Alleinerziehende Väter in Russland nach Leihmutterschaft unter Verdacht | Europa | DW | 17.10.2020
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Europa

Alleinerziehende Väter in Russland nach Leihmutterschaft unter Verdacht

Die Behörden suchen gezielt nach Daten alleinstehender Männer und verhören sie wegen angeblichen Kinderhandels. Betroffene sprechen von einem Angriff auf schwule Väter, die eine Leihmutterschaft in Anspruch nahmen.

Bald wird sie drei Jahre alt, die Tochter von Wladimir (Name geändert), eines jungen Anwalts aus einer russischen Großstadt. Seine gesamte Familie hatte sich über das Mädchen gefreut - seit drei Generationen wurden bei ihnen nur Jungen geboren.

Unterstützung bei der Betreuung des Kindes bekommt der junge Vater von seinen Eltern, Verwandten und der 80-jährigen Großmutter, die jetzt eine begeisterte Nanny ist. Wie genau das Mädchen zur Welt kam, weiß nur das engste Umfeld. Die Nachbarn können es sich denken, stellen aber keine Fragen.

"Als ich den Kinderwunsch hatte, konnte ich unter mehreren Kliniken für Reproduktionsmedizin auswählen", erinnert sich Wladimir. Entschieden habe er sich für das günstigste Angebot. Die In-vitro-Fertilisation mit einer Spenderzelle kostete 250.000 Rubel. Eine Frau aus der Ukraine war die Leihmutter. Insgesamt gab Wladimir rund zwei Millionen Rubel (umgerechnet 22.000 Euro) aus, von denen die Hälfte an die Leihmutter ging.

Doch nach einer schwierigen Geburt kam das Baby in ein Kinderkrankenhaus. Die Ärzte rieten Wladimir, sich schnell um alle Formalitäten zu kümmern. Die Geburtsurkunde, in der die Zeile "Mutter" durchgestrichen ist, wurde nach seinem Antrag bei Gericht innerhalb von einer Woche ausgestellt.

Wladimir blieb bei seiner Tochter bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus. "Wir lagen dort lange", berichtet er der DW. Danach ging er in Elternzeit. Aufgrund von Wartezeiten meldete er schon damals seine Tochter beim Kindergarten an. Zudem bezieht er seitdem Kindergeld. "Es ist schön, dass der Staat uns als Familie anerkennt", so Wladimir, den seine Tochter manchmal "Papa-Mama" nennt. Wenn die Zeit reif ist, will er seine Tochter darüber aufklären, wie sie auf die Welt gekommen ist.

"Ich bekam schreckliche Angst"

Aber der junge Vater sieht sein Familienglück in Gefahr. Ende September hatte er von Freunden erfahren, dass die russischen Behörden unverheiratete Männer mit Kindern von Leihmüttern verhaften wollen. Entsprechende Informationen waren an die Presse durchgesickert - im Zusammenhang mit Ermittlungen in einem Verfahren wegen Kinderhandels, das seit Anfang 2020 läuft.

Russland Moskau | Untersuchungskomitee | Befragung Alexei Uljukajew, ehemaliger Minister für wirtschaftliche Entwicklung (picture-alliance/dpa/Tass/A. Novoderezhkin)

Gebäude der russischen Ermittlungsbehörde

"Um ehrlich zu sein: ich habe schreckliche Angst bekommen. Seitdem ich alleinerziehender Vater bin, bin ich noch nie mit Homophobie konfrontiert worden. Anscheinend geht es jetzt los - das ist gemein", sagt Wladimir. Er wolle nicht fliehen, fügt aber hinzu: "Wenn so eine Atmosphäre herrscht, dann ist es besser auszuwandern. In Deutschland habe ich eine Cousine und Freunde. Das ist wahrscheinlich der beste Ort für uns."

Alleinerziehende Männer im Visier der Ermittler

Auch der Rechtsanwalt Igor Trunow hat die Drohungen gegen schwule Väter öffentlich gemacht. Trunow vertritt Angeklagte in einem Verfahren, das anfangs überhaupt keine "alleinstehenden Väter" zu betreffen schien. Im Januar 2020 starb ein Neugeborenes in einer Wohnung in der Nähe von Moskau an plötzlichem Kindstod. Die Polizei stellte fest, dass in der Wohnung weitere Kinder waren - alle von Leihmüttern. Betreut wurden sie von einem Kindermädchen, das den Tod des Babys gemeldet hatte.

Im russischen Fernsehen tauchten daraufhin Berichte über die "verdächtige Wohnung" auf und die Behörden begannen mit Ermittlungen. Die Babys aus jener Wohnung kamen in Heime, obwohl auf sie alle Eltern warteten, darunter auch aus dem Ausland. Da sie es aber nicht rechtzeitig zur Geburt ins Land geschafft hatten, wurden die Kinder per Vollmacht vorübergehend unter die Aufsicht eines Kindermädchens gestellt, was ein übliches Verfahren ist.

Doch die Behörden erweiterten die Strafsache um weitere Fälle von Leihmutterschaft und ermittelten von da an wegen organisierten Menschenhandels mit Todesfolge. Daraufhin kam es zu Festnahmen.

Angeklagt sind mindestens zehn Personen, darunter Ärzte und zwei Leihmütter. Die meisten sind Mitarbeiter der Firma "Rosjurconsulting", die eine Leihmutterschaft rechtlich begleitet, sowie des "Europäischen Zentrums für Leihmutterschaft" (ECSM), das sich mit der Auswahl, der medizinischen Untersuchung und Unterkunft der Leihmütter beschäftigt. Beide kooperieren seit vielen Jahren und haben Hunderte von Kunden betreut.

Screenshot der Facebookseite von Konstantin Svitnev (Konstantin Svitnev/Facebook)

Konstantin Switnjew

"Ich arbeite seit 2003 in Übereinstimmung mit dem Gesetz. Wir waren die erste Kanzlei, die in diesem Bereich in Russland tätig wurde. Jetzt gibt es Hunderte Agenturen für Leihmutterschaft. Ermittelt wird aber nur gegen mich und Personen, die ich beraten habe", sagt der Chef von "Rosjurconsulting", Konstantin Switnjew, der DW. Ihm zufolge wollten die Ermittler beweisen, dass mit Babys Handel getrieben wurde, dass Neugeborene einfach an Klienten übergeben wurden, ohne dass Ei- oder Samenzelle von den Eltern für die Befruchtung verwendet worden war. "Das ist aber nicht der Fall", versichert Switnjew. Die Verteidigung habe bereits die Ergebnisse eines genetischen Gutachten als Beweis vorgelegt.

Was hat das mit schwulen Vätern zu tun?

Wie sich herausstellte, ermittelten die Behörden nicht nur wegen Kinderhandels, sondern die Ermittler wollten auch feststellen, welche sexuelle Orientierung Klienten von "Rosjurconsulting" und des ECSM haben. Laut Medienberichten sollten die Ärzte bei den Verhören unter anderem über "Anzeichen für Homosexualität" ihrer Klienten Auskunft geben.

"Ich selbst habe Kunden noch nie danach gefragt!", sagt Switnjew empört, dem im Jahr 2010 ein Gericht ausdrücklich bestätigt hat, dass auch alleinstehende Männer an Leihmutterschafts-Programmen teilnehmen können. "Es sieht vor allem nach einem Angriff der Behörden auf Personen mit nicht traditioneller sexueller Orientierung aus, was natürlich eine absolute Diskriminierung darstellt", sagt er.

Ein Beleg dafür, dass die Ermittler gezielt nach schwulen Vätern suchen würden, seien die Durchsuchungen in Kliniken, mit denen "Rosjurconsulting" und ECSM zusammenarbeiten. Im September sei dort vor allem nach Daten von alleinstehenden Männern gesucht worden. Ferner wurden laut Switnjew mehrere alleinstehende Väter telefonisch zu Gesprächen mit den Ermittlern eingeladen. Die zuständige Behörde, das "Untersuchungskomitee der Russischen Föderation", hat die Berichte über die Verhöre weder bestätigt noch dementiert. Eine Anfrage der DW blieb unbeantwortet. "Das Schweigen sagt viel. Man hat sie auf frischer Tat ertappt", so Switnjew.

Er rät seinen Kunden, sich auf solche informellen Gespräche mit Ermittlern nicht einzulassen und immer eine offizielle Vorladung zu verlangen. Darüber hinaus rät er, unbedingt einen DNA-Test durchzuführen und alle medizinischen Unterlagen über die Leihmutterschaft zu kopieren und notariell zu beglaubigen. Doch mindestens zwei seiner Kunden, so Switnjew, hätten es inzwischen vorgezogen, Russland mit ihren Kindern zu verlassen.

Adaption: Markian Ostaptschuk

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