stress-Test. Es scheint mittlerweile mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu geben. Doch die wirtschaftlichen, kulturellen und historischen Verbindungen beider Länder gelten als immer noch so eng, dass sie wohl auch diese Präsidentschaft überdauern. Die Tiefe der deutsch-amerikanischen Freundschaft gründet auch auf einem Ereignis vor 70 Jahren.

Es ist das Frühjahr 1948: Vor drei Jahren ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Der Traum Adolf Hitlers vom tausendjährigen Nazi-Reich und seine rassistische Ideologie hat Millionen Menschen das Leben gekostet. Deutschland liegt in Trümmern. Nun hoffen die Überlebenden auf bessere Zeiten. Doch auf dem Wiederaufbau liegt schon der Schatten des Kalten Krieges. Mit tiefem gegenseitigen Misstrauen beobachten sich die westlichen Alliierten und die Sowjetunion. Die Spannungen sind besonders im aufgeteilten Berlin spürbar. Die Stadt wird im Westen von den Siegermächten USA, Großbritannien sowie Frankreich und im Osten von der Sowjetunion regiert.

Luftaufnahme Berlin 1945 (Imago)

Schutt und Asche: Berlin ist nach dem Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört

In den drei Sektoren der Westmächte leben rund zwei Millionen Menschen wie auf einer Insel mitten im sowjetischen Machtbereich. Sowohl das die Stadt umschließende Ostdeutschland wie Osteuropa sind fest in der Hand Moskaus. West-Berlin wird lediglich über eine Eisenbahnstrecke, eine Autobahn und einige Wasserwege versorgt; durch das Gebiet des kommunistischen Lagers. Am 20. Juni 1948 kommt es zur Kraftprobe zwischen West und Ost. Die Alliierten beschließen eine Währungsunion: die Geburtsstunde der D-Mark.

Krise durch Einführung der D-Mark

Deutschland soll durch eine harte Währung wirtschaftlich stabilisiert werden. Auch in West-Berlin wird die D-Mark eingeführt. Die Sowjetunion will das nicht akzeptieren. Sie befürchtet, dass die Einführung der neuen Währung den Sonderstatuts Westberlins als Brückenkopf der Alliierten inmitten ihres Gebiets festigt. Der schwelende Konflikt wird zum offenen Streit. "Damit kommt es zum Riss zwischen den drei westlichen Besatzungsmächten und der sowjetischen Seite", sagt Bernd von Kostka vom Berliner Alliierten-Museum der Deutschen Welle. "Eine gemeinsame Deutschlandpolitik war durch die Währungsunion unmöglich geworden."

Berlin Sektoren (picture-alliance/360-Berlin/J. Knappe)

Berlin wird in vier Sektoren von den Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion regiert

In der Nacht auf den 24. blockieren die Sowjets alle Zufahrtswege in den Westteil. Dort gehen bald die Lichter aus. 75 Prozent des Stroms liefert das Umland. Der Ostblock plant die Zermürbung der Bewohner, um die Alliierten aus der geteilten Stadt herauszudrängen. "Keiner wusste, was ist los. Die Amerikaner nicht und wir", erzählt der Zeitzeuge Gerhard Bürger. Auf der Projekt-Webseite Gedächtnis der Nation der Stiftung Haus der Geschichte sind Bürgers Erinnerungen und die anderer Zeitzeugen abrufbar. "Die Angst davor, dass die Amerikaner uns verlassen, dass wir sozusagen den Russen in die Hände fallen würden, war unheimlich groß", berichtet Bürger weiter.

Westberlin als Vorposten der Freiheit

Die Alliierten halten die Stellung. Obwohl es um die frühere Hauptstadt des erst kürzlich besiegten Feindes geht, der Teile der Welt mit Tod und Vernichtung heimgesucht hat. Die USA sehen in Westberlin einen Vorposten der Freiheit -  ein Bollwerk gegenüber dem Kommunismus, das es zu verteidigen gilt. Weil die Alliierten mit der Sowjetunion kein Abkommen über die Nutzung der Landstrecken geschlossen hatten, haben sie keine rechtliche Handhabe gegen die Blockade. Eine militärische Option steht aufgrund des hohen Risikos nicht ernsthaft zur Debatte.

Immerhin verfügen die Westmächte über drei zugesicherte Luftkorridore. Was also tun? Die Zeit drängt! Den Westberlinern droht der Hungertod. "Es fing sofort an, dass über die normale Rationierung hinaus rationiert wurde. Es war ein Einschnitt in das Leben, wie er sich erheblicher nicht auswirken konnte", beschreibt der Berliner Eberhard Schönknecht die damalige Lage.

59. Jahrestag der Beendigung der Berlin-Blockade (picture-alliance/dpa/W. Kumm)

Ein amerikanischer Veteran salutiert vor dem Denkmal der Berlin-Blockade. Von Berlinern wird es die Hungerkralle genannt

US-Präsident Harry S. Truman beschließt in Absprache mit den Verbündeten eine spektakuläre Rettungsaktion: Die Versorgung komplett aus der Luft. Der Plan eine so gewaltige Luftbrücke einzurichten, "wurde vorbehaltlich unterstützt. Denn man hatte keine Alternativen, sodass man diese provisorische Luftbrücke - diese Idee, das Unvorstellbare zwei Millionen Menschen aus der Luft zu versorgen - angefangen hat", sagt Bernd von Kostka vom Alliierten-Museum.

Starterlaubnis für die Rosinenbomber

Am 26. Juni starten die ersten Maschinen der US-amerikanischen Luftwaffe von Frankfurt und Wiesbaden aus zum Flughafen Tempelhof in Berlin. Die Franzosen, die unmittelbar unter der deutschen Besatzung gelitten hatten, brauchen länger, um sich für die Unterstützung zu entscheiden. Schon bald fliegen die Transporter rund um die Uhr. Im 90-Sekunden-Takt starten und landen sie auf den Flughäfen Tempelhof im US-Sektor, auf Gatow im britischen Gebiet und von Dezember 1948 an auf den von den Franzosen ausgebauten neuen Flughafen Tegel.

Berlin - Tempelhof 1948 (picture-alliance/Everett Collection)

Transportmaschinen warten am Flughafen Tempelhof auf ihre Entladung

Täglich benötigt der eingeschlossene Westteil Berlins im Durchschnitt mindestens 5000 bis 6000 Tonnen Lebensmittel und Kohle. Zum größten Einsatz kommt es vom 15. zum 16. April 1949. Innerhalb von 24 Stunden liefern rund 1.400 Flüge fast 13.000 Tonnen Fracht. Die Piloten der Luftbrücke sind im Dauereinsatz, oft übermüdet, und riskieren ihr Leben, um die Stadt bei jedem Wetter anzufliegen. Einige Flugzeuge stürzen ab. Die Propellermaschinen, die von den Berlinern Rosinenbomber genannt werden, fliegen bei der Landung so tief über der Stadt, dass sich Besatzung und Einwohner zuwinken können. Piloten werfen mit selbst gebastelten Fallschirmen Schokolade und Kaugummis für die Kinder ab. "Die Einstellung damals zur Luftbrücke, die war unter uns Jugendlichen absolut toll", erinnert sich Günter Schliepdiek. "Die Sympathie für die Amerikaner war bei uns durchweg sehr, sehr groß".

Unglaubliche Entbehrungen für Bevölkerung

Entscheidend ist nicht allein die logistische Meisterleistung der Alliierten, sondern auch der Durchhaltewillen der Eingeschlossenen. Auf der Multimediaseite vom Projekt Gedächtnis der Nation beschreibt Walther Hofer die Lage im Winter, in der jeder Haushalt innerhalb eines Tages nur eine Stunde lang Elektrizität hatte, "weil man die Kohle für die Elektrizitätswerke heranfliegen musste. Das wechselte von Woche zu Woche, sodass man unter Umständen die einzige warme Mahlzeit morgens um ein Uhr kochen konnte." Von Heizen sei keine Rede gewesen. "Das sind unglaubliche Entbehrungen gewesen, die die Bevölkerung auf sich genommen hatte", urteilt der Schweizer Historiker Hofer, der 1950er Jahren an der Freien Universität Berlin lehrte.

Ernst Reuter und die Wolgadeutschen (picture alliance / akg-images)

Der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter bittet um Beistand für das eingeschlossene Westberlin

Am 9. September appelliert der Westberliner Bürgermeister Ernst Reuter (SPD) in einer historischen Rede an die Westmächte, Berlin nicht fallen zu lassen. "Ihr Völker der Welt, Ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich: Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass Ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt", ruft Reuter in die Mikrofone vor der Ruine des Reichstagsgebäudes.

Logistische Meisterleistung der Alliierten

Mit jedem Tag der Luftbrücke gewinnen die Westmächte in der internationalen Öffentlichkeit an Sympathien, während die Sowjets im Ansehen sinken. Schließlich erkennt der sowjetische Diktator Josef Stalin: Er kann den Machtpoker nicht gewinnen. Am 12. Mai 1949 beendet er die Blockade nach Geheimverhandlungen mit den USA. Bis dahin haben die Alliierten in rund 260.000 Flügen nach Westberlin mehr als 2,1 Millionen Tonnen Versorgungsgüter befördert. Eine logistische Meisterleistung. Nicht nur für die Westberliner, sondern auch die Westdeutschen ist die Luftbrücke von enormer symbolischer und psychologischer Bedeutung.

Luftbrücken-Denkmal am Flughafen in Frankfurt Rosinenbomber-Pilot (picture-alliance/dpa/B. Roessler)

Der als "Rosinenbomber-Pilot" bekannt gewordene Gail Halvorsen steht vor dem Luftbrücken-Denkmal am Flughafen in Frankfurt am Main. Der US-Amerikanische hatte als Erster die Idee, für die Berliner Kinder Süßigkeiten abzuwerfen

Die Deutschen fühlten sich wieder in die Wertegemeinschaft des Westens aufgenommen, erklärt Bernd von Kostka im Gespräch mit der DW: "Die Deutschen haben die Alliierten dann nicht mehr primär als Besatzungsmächte empfunden, sondern eher als Schutzmächte."

Von der Luftbrücke bis zur transatlantischen Freundschaft mit den USA war es nur noch ein kleiner Schritt. Von Kostka hofft, dass dieser Zusammenhalt nicht unter Trumps Außenpolitik nachhaltig leiden wird. Es sieht die Luftbrücke auch als Beispiel, wie man in heutigen Krisen- und Konfliktregionen durch internationale Zusammenarbeit helfen könnte -  wie beispielsweise in Syrien. "Man hat gesehen, dass die Versorgung aus der Luft gut möglich ist. Und mit der Transportkapazität heutiger Frachtflugzeuge könnte man die Menge der Luftbrücke in einem Bruchteil der Flüge in jede beliebige Stadt auf der Welt bringen."

 

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