Afrikas Opioid-Krise: Schmerzmittel im Tee | Afrika | DW | 26.06.2019
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UN-Weltdrogentag

Afrikas Opioid-Krise: Schmerzmittel im Tee

Billige Schmerzmittel machen in großen Teilen Afrikas immer mehr Menschen abhängig. Auch Terrorgruppen profitieren vom illegalen Handel. Das Problem: Für ernsthaft Kranke fehlen legale und sichere Alternativen.

An diesem Mittwoch, am "Weltdrogentag", wenn die Vereinten Nationen wie jedes Jahr gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr zu Felde ziehen, denken viele in erster Linie an Heroin, Kokain, Tabak oder Alkohol. Dabei dreht sich die weltweit dramatischste Drogenkrise derzeit um Substanzen, die eigentlich in legalen Medikamenten wie Hustensaft oder Schmerztabletten enthalten sind: Die sogenannten Opioide, die heroinähnliche Rauscheffekte erzeugen und schnell abhängig machen können.

Weltweit ist der nichtmedizinische Gebrauch von Opioiden in den vergangenen zehn Jahren dramatisch angestiegen. In den USA hat Präsident Donald Trump deshalb schon 2017 den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Doch auch in vielen Teilen Afrikas fordern Opioide immer mehr Opfer. Tonnenweise werden die harmlos aussehenden und billigen Pillen auf den Kontinent geschmuggelt und auf Schwarzmärkten an die Konsumenten verkauft - ohne jegliche ärztliche Kontrolle.

UN: "Befinden uns in einer Krisensituation"

Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODOC) in Wien spricht inzwischen von einer "Krisensituation". "Immer mehr Menschen in Afrika sind abhängig von Opioiden", sagt Matthew Nice, Manager des Opioid-Programms von UNODOC. Für viele Länder gebe es derzeit noch keine genauen Zahlen, aber die Lage könne als sehr ernst bezeichnet werden. Vor allem in Ghana, Nigeria, Mali, Burkina Faso oder Togo sei der nichtmedizinische Opioid-Konsum weit verbreitet, so Matthew Nice im DW-Interview. Tramadol sei dabei eindeutig das am meisten konsumierte Mittel.

Elfenbeinküste Abidjan Medikamentenverkauf auf dem Markt (Getty Images/AFP/I. Sanogo)

Ein Markt in Abidjan, Côte d'Ivoire: In vielen Teilen Afrikas blüht der Handel mit geschmuggelten Medikamenten

Ursprünglich wurde Tramadol vom der deutschen Pharmafirma Grünenthal GmbH entwickelt  und kam 1977 unter dem Namen Tramal auf dem Markt. Als das Patent in einigen Teilen der Welt auslief, waren indische Generikahersteller zur Stelle: Sie stellten das Mittel massenweise her und belieferten auch die afrikanischen Märkte. Chinesische, nigerianische und ghanaische Pillenhersteller zogen nach.

Afrika ist besonders verwundbar

"Der Schmuggel der Pillen ist relativ leicht. Ihr Transport wird kaum kontrolliert. Es geht ja scheinbar nicht um Drogen, sondern angeblich nur um ein harmloses Medikament", so Matthew Nice. Zwar betreffe das Opioid-Problem auch andere Regionen der Welt, etwa Nordamerika. Afrika sei aber verwundbarer. Denn in den meisten Ländern Afrikas gebe es keine wirksamen Kontrollinstanzen. "Für kriminelle Organisationen bieten sich in Afrika besonders gute Möglichkeiten, Geld zu verdienen", sagt Nice.

Die Konsequenz: Immer mehr Länder werden von billigen Tramadol-Pillen überschwemmt. In Ghana etwa ist das Medikament Berichten zufolge unter Konsumenten als "Tramore" bekannt. Der Name ist doppeldeutig: Auch als Potenzmittel findet das Opioid in Ghana Anklang. In Gabun, wo Tramadol im Volksmund "Kobolo" genannt wird, ist das Mittel vor allem unter Schülern populär, die vor Prüfungen ihre Leistungsfähigkeit steigern wollen. Und in der sudanesischen Hauptstadt Khartum, berichten Augenzeugen, könne man sich an manchen Straßenständen eine Tramadol-Tablette in seinen Tee werfen lassen, um vor harter körperlicher Arbeit Kraft zu tanken.

Medikament Tramadol (Imago Images/Le Pictorium/J. Schmidt-Whitley)

Der opioide Wirkstoff Tramadol ist in Afrika allgegenwärtig

"Tramadol gibt es praktisch überall auf dem Schwarzmarkt zu kaufen", bestätigt auch der togolesische Psychiater Damega Wenkourama im DW-Interview. Und dort sei das Mittel oft extrem hoch dosiert und mache deshalb besonders schnell abhängig. "Die Leute nehmen die Pillen vor allem um sich für harte Arbeit aufzuputschen. Sie fühlen sich stärker, wacher und leistungsfähiger. Doch sie landen relativ schnell in der Abhängigkeit."

Das Krankenhaus von Kara, in dem Wenkourama Suchtkranke behandelt, war zunächst von der steigenden Zahl der Tablettensüchtigen überfordert. Mittlerweile konnte der Psychiater zwar etwas Personal ausbilden, das sich um die Abhängigen kümmert. Aber nach wie vor gibt es im Togo keine Substitutionstherapien. "Also müssen wir den sogenannten kalten Entzug praktizieren", berichtet der Wenkourama.

Medikamentenschmuggel: Die Rolle der Terrornetzwerke

Der Schmuggel von Opioiden ist nicht nur für die öffentliche Gesundheit in vielen afrikanischen Ländern ein Problem. "Es gibt Hinweise, dass einige extremistische Gruppen und Terrororganisationen am internationalen Handel mit Opioiden beteiligt sind oder davon profitieren", sagt Matthew Nice vom Opioid-Programm der Vereinten Nationen. Außerdem gebe es Berichte, wonach Gruppen wie Boko Haram oder Al-Kaida Opioide an ihre eigenen Mitglieder verteilen, um deren Furchtlosigkeit und Kampfbereitschaft zu steigern.

Auch um solchen Organisationen den Boden zu entziehen, beraten Nice und seine Mitstreiter afrikanische Sicherheitsbehörden beim Kampf gegen Schmugglernetzwerke. Wichtiger aber sei es laut Nice, einen funktionierenden, legalen Markt für Medikamente in den betroffenen Ländern aufzubauen. "Was wir vor allem sehen, ist dass in vielen afrikanischen Ländern große Mengen von Opioiden völlig unkontrolliert verkauft werden." Das liege auch daran, dass Menschen, die tatsächlich Schmerzmittel benötigten, keine Möglichkeit hätten, die Medikamente in guter Qualität auf legalem Wege zu kaufen. "Die Leute versuchen deshalb, auf anderen Wegen an Schmerzmittel zu kommen - und geschmuggeltes Tramadol ist einer dieser Wege." 

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