Urenco: Der Atomkonzern und das Problem mit den Uranabfällen | Wissen & Umwelt | DW | 04.03.2020
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Urenco: Der Atomkonzern und das Problem mit den Uranabfällen

Aus dem Vertrag von Almelo, unterzeichnet vor 50 Jahren, ging der heute global agierende Atomkonzern Urenco hervor. Sein wachsendes Atommüllproblem lässt ihn Gesetze unterwandern – mit Billigung der Bundesregierung.

Die Geschäfte des Urananreicherers Urenco geraten zunehmend in die Kritik. Mit Standorten in Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland und den USA ist der Global Player weltweit der zweitgrößte Lieferant für Atomanlagen. 70 Prozent des in den USA verwendeten angereicherten Urans stammt von Urenco. Auch Reaktoren, die Tritium zur Modernisierung des US-Nuklearwaffenprogramms herstellen, werden damit betrieben.

In Westeuropa sind etwa die Hälfte aller Atomkraftwerke auf Urenco-Uran angewiesen. Dass ausgerechnet die Urananreicherungsanlage im westfälische Gronau die umstrittenen belgischen Reaktoren nahe der deutschen Grenze beliefert, kritisieren Atomkraftgegner und Politiker der Linken und Grünen seit Jahren.

Die Urenco-Niederlassung, die trotz des deutschen Atomausstiegs über eine unbegrenzte Betriebsgenehmigung verfügt, geriet zuletzt im Herbst 2019 in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass seit Mai 2019 mehrere Tonnen Uranhexafluorid (UF6) von Gronau nach Russland gelangt waren. Wachsende Proteste und Blockaden in NRW, den Niederlanden und Russland begleiteten zwei weitere Transporte entlang der Strecke.

Deutschland | Ostermarsch -Gronau

Seit Jahren demonstrieren Menschen in Nordrhein-Westfalen gegen die Uran-Anreicherungsanlage Urenco

Der einfachste Weg zur Atombombe

Die Geburtsstunde des Konzerns schlug mit der Unterzeichnung des Vertrags von Almelo vor 50 Jahren, am 4. März 1970. Deutschland, die Niederlande und Großbritannien vereinbarten eine enge Zusammenarbeit, um eine damals neue Technologie zur Urananreicherung für Atomreaktoren bis zur Anwendungsreife zu entwickeln.

Das neuartige Verfahren war wesentlich energieeffizienter, hatte jedoch einen großen Nachteil: In den Gaszentrifugen kann auch hochangereichertes, atomwaffenfähiges Uran hergestellt werden. Deshalb wurde im Vertrag von Almelo festgelegt, dass das später entstehende kommerzielle Unternehmen Urenco nur für zivile Zwecke produzieren dürfe und strenger Kontrolle unterliege.

Spionage allerdings wurde damit nicht verhindert. Bereits 1975 wurden Blaupausen aus dem niederländischen Almelo gestohlen, für das pakistanische Atomwaffenprogramm benutzt und in den 80er Jahren auch an Nordkorea, Libyen und Iran verkauft.

Das Atomgesetz verbietet eine Entsorgung im Ausland

Bis heute wird der Atomkonzern, der zu je einem Sechstel den Energieriesen RWE und Eon gehört, zwar offiziell von einem deutsch-englisch-niederländischen Gremium überwacht. Doch die staatliche Kontrolle lasse zu wünschen übrig, sagen Kritiker. Das zeigt sich vor allem im Umgang mit dem schwach radioaktiven, abgereicherten Uran, das in großen Mengen an allen Urenco-Standorten als Abfall entsteht.

Video ansehen 05:47

Deutschland sucht ein Endlager für den Atommüll

In Deutschland ist es verboten, eigenen Atommüll im Ausland zu entsorgen. Laut Heinz Smital, Experte bei Greenpeace, gilt dieser Grundsatz auch im europäischen Recht, doch im deutschen Atomgesetz ist er besonders klar formuliert. Deshalb ist für ihn völlig inakzeptabel, dass die Bundesregierung Urantransporte nach Russland billigt, die nur durch einen Trick formaljuristisch als legal bezeichnet werden können: Urenco deklariert das abgereicherte Uran nicht als "Müll", sondern als "Wertstoff", da es am Zielort Novouralsk wiederangereichert werde.

Smital hält diesen Grund für vorgeschoben. Wegen des viel zu niedrigen Urangehalts lohne sich eine Wiederanreicherung wirtschaftlich nicht; sie produziere außerdem erneut Atommüll. Etwa 90 Prozent des Urans würden als Abfall in Russland verbleiben, sagt er: "Das sind verkappte Atommüllexporte, und für Urenco ist es eine billige Form der Müllentsorgung." Auch nach russischem Recht, so ergänzt er, sei das illegal.

Tödlicher Nebel

Udo Buchholz empören solche Atommüllverschiebungen schon seit langem. Der Gronauer wohnt nur anderthalb Kilometer von der Urananreicherungsanlage entfernt. Er fürchtet die radioaktive Gefahr und noch mehr die chemische.

Sollte etwa bei einem Brand in der Anlage eines der großen, unter freiem Himmel lagernden Stahlfässer Leck schlagen oder gar bersten, könnte das austretende Uranhexafluorid mit Feuchtigkeit reagieren und einen Nebel aus hochgiftiger Flusssäure bilden; atmet man diesen ein, verätzt das Gift die Lunge.

Laut Urenco gibt es zwar keine brennbaren Materialien in der Nähe der Container. Doch die Möglichkeit eines Flugzeugsabsturzes wird nicht bestritten. In diesem Fall, so räumte die Firma 2002 ein, könne es im Nahbereich zu Todesfällen und bei der Bevölkerung im Umkreis von 4 km zu bleibenden Schäden kommen. In der neusten Firmenbroschüre heißt es dagegen verharmlosend, kurzzeitige gesundheitliche Schäden drohten "nur wenn der dabei auftretende, deutlich sichtbare Flusssäurenebel nicht gemieden wird". Für Buchholz ist das purer Zynismus.

Infografik - Strecke der Uranmüll-Transporte - DE

Kein Käse aus Frankreich, aber Atommüll aus Deutschland?

Dass durch die Transporte nach Russland die Abfallmenge in Gronau kurzfristig abnimmt, beruhigt ihn nicht.

"Es kann doch keine Lösung sein, die Gefahren einfach zu exportieren und sie anderen Menschen zuzumuten." Erst recht nicht, wenn man befürchten müsse, dass die Sicherheitsstandards am Zielort weit niedriger seien als in Gronau.

Deshalb kämpfte er erst gegen den Bau, jetzt für die Schließung der deutschen Atomanlage. Und protestiert gegen die Transporte, wie schon 2008, nachdem russische Aktivisten durch Satellitenaufnahmen enthüllten, dass in Novosibirsk lagernde UF6-Fässer vor sich hin rosteten.

Über Jahre hinweg war Uran aus Gronau dorthin gebracht worden, bis Urencos Vertragspartner Rosatom 2009 – auch wegen damaliger Proteste – den Vertrag nicht mehr verlängerte. Rashid Alimov von Greenpeace Russland befürchtet einen sorglosen Umgang mit Atommüll auch im jetzigen Zielort Novouralsk. Informationen dazu bleiben jedoch in der Stadt am Ural, in der Rosatom ein riesiges Urananreicherungskombinat betreibt, unter Verschluss.

Umso bedeutsamer ist für Alimov, dass während des letzten Transportes Ende 2019 erstmalig auch Menschen in Novouralsk protestierten. Er selbst wurde nach einer Protestaktion in St. Petersburg kurzzeitig festgenommen. Einschüchtern lässt er sich dadurch nicht.

Proteste gegen Atommüll aus Deutschland vor dem deutschen Generalkonsulat in St.Petersburg

Proteste gegen Atommüll aus Deutschland vor dem deutschen Generalkonsulat in St.Petersburg

"Immer mehr Menschen begreifen, wie absurd das ist: Dass wir beispielsweise keinen Käse aus Frankreich, aber scheinbar radioaktiven Abfall importieren dürfen," sagt er mit Blick auf die EU-weiten Russlandsanktionen.

Zusammen mit anderen Umweltorganisationen gelang es Greenpeace, innerhalb von drei Monaten 70000 Unterschriften gegen die Uranimporte zu sammeln. Alimov berichtet, ein Vertreter des Bundesumweltministeriums habe ihm bei der Petitionsübergabe gesagt, Ministerin Schulze (SPD) werde bis Ende der Legislaturperiode nichts unternehmen, um die Transporte zu stoppen oder gar eine Schließung der Anlage in Gronau zu erreichen. Der Widerstand innerhalb der Koalition sei einfach zu stark.

Ein drittes Endlager für Urenco-Müll?

Allein für den deutschen Urenco-Müll wäre ein drittes, bisher nicht eingeplantes Endlager notwendig, erläutert Atomexperte Smital. Wer die Kosten dafür tragen soll, ist völlig unklar. Urenco Deutschland muss für die Entsorgung seines Mülls Rückstellungen bilden. Laut Smital sind sie zu niedrig angesetzt, und dennoch belasten sie die Bilanzen. Denn die Rückstellungen steigen mit wachsenden Atommüllberg in Gronau.

Doch nicht nur nach Russland wurde radioaktiver Abfall aus Gronau transportiert. Durch Wiederanreicherungs-Verträge mit der britischen und niederländischen Urenco-Filiale wurden in den letzten vier Jahren 12700 Tonnen abgereichertes Uran ins britische Capenhurst und über 8000 Tonnen nach Almelo exportiert.

Der Müll verbleibt in diesen Ländern. Wie Recherchen des WDR ergaben, wurden 2016 auch aus der Urenco-Niederlassung Capenhurst 12 000 Tonnen UF6 nach Russland verschoben. Weitere 6000 Tonnen werden bis 2022 folgen - laut Vertrag von Gronau, Capenhurst oder Almelo aus.

Video ansehen 03:38

Recycling von Atommüll - ein lukratives Geschäft