Afrin eingekesselt - die Opfer sind Zivilisten | Nahost | DW | 16.03.2018
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Syrien

Afrin eingekesselt - die Opfer sind Zivilisten

Die türkische Armee belagert Afrin im Nordwesten Syriens und schickt sich an, die kurdische Stadt im Häuserkampf zu erobern. Viele Zivilisten können die Stadt nicht verlassen und befürchten das Schlimmste.

Erstmals sei Beginn des türkischen Angriffs auf Afrin hätten die Kämpfe das Stadtgebiet selbst erreicht, berichtet Naz Siyid. "Die türkische Armee und ihre Verbündeten von der Freien Syrischen Armee sind bis zur ersten Häuserreihe im Nordwesten vorgerückt", so die kurdische Journalistin telefonisch gegenüber der DW. In der Nacht und am Morgen seien das Stadtzentrum und ein Flüchtlingskonvoi Richtung Osten bombardiert worden, mit 18 toten Zivilisten und über 45 Verletzten.

Die Menschen in der Stadt hätten große Angst. Denn die Angriffe beschränkten sich nicht auf militärische Ziele und es gebe kaum Keller und Schutzräume in der Stadt, bestätigt auch der Arzt Mohamed Abdo. In den vergangenen Tagen seien das Krankenhaus und weitere medizinische Einrichtungen getroffen worden. Es fehle an medizinischem Personal und an Medikamenten, vor allem weil immer mehr Bewohner Durchfallerkrankungen bekämen.

Seitdem die türkische Armee am 8. März den Staudamm der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht hat, gibt es kein fließendes Wasser mehr. Die Einwohner sind für ihre Versorgung auf Brunnen angewiesen, deren Wasser meist verunreinigt sei, so Abdo. Nahrungsmittel fehlten bisher allerdings nicht, berichten die Journalistin und der Arzt übereinstimmend.

Syrien Afrin - Konflikt Türkei-Kurden (Getty Images/AFP/A. Shafie Bilal)

Bei türkischen Bombardements auf Afrin sterben immer wieder Zivilisten

Ethnische Säuberungen in Afrin?

Noch gestern sei es ruhig gewesen auf dem Platz des Friedens im Zentrum von Afrin, erzählt Mohamed Abdo beim Telefonat mit der DW. Die Menschen kamen und gingen, der Verkehr auf den Straßen floss und die Lebensmittelgeschäfte hatten geöffnet. Die Explosionsgeräusche in der Ferne schienen hier niemanden großartig zu beeindrucken. "Nach zwei Monaten haben wir uns an den Krieg gewöhnt, das liegt wohl in der Natur des Menschen", so der Arzt. Das hat sich über Nacht geändert.

Laut Naz Siyid vertreibt die türkische Armee systematisch Kurden aus ihren Häusern und ersetzt sie durch turkmenische Bewohner. Siyid bestätigt damit die Vorwürfe der Kurdenmiliz PYD, die Türkei betreibe in Afrin eine ethnische Säuberung. "Ich habe das mit eigenen Augen an verschiedenen Fronten beobachtet, und auch mehrere Vertriebene haben mir davon berichtet. Dass Turkmenen neu angesiedelt werden, weiß ich allerdings nur aus Berichten", so die Journalistin. Der Arzt Abdo betont hingegen, dass die türkische Armee kurdischen Zivilisten erlaube, in die von ihr eroberten Höfe und Dörfer zurückzukehren.

Syrien Aleppo Checkpoint Syrische Armee (Reuters/O. Sanadiki)

Checkpoints der syrischen Armee und der Kurdenmilizen verlangen umgerechnet 1000 Euro pro Person

"Die Zivilisten sind allen egal - auch dem Westen"

Tausende Zivilisten hätten in den vergangenen zwei Tagen die Stadt verlassen und versucht, sich in die Orte Nubbul und Zahra durchzuschlagen, die die syrische Armee kontrolliert, erzählen Abdo und Siyid. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London spricht von 30.000 Flüchtlingen am Donnerstag und über 10.000 am Freitag. Das sind knapp 15 Prozent der Bevölkerung von Afrin, die auf 300.000 geschätzt wird.

Den einzigen Fluchtkorridor beschieße mittlerweile die türkische Armee, berichtet die Journalistin Siyid. Der Arzt Abdo sagt, dass sowohl die Straßensperren der Kurdenmiliz als auch die des syrischen Regimes von jedem Zivilisten umgerechnet 1000 Euro verlangen, um ihn passieren zu lassen. "Jeder, der den Betrag nicht bezahlen kann, wird in die Stadt zurückgeschickt", so Abdo. "Das Schicksal der Zivilisten ist allen Kriegsparteien egal - auch dem Westen."

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