Agent Orange - der lange Schatten des Vietnamkriegs | Wissen & Umwelt | DW | 07.05.2021
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Kriegswaffe

Agent Orange - der lange Schatten des Vietnamkriegs

Das im Vietnamkrieg versprühte Entlaubungsmittel enthielt das hochgiftige Dioxin TCDD. Bis heute leiden Millionen Menschen unter Spätfolgen und noch immer werden Kinder mit schwersten Fehlbildungen geboren.

Agent Orange bezeichnet ein chemisches Entlaubungsmittel, das von der US-Luftwaffe zwischen 1962 und 1971 im Vietnamkrieg großflächig eingesetzt wurde. Ziel war die Entlaubung der dichten Wälder, um die Verstecke und Versorgungswege des Feindes (Vietcong) aufzudecken. Außerdem wurden aus Flugzeugen und Helikoptern auch Ackerflächen besprüht, um dem Vietcong die Nahrungsgrundlage zu entziehen.

Die Bezeichnung Agent Orange hat nichts mit Spionage zu tun, sie stammt von den orangefarbenen Streifen, mit denen die Fässer gekennzeichnet waren. Agent heißt in dem Zusammenhang Wirkstoff. Entsprechend hießen die andersfarbig gekennzeichneten Herbizide Agent Blue, Agent Green, Agent Pink, Agent Purple oder Agent White.

Mehr als 6000 Einsätze führten die US-Streitkräfte während des Krieges mit den verschiedenen Entlaubungsmitteln durch. Dabei wurden insgesamt 45.677.937 Liter  Agent Orange  versprüht.

Woraus bestand Agent Orange?

Die eingesetzten Entlaubungsmittel waren herstellungsbedingt mit dem chlorhaltigen Giftstoff 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) verunreinigt. 

Das Archivbild vom Juli 1993 zeigt eine Gruppe von Kindern mit körperlichen Mißbildungen auf der Betreuungsstation des Tu Du Hospitals in Ho Tschi Minh Stadt in Vietnam. Die Mißbildungen rühren von dem Agent Orange-Einsatz der Amerikaner während des Vietnam-Krieges her.

Auch drei Generationen nach dem TCDD-Einsatz kommen viele Neugeborene mit schweren Fehlbildungen zur Welt.

TCDD gilt als giftigster Vertreter der Dioxine. Seit einem verheerenden Unfall in einer italienischen Chemiefabrik 1976 wird das dort ebenfalls freigesetzte TCDD auch als Seveso-Gift bezeichnet. Die Schätzungen der insgesamt in Vietnam freigesetzten Mengen Dioxin schwanken zwischen 106 bis über 300 kg.

Wie wirkt TCDD?

Der Kontakt mit TCDD kann zunächst zu Chlor-Akne führen, eine pockenartige Hautverletzung im Gesicht, die als erstes Symptom einer schweren Dioxinvergiftung gilt. Eine Dioxinvergiftung kann unmittelbar zu schweren Organschäden, insbesondere der Leber führen.

TCDD wirkt aber auch teratogen, es schädigt also das ungeborene Kind im Mutterleib. Auch drei Generationen nach dem Einsatz kommen viele Neugeborene in Vietnam mit schweren Fehlbildungen oder Erkrankungen zur Welt.

Schätzungsweise zwei bis vier Millionen Menschen sind von den Spätfolgen betroffen, mindestens 100.000 Kinder wurden mit Behinderungen geboren.

Neben den schweren Fehlbildungen gelten mehr als 20 Krankheiten als direkte Folge von Agent Orange, darunter Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Wirbelsäulenspalten, Immunschwächen, Nervenleiden, Diabetes und Parkinson.

Ein vietnamesicher Soldat vor einem Warnschild, das vor dem betreten eines verseuchten Brachlandes warnt.

Das versprühte Gift ist auch mehr als 45 Jahre nach Kriegsende noch immer im Nahrungskreislauf zu finden.

Auch Krebs wie Leukämie, Prostatakrebs und andere gelten als Spätfolgen von Agent Orange. Zwar konnte ein direkter Zusammenhang zwischen Tumorbildungen und Agent Orange nicht nachgewiesen werden, aber Dioxin ist erwiesenermaßen krebserregend.

Außerdem ist TCDD sehr persistent, es verbleibt also sehr lange in der Umwelt. Deshalb ist das versprühte Gift auch mehr als 45 Jahre nach Kriegsende noch immer in den Böden und Gewässern und damit im Nahrungskreislauf zu finden.

Wer hat Agent Orange hergestellt?

Hergestellt und geliefert wurde Agent Orange für die US-Streitkräfte unter anderem von den US-Firmen Dow Chemical und Monsanto, das heute zum Bayer-Konzern gehört.

In der intensivsten Phase des Vietnam-Krieges zwischen 1967 und 1968 wurde auch am meisten Agent Orange versprüht. Dies führte zu Lieferengpässen, so dass für die Herstellung auch Zwischenprodukte der tschechischen Chemiefirma Spolana bezogen wurden. Dow Chemical verhandelte auch mit dem deutschen Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim über eine Lizenz für ein T-Säure-Produktionsverfahren, um dieses für militärische Zwecke zu nutzen. Boehringer Ingelheim weist jedoch den Vorwurf zurück, direkt oder indirekt, bspw. durch Vorprodukte oder Grundstoffe, zur Herstellung von Agent Orange beigetragen zu haben. Der Lizenz-Vertrag mit Dow Chemical sei nicht zustande gekommen.

Gilt Agent Orange juristisch als Chemiewaffe?

Durch den großflächigen Einsatz wurden auch US-Soldaten mit Agent Orange besprüht. Als bei ihnen ein Zusammenhang zwischen den gesundheitlichen Schäden und dem Dioxin anerkannt wurde, reichten betroffene Soldaten Sammelklagen gegen mehrere Herstellerfirmen ein.

Eine Mutter mit zwei Kindern, die Missbildungen durch Agent Orange erlitten haben.

Bislang erhielten die vietnamesischen Opfer keine Entschädigung

1984 kam es zu einem außergerichtlichen Vergleich. Im folgenden Jahr richteten sieben Firmen einen Fonds über 180 Millionen Dollar für Entschädigungszahlungen ein. Das war die bis dahin höchste jemals in einem Vergleich gezahlte Summe.

In den kommenden zehn Jahren zahlte der Fonds 197 Millionen Dollar an 52.000 Veteranen und Hinterbliebene aus.

Die vietnamesischen Opfer erhielten dagegen bis heute keine Entschädigung. Eine entsprechende Sammelklage in den USA wurde 2005 abgewiesen. Der Einsatz von Agent Orange sei "keine chemische Kriegsführung" und deshalb kein Verstoß gegen internationales Recht gewesen.

Der Artikel wurde zuletzt am 11.05.2021 aktualisiert und eine Stellungnahme von Boehringer Ingelheim ergänzt.