Perspektive gesucht: Schule statt Flucht | Europa | DW | 28.11.2017
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

EU-Afrika-Gipfel

Perspektive gesucht: Schule statt Flucht

In Afrika werden schon in 80 Jahren viermal so viele Menschen leben wie heute. Vor allem die Jugend braucht Perspektiven und - gute Bildung. Damit hofft Brüssel, den Migrationsdruck Richtung Europa zu bremsen.

Afrika Zentralafrikanische Republik Zongo Flüchtlingszentrum (DW/W. Bashi)

Viele Kinder können nur im Zelt unterricht werden, wie hier in der Demokratischen Republik Kongo

"Der Unterricht in unserem Flüchtlingslager in Uganda findet, wenn überhaupt, in Zelten oder unter Bäumen statt", sagt Natalia Mbisimo Peace. "Es gibt einfach nicht genug Schulen." Peace floh vor vier Jahren mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg im Südsudan ins benachbarte Uganda. "Seitdem bin ich nicht mehr in die Schule gegangen", sagt die heute 20-Jährige. Sie hofft, ihre Ausbildung irgendwann fortsetzen zu können. Peace spricht in Brüssel vor hochrangigen Vertretern der Europäischen Union (EU) und der Vereinten Nationen - Tage vor dem EU-Afrika-Gipfel. Sie will sich Gehör verschaffen für die Probleme ihrer Generation.

Die sind auch Thema beim Gipfeltreffen in Abidjan, dem Regierungssitz der Elfenbeinküste. Bei dem Gipfel wollen sich die EU-Spitzen mit der Afrikanischen Union beraten, um bessere Perspektiven für junge Menschen, Frieden und Stabilität zu schaffen - und die Migration Richtung Europa abzudämpfen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihr Kommen angekündigt.  

Bildung als Lösung

Natalia Mbisimo Peace (DW/A. De Loore)

Natalia Mbisimo Peace: "Nicht genug Schulen"

"Bildung ist das, was wir am meisten brauchen", sagt Peace. Selbst wenn der Unterricht stattfindet, könnten viele Kinder und Jugendliche nicht daran teilnehmen, weil sie beispielsweise Wasser für ihre Familien beschaffen müssten. Mohamed Malick Fall vom UN-Kinderhilfswerk gibt ihr Recht. Die Situation in Uganda sei auf dem afrikanischen Kontinent leider kein Einzelfall. Besonders deutlich zeige sich das Problem in seinem eigenen Land, Nigeria.

"Allein in Nigeria gehen zehn Millionen Kinder nicht zur Schule. Das ist ein Fünftel aller Kinder weltweit, die keinen Zugang zu Bildung haben", rechnet Fall vor. In Nigeria, wie in Uganda, würden vor allem gewaltsame Konflikte und Terror Kinder von den Schulen fernhalten. 

Uganda Flüchtlingslager in Nakivale (DW/S. Schlindwein)

In Flüchtlingslagern in Uganda, wie hier in Nakivale, leidet der Schulalltag unter der fehlenden Infrastruktur

Eine weitere Ursache liege in dem jungen Heiratsalter. "Mit 20 haben viele Mädchen dann schon fünf oder gar sechs Kinder", sagt Fall. Eine Ausbildung der jungen Mütter finde nicht mehr statt. Der Klimawandel und dadurch ausgelöste Naturkatastrophen, wie beispielsweise Dürren, würden das Problem zusätzlich beschleunigen. Fall sorgt sich vor allem um die Entwicklung in den nächsten Jahren. UN-Prognosen zufolge soll sich Nigerias Bevölkerung bis zum Jahr 2050 auf 400 Millionen Einwohner verdoppeln. Bis zum Jahr 2100 werden in ganz Afrika über vier Milliarden Menschen leben. Fast jeder zweite Afrikaner wird dann jünger als 15 Jahre sein - also im besten Schulalter, rein theoretisch. 

Arbeitsplätze statt Flucht

"Es ist absolut entscheidend, dass Kinder in Afrika Zugang zu Bildung haben", sagt EU-Kommissar Christos Stylianides im Gespräch mit der DW. Er ist zuständig für die Entwicklungshilfe der EU. Nur durch Bildung könne man den Jungen zeigen, "dass sie in Afrika eine Zukunft haben, dass es Hoffnung für sie und ihre Familien gibt", so der Politiker. 

EU Kommissar Christos Stylanides (DW/A. De Loore)

EU-Kommissar Stylianides: "Bildung ist die Grundlage"

Was passiert, wenn junge Menschen in Afrika keine Zukunft mehr sehen, weiß Cécile Kyenge. Sie war bis 2014 Italiens Integrationsministerin und zuständig für tausende Migranten, die jährlich über das Mittelmeer nach Italien gekommen sind. Jetzt ist sie als Europaabgeordnete für die Zusammenarbeit mit Afrika zuständig. Mit Bildung allein ist es für sie aber nicht getan. "Die jungen Leute verlassen Afrika, weil sie auf Grund der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Probleme keine Perspektive sehen", sagt die Europaabgeordnete.

Daher müssten die Ursachen der Migration auf verschiedenen Ebenen bekämpft werden. Junge Menschen müssten eine Chance bekommen, sich vor Ort beruflich etwas aufzubauen. Hier könnten europäische Konzerne, die bereits in Afrika aktiv sind, mehr Arbeitsplätze für junge Afrikaner schaffen, sagt Kyenge. Für jene, die in Afrika keine Zukunft sehen, sollten legale und sichere Wege nach Europa geschaffen werden, damit weniger Migranten im Mittelmeer den Tod finden.

Cecile Kashetu Kyenge (picture alliance/AP Photo)

EU-Abgeordnete Kyenge kam als Jugendliche aus dem Kongo nach Italien, um dort zu studieren

"Afrika muss Verantwortung übernehmen"

Kyenge hofft, dass das Gipfeltreffen zwischen europäischen und afrikanischen Staatschefs konkrete Ergebnisse bringt, damit weniger Leute für den Traum von Europa ihr Leben riskieren. Zuversichtlich ist sie aber nicht. Kyenge sieht bei der Lösung der Probleme nicht nur Europa in der Pflicht. "Wir sind an einem Punkt angekommen, wo auch Afrika Verantwortung übernehmen und sich in den Griff bekommen muss", sagt Kyenge. Als Beispiel nennt sie den Kampf gegen Diktaturen. Europa solle Afrika dabei aber nicht alleine lassen.

Auch für Mohamed Malick Fall von UNICEF ist es wichtig, dass die nötigen Veränderungen von der Bevölkerung in Afrika ausgehen. Die EU könne und solle Afrika dabei aber unterstützen. Fall ist überzeugt, dass die ersten positiven Entwicklungen bereits sichtbar sind. "In Nigeria beispielsweise, wo Boko Haram aktiv ist, sehe ich täglich junge afrikanische Lehrer, Ärzte und Krankenschwestern, die unter Lebensgefahr ihre Arbeit verrichten."

Mohamed Malick Fall (DW/A. De Loore)

"Konflikte verhindern die Ausbildung", sagt Mohamed Malick Fall von UNICEF

Man dürfe aber nicht den Fehler machen und denken, dass diese Probleme schnell gelöst werden können, so Fall. Trotzdem ist er optimistisch: "Jede Initiative, die hilft, die Gesellschaft in Konfliktgebieten oder nach Naturkatastrophen wieder aufzubauen, ist ein Schritt in die richtige Richtung." Dadurch könne den Menschen vor Ort Hoffnung gegeben werden. So müssten weniger Menschen ihre Heimat Richtung Europa verlassen.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema