Afrikas Schulen: Lokale Sprachen auf dem Vormarsch | Afrika | DW | 15.09.2018
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Afrika

Afrikas Schulen: Lokale Sprachen auf dem Vormarsch

Viele afrikanische Kinder verstehen ihre Lehrer nicht. Denn die sprechen oft europäische Sprachen: Englisch, Französisch, Portugiesisch. Die Suche nach Alternativen läuft in vielen Ländern - und sie ist kompliziert.

Bis zu 2000 verschiedene Sprachen gibt es in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara. Doch in den Klassenzimmern spiegelt sich diese Vielfalt nicht wieder. Der Unterricht findet oft in Sprachen statt, die auf die Kolonialherrschaft zurückgehen - obwohl manche Kinder beim Schuleintritt kein einziges Wort davon verstehen. 

Kontraproduktiv, sagen Experten: "Wenn Sie eine Maßnahme suchen, um Kinder vom Lernen abzuhalten, dann haben Sie diese bereits gefunden: Durch das Unterrichten in einer Sprache, die sie in ihrem Umfeld nicht hören", sagt die norwegische Bildungsforscherin Birgit Brock-Unte. Derzeit hält sie eine Gastprofessur an der Witwatersrand-Universität in Südafrika. "Die Forschung zeigt sehr deutlich, dass man mit der Muttersprache oder einer anderen vertrauten Sprache starten sollte." 

Eine ganz andere Atmosphäre im Klassenzimmer

Das geschieht nun in einigen Ländern Afrikas. Grundschulen beziehen Lokalsprachen in den Unterricht ein: von Leseförderung über Sprachkurse bis zum ausschließlichen Unterrichten in der Lokalsprache. Gerade im Grundschulalter ist die Muttersprache von fundamentaler Bedeutung; das belegen wissenschaftliche Studien wie der "Global Education Monitoring Report 2016" der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO). Mindestens sechs Jahre sollen die Kinder demnach in ihrer Muttersprache lernen, sonst lernen sie nur langsam oder es entstehen Lücken. In der Muttersprache seien die Kinder aktiver und kritischer, die Atmosphäre im Klassenzimmer sei ganz anders, erzählt auch Brock-Unte. So habe sie es bei Forschungsaufenthalten in Tansania und Südafrika erlebt. 

 Schüler in Tansanias Hauptstadt Dar Es Salaam steigen in einen Bus (DW/E. Boniphace)

Nicht alle Schüler in Afrika verstehen ihre Lehrer

Die Deutsche Welle hat nachgeforscht, wie verschiedene Länder mit der Sprachenfrage umgehen. In Nigeria gibt es um die 500 Sprachen - doch der Unterricht findet meist auf Englisch statt. Ein Pilotprojekt versucht jetzt, die verbreitetsten Lokalsprachen Haussa, Yoruba und Igbo im Unterricht zu fördern: In den ersten Jahren soll in diesen Sprachen unterrichtet werden. Ähnlich sieht es im Senegal aus, dessen Staats- und Unterrichtssprache Französisch nur knapp ein Drittel der Senegalesen beherrschen. Dort gibt es Projekte für zweisprachigen Unterricht: In Französisch und einer weiteren Sprache.  Auch in Mosambik - Amtssprache Portugiesisch - sollen 23 der lokalen Landessprachen auf diesem Weg als Unterrichtssprachen in die Grundschulen einziehen. Äthiopien war im Gegensatz zu diesen Ländern nie lange kolonial besetzt, tut sich aber trotzdem mit der Einführung der Lokalsprachen im Unterricht schwer. Denn die Verwendung nur einer Lokalsprache könnte auf großen Widerstand der anderen Sprachgruppen stoßen, sagt Axel Fleisch, Professor für Afrikanistik an der Universität Frankfurt. "Da kann es natürlich so sein, dass das Englische als internationale Sprache, die gewissermaßen niemandem so richtig gehört, dann eher das neutrale Medium ist."

Hohe Kosten 

"Natürlich wäre es besser, wenn die Kinder in einer Sprache lernen, die sie schon kennen. Nur ist die Frage: Welche Sprache kennen sie denn?", fragt Rose Marie Beck, Afrikanistik-Professorin an der Universität Leipzig. Die meisten Kinder wüchsen von sich aus mehrsprachig auf und in nur wenigen Ländern Afrikas könnten die Menschen auf eine weit verbreitete Sprache zurückgreifen, sagt sie. Deshalb sollten die Lehrer mehrere Sprachen flexibel verwenden, um die Kinder zu unterrichten. Das alles kostet Geld. Organisationen wie USAID oder die Internationale Organisation der Frankophonie bieten Hilfe bei der Entwicklung von passendem Unterrichtsmaterial und der Lehrerausbildung an. Doch der Weg zu flächendeckender Versorgung ist noch weit. 

Zurückhaltung bei Eltern und Eliten 

Und: Nicht immer stößt die Verwendung der Lokalsprachen im Unterricht auf Zuspruch. Angehörige der gehobenen Mittelschicht oder der Eliten setzten auf europäische Sprachen, sagt Fleisch. Und sie seien auch an politischen Entscheidungen beteiligt, zum Beispiel darüber, welche Sprache an den Schulen verwendet werden soll. "Und für sie ist die Verwendung der ehemaligen Kolonialsprachen kein Problem. Sie haben die Mittel, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken. Und ihre Kinder sind wahrscheinlich schon bei Schuleintritt in diesen Sprachen weit genug." So könnten die Eliten ihre Vorteile zementieren, denn für höher qualifizierte Berufe seien europäische Sprachen immer noch wichtig. Laut Brock-Utne arbeite jedoch nur eine Minderheit später in diesen Bereichen. Es reiche daher, diese internationaleren Sprachen im Rahmen eines Schulfaches zu lernen, nicht als Unterrichtssprache. 

Schüler sitzen in einem Klassenraum in Kenias Hauptstadt Nairobi (picture-alliance/Photoshot)

Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder europäische Sprachen lernen

Eine weitere Schwierigkeit: "Viele Eltern glauben, auch wenn sie die Kolonialsprachen selbst nicht sprechen, dass Kinder eine Fremdsprache am besten lernen, wenn diese als Unterrichtssprache verwendet wird", sagt Brock-Utne. Doch das stimme nicht: Auch die Lehrer sprächen diese Sprachen oft nicht fließend und brächten den Kindern Fehler bei.  

Die Lösung: Afrikanische Mehrsprachigkeit 

Die in Afrika vorherrschenden Unterrichtssprachen Englisch, Portugiesisch und Französisch haben in den meisten Fällen ihre Wurzeln in der kolonialen Besetzung des afrikanischen Kontinents. Doch auch afrikanische Sprachen würden in ihrer verschriftlichten Form häufig als ein Kolonialerbe angesehen, sagt Afrikanist Fleisch. In Südafrika gingen Studenten auf die Straße, um in Englisch studieren zu können und nicht in den Lokalsprachen, die das Apartheidregime gefördert hätte, sagt er. 
Viele der verschriftlichten Sprachen seien eigentlich Dialekte derselben Sprache, erklärt Brock-Utne. Missionaren hätten sie an verschiedenen Orten unterschiedlich aufgeschrieben, als sie die Bibel übersetzt haben.  Deshalb müsse man sich in vielen Fällen erst einmal auf eine von mehreren Schriftformen einigen, bevor Unterrichtsmaterial  entwickelt werden könne. 

Der kenianische Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Ngugi wa Thiong’o hat seine eigene Vorstellung davon, welche Sprachen wann in der Schule gelernt werden sollten: "Zuerst kommt die Muttersprache, dann eine weitere afrikanische Sprache, die hilft, sich mit Menschen aus anderen Sprachräumen Afrikas zu verständigen. Erst dann kommen Englisch, Französisch und andere Sprachen", sagte er in einem Interview mit der DW. Wenn in Afrika nur Englisch und Französisch gesprochen werde, vermittle das den Eindruck, Wissen käme - wie die Sprachen - von außen. 

Mitarbeit: Mohammed Khelef

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