Aktienrückkäufe: Ein Kurstreiber bricht weg | Wirtschaft | DW | 06.05.2020
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Aktienmärkte

Aktienrückkäufe: Ein Kurstreiber bricht weg

Die Corona-Krise zwingt Unternehmen auch in den USA zum Sparen. Viele verzichten deshalb auf den bisher oft betriebenen Rückkauf eigener Aktien - mit langfristigen Folgen für die Märkte.

Chris Nassetta wollte ein Zeichen setzen. Es war Anfang März, das Corona-Virus hatte Unternehmen und Märkte bereits fest im Griff, da schaltete der Chef der Hotel-Kette Hilton plötzlich auf Angriff. Zwei Milliarden Dollar gab er frei, um sie in Aktienrückkäufe zu investieren. Es sollte ein Vertrauensvotum sein gegenüber Anlegern und Mitarbeitern. Nur drei Wochen später folgte das bittere Dementi: Nasetta strich die Rückkäufe, kürzte die Belegschaft, setzte die Dividende aus und versuchte alles, um das Geld bei Hilton zusammenzuhalten.

Das Corona-Virus zwingt Unternehmenschefs wie Nasetta zum Kahlschlag. Investitionen und Ausgaben werden gekürzt, die Liquidität der Firma verteidigt. Vergangene Woche verkündete der Autobauer General Motors, man werde auf Dividende und Aktienrückkäufe verzichten, um die laufenden Kosten decken zu können. Auch der Öl-Riese Chevron, die US-Bank JP Morgan Chase oder die Kreuzfahrtgesellschaft Carnival zückten den Rotstift. 51 US-Unternehmen haben in den letzten Wochen ihre Aktienrückkauf-Programme suspendiert, sagt die Investmentbank Goldman Sachs. Bis Jahresende könnte die Summe der Rückkäufe damit um 50 Prozent auf 371 Milliarden Dollar sinken.

"Einfluss auf die Kapitalmärkte"

Zuletzt wurde zur Finanzkrise so wenig in den Rückkauf eigener Aktien investiert. "Bei Managern stehen Aktienrückkäufe derzeit ganz unten auf der Prioritätenliste", sagt David Kostin, Analyst bei Goldman Sachs. Die Flut an Produktionsstopps, Entlassungen und zunehmender sozialer und politischer Druck werde die Ausgaben für Aktien massiv beschneiden – mit deutlichen Folgen für die Entwicklung der Aktienkurse in den kommenden Monaten: "Der Rückgang wird einen signifikanten Einfluss auf die Kapitalmärkte haben."

Symbolbild -USA- Wirtschaft - Anstieg Dow Jones (Getty Images/S. Platt)

Aktienrückkauf - Triebfeder an den Börsen

Analysten wie Kostin sehen in Aktienrückkäufen die maßgebliche Triebfeder hinter dem Bullenmarkt der letzten zehn Jahre. Damit Unternehmen darauf verzichten, muss viel geschehen. Eigene Papiere zurückzukaufen, gilt als probates Mittel, um den eigenen Aktienkurs in die Höhe zu treiben. So steigen die Wertpapiere von Aktien-Rückkäufern zwölf Monate nach Ankündigung der Maßnahmen im Schnitt 13 Prozent stärker, sagt etwa Morgan Stanley. Gleichzeitig erhöht sich der Gewinn pro Aktie, weil viele Firmen die Papiere direkt nach Erwerb vernichten. Das verringert die Zahl der am Markt verfügbaren Aktien – was den Gewinn pro Papier treibt, und das ist die entscheidende Messgröße an der Börse.

800 Milliarden Dollar

Mehr als 800 Milliarden Dollar haben US-amerikanische Firmen im Rekordjahr 2018 in die eigene Kurspflege investiert. Seit der Finanzkrise sind so mehr als vier Billionen Dollar in firmeneigene Aktien geflossen. Krösus unter den Aktien-Rückkäufern ist der iPhone-Hersteller Apple, der im Schnitt mehr als zehn Milliarden Dollar für den Zukauf eigener Aktien ausgibt – pro Quartal. Fast 250 Milliarden Dollar hat der Smartphone-Riese damit allein in den letzten fünf Jahren ausgegeben.

Welche Folgen der plötzliche Verzicht für die Aktienmärkte haben wird, zeigt ein Blick auf die Kursentwicklung seit der Finanzkrise. "Ohne die massiven Aktienrückkäufe würde der S&P500 heute deutlich tiefer liegen", sagt Ed Clissold, Chef-Stratege bei Ned Davis Research. Seine Berechnungen zeigen: Hätte kein einziges der 500 größten amerikanischen Unternehmen in den letzten zehn Jahren Kurs-Kosmetik betrieben – und wäre das Geld nicht anderweitig in Dividenden oder Reinvestitionen geflossen –, wäre der S&P500 heute 21,6 Prozent weniger wert.

Frankreich Paris | Apple Store am Champs-Elysees (picture-alliance/AP Photo/C. Ena)

Ausnahme Apple - Kurspflege auch in der Corona-Krise

Selbst wenn das Geld reinvestiert oder an die Aktionäre ausgeschüttet worden wäre, würde der Index ohne Aktienrückkäufe zwei bzw. zehn Prozent niedriger notieren. Auch die Volatilität, also die Schwankungen der Kurse, hätte stark zugenommen. "Ohne einen stetigen Zufluss unternehmenseigener Rückkäufe, würde es keine konsistente Nachfrage nach Aktien geben", sagt Brian Reynolds, Chef-Marktstratege bei Reynolds Strategy. Weder ETFs, also Börsenfonds, noch Pensionsfonds, Großinvestoren oder Privatanleger hätten in den letzten Jahren beständig zur Wertsteigerung der US-Aktienmärkte beigetragen. "Aktienrückkäufe sind die einzigen Nettokapitalzuflüsse seit der Finanzkrise."

Ausnahme Apple

Dass so wenige Papiere zurückgekauft werden wie zuletzt vor zehn Jahren, hat auch politische Gründe. Schon lange ist diese Art der Kurspflege in Washington verpönt. Gerade erst hat der Kongress Bedingungen an die Auszahlung von Corona-Hilfsgeldern geknüpft. Nur diejenigen Unternehmen bekommen eine finanzielle Stütze, die eine Ausschüttung von Dividenden und den Aktienrückkauf für zwölf Monate einschränken. Prompt stoppten Dutzende US-Firmen entsprechende Ausgaben - darunter die fünf größten amerikanischen Airlines, die in den letzten zehn Jahren 96 Prozent ihrer Barmittel in Aktienrückkäufe investiert haben. Auch die acht größten US-Banken sind darunter, die in den kommen vier Quartalen eigentlich 119 Milliarden Dollar in eigene Aktien stecken wollten.

Lediglich ein Unternehmen scheint sich von den Corona-Sorgen komplett frei zu machen. Der iPhone-Gigant Apple vermeldete Ende April nicht nur steigende Umsatzzahlen, sondern auch eine Erhöhung der Quartalsdividende. Zudem sollen weitere 50 Milliarden Dollar in den Rückkauf eigener Aktien fließen. Damit dürfte Apple auch in diesem Jahr stärkster US-Aktien-Rückkäufer bleiben.

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